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EKT - Diskussion

Allgemeine Diskussion über psychische Störungen, ihre Behandlung und alles Verwandte.
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Re: EKT - Diskussion

Beitrag von padma » Samstag, 10.02.18, 17:49

von Peter Lehmann zu Elektroschocks:
(Auszug aus einem Interview mit "Depression - Heute")

Beim Elektroschocks werden Patienten nach Strich und Faden belogen. Eigentlich sollte ich hier auch weibliche Patienten erwähnen, denn Frauen werden weltweit bevorzugt elektrogeschockt. Man gaukelt den Betroffenen eine sichere Behandlungsmethode vor. Manche Psychiater wie beispielsweise David Healy aus Irland, der für seine kritische Haltung zu Antidepressiva bekannt ist, funktionalisiert deren Risiken, um den Elektroschock als unschädlichere Alternative zu bewerben. Die meisten Psychiater verschweigen bleibende Hirnschäden, bleibende Gedächtnisschäden, lebensbedrohliche Hirnblutungen, Herzstillstände, von selbst wiederkehrende epileptische Anfälle, erhöhte Zahlen von Totgeburten bei Schwangeren und vieles mehr. Erstaunlicherweise findet man jedoch all diese sogenannten Nebenwirkungen in den Lehrbüchern der Psychiater. Aber für die Öffentlichkeit fabulieren sie von neuen Nervenverbindungen, die durch Elektroschocks entstehen würden. Dabei handelt es sich bloß um Narbengewebe, das durch die Schocks entsteht. Und natürlich verwenden sie nicht mehr das Wort „Elektroschock“, sondern reden in Orwellscher Neusprache von „Hirnstimulation“. Das ändert natürlich nichts am Wirkprinzip, das daraus besteht, dass mit Wechselstrom epileptische Anfälle ausgelöst werden. In der Neurologie versucht man mit großem Aufwand, das Entstehen von epileptischen Anfällen zu verhindern, speziell deren wiederholtes Auftreten. In der Psychiatrie dagegen löst man die Anfälle gezielt aus, obwohl oder auch weil – man sehr gut über die Schäden informiert ist. Danach sind die Patienten groggy, ihre Psychosen oder Depressionen treten in den Hintergrund, bis sich die Leute wieder von dem Anfall erholt haben. Dann erhalten sie den nächsten Schock. Nach den üblichen Serien von zehn oder zwanzig Schocks ist ihre Lebenskraft in aller Regel für die nächste Zeit am Boden.

Die dauerhafte Gabe von Neuroleptika und Antidepressiva kann zu Behandlungsresistenzen führen, deshalb wird in der heutigen Zeit mehr und mehr geschockt. Ein weiterer Grund liegt in der nahezu fehlenden therapeutischen Wirkung von Antidepressiva. Wenn nach dem ersten Antidepressivum auch das zweite Antidepressivum (das zu einer anderen Substanzgruppe gehören muss) keine Wirksamkeit zeigt, kann der Arzt Elektroschocks verordnen. Dabei wäre es vernünftig, stattdessen an einer Stärkung von Selbsthilfekräften zu arbeiten, und wenn diese nicht da sind oder nicht ausreichen, unterstützende humanistische psychotherapeutische Hilfen bereitzustellen. Dass in Zeiten stärker werdender rechtsradikaler oder gar faschistischer Gesinnungen auch die während des Faschismus aufgekommenen Elektroschocks wieder hoffähiger werden, überrascht mich nicht. Die Lage in Deutschland wird auch dadurch nicht besser, dass in manchen Ländern bis zu 20-mal häufiger elektrogeschockt wird. Es zeigt nur, wie sich dieser Ungeist verbreitet hat. Deutsche Psychiater wollen den internationalen „Standard“ erreichen, das heißt, sie wollen und werden in Zukunft wesentlich häufiger schocken. Ich möchte die Öffentlichkeit davor warnen, aber gleichzeitig den Tipp geben, dass man sich davor schützen kann – zum Beispiel mit Vorausverfügungen, in denen man explizit alle Varianten von Elektroschocks ablehnt. Am besten macht man einen großen Bogen um die gefährliche Berufsgruppe von Elektroschock-Eiferern. Die meisten arbeiten an Universitätskliniken. Frauen sollten besonders vorsichtig sein, denn die meist männlichen Psychiater schocken weibliche Patienten besonders gerne.
Quelle https://www.depression-heute.de/blog/in ... e-straftat
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Re: EKT - Diskussion

Beitrag von Finchen88 » Dienstag, 20.02.18, 10:36

Ich habe dazu genau eine feste Meinung:
FOLTERMETHODE.

Eigentlich sollte jeder, der sich auch nur ein bisschen mit Medizin befasst, wissen, dass durch Elektroschocks bleibende Schäden entstehen, dass ein Elektroschock und dessen Auswirkungen nicht vorhersehbar sind
und es in keinster Weise irgendetwas "Heilbares" mit sich bringt.

Aus Angst vor Zwangsbehandlung scheidet für mich jede Klinik aus, die solch eine Methode anwendet...
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7 Jahre lang Fehldiagnose "Borderline" inklusive Fehlbehandlung

seit 2016 endlich die korrekten Diagnosen: komplexe PTBS, DIS.

mehrere Retraumatisierungen in Psychiatrien und durch Psychiater, u.a. unterlassener Hilfeleistung, Zeuge von grundloser gewaltsamer Fixierung eines Patienten durch 3 Pfleger, Verleugnung von Nebenwirkungen, Beleidigungen, Erpressung.

Venlafaxin:
* von 2010 bis Ende 2015 - 150mg
* seit Ende 2015 Reduzierung um jeweils 12.5 mg (entspricht einem Kügelchen) mit jeweils mindestens 4 Wochen pro Reduktionsschritt
* seit 15.03.2017 auf 0 mg. Entzugserscheinungen: Schwindel, Suizidgedanken, Weinattacken, dumpfes Gefühl im Kopf
* seit 31.03.2017 - 21 Kügelchen Venlafaxin, entspricht ca 6 mg
* seit Dezember 2017 auf NULL - Reduzierung stets um 1 Kügelchen, gegen Ende um 2 Kügelchen.
aktuell noch vorhandene Symptome: leichte Benommenheit, Schwitzen, Schlafprobleme

Pipamperon
* 2010 - 2/2018 (mit Unterbechung) jeweils 20mg zur Nacht
* 2/2018 - verliert Wirkung, daher 3 Tage lang Dosis verdoppelt - Wirkung wird nicht besser!
* seit 14.02.18 - Radikalentzug auf Null, stattdessen Melatonin 2mg.
Symptome: Schwitzen, Zittern (selten), Unuhe, Speichelfluss

Zusätzliche Medikation:
* bei Bedarf Tavor 1 mg und Diazepam 2.5 bis 5 mg
* bei Bedarf Naratriptan gegen Migräne
* zum Schlafen: Melatonin 2mg

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Re: EKT - Diskussion

Beitrag von DerDeh » Sonntag, 25.02.18, 21:22

Ich bin einigermaßen entsetzt über die Vermischung zwischen dem Erstarken einer politischen Rechten und der Elektroschock-Therapie. Wer so etwas äußert ist für mich nicht mehr ernst zu nehmen. Mark Fisher, ein englischer Schriftsteller hat sich im Januar umgebracht. Er litt an schweren Depressionen und meinte das kapitalistische System sei der Grund für Depressionen in der westlichen Welt. Es wird immer verrückter, wenn es darum geht die Volkskrankheit Depressionen zu erklären.
Ich denke, das jeder der hier liest sehr wohl weiß, wie unerträglich Depressionen sein können. Dass die AD nicht viel bewirken glaube ich aus eigener Erfahrung. Ketamin und Elektroschocks sollen Menschen geholfen haben. Ich sah solche Berichte im TV, wo Betroffene selbst zu Wort kamen. Allerdings gibt es solche Berichte auch über AD`s.
Ich werde mir nicht an maßen jemandem den Versuch irgendeiner Behandlungsmethode auszureden. Bevor man sich selbst tötet,wäre jeder andere Versuch zumindest zu rechtfertigen.
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Medikation: Mirtazapin 15mg
Saquinavir
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Combivir
Ranitidin 300mg
Verlauf:
Oktober 2016 - April 2017 Risperdal 1 mg
April 2017 - Oktober 2017 Pregabalin 2x75mg
Beides kalt abgesetzt ohne große Absetzproblematik.
April 2017 - Oktober 2017 Mirtazapin 30mg
Oktober 2017 Mirtazapin auf 15mg reduziert
Dezember 2017 tägl. 12,5 mg Promethazin (nach 30 Tagen abgesetzt auf Null)
Februar 2018 Beginn des Ausschleichens mit Ziel Null.
25.2 bis 04.03 jeden 2. Tag Mirtazapin 15mg ( fühlte sich falsch an)
ab 04.03 tägl. 7,5mg Mirtazapin ( 2 Nächte leichte Schlafstörungen, dann gut)

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Re: EKT - Diskussion

Beitrag von Jamie » Montag, 26.02.18, 7:59

Guten Morgen, :)

ich kenne nicht den genauen Wortlaut von Mark Fisher zur Begründung, aber sein Hinweis zur kapitalistischen Gesellschaft finde ich nicht so verkehrt.
Es gibt den extremen Druck hier funktionieren zu müssen, Geld zu verdienen, "dabei zu sein".
Wer nichts leistet ist nichts wert, das wird uns immer wieder suggeriert.
Sei fleißig, erfolgreich, attraktiv, dynamisch.

Unzählige Millionen Menschen fühlen sich aber, aus welchen Gründen auch immer, völlig überfordert damit und ihr Leben gibt das auch nicht her.
Man muss einfach immer nur funktionieren und performen, und wenn man parallel noch zwei Kinder aufziehen, die pflegebedürftigen Eltern pflegen und eine Trennung vom Partner verkraften muss.

Es ist unserer kapitalistischen Gesellschaft strukturell immanent, dass sie teilweise eine massive Überforderung auslöst und es verwundert nicht, dass seit Jahren die Zahlen psychischer Erkrankungen steigen und dass, obwohl es angeblich so tolle und wirksame Therapien und Medikamente gibt.

Menschen sind völlig überreizt, überlastet, ausgelaugt und überfordert: ausgebrannt, burnt out.
Und anstatt dass man sie aus diesem Hamsterrad nimmt und ihnen die Chance gibt sich auszuruhen und zu Kräften zu kommen, bietet man ihnen Pillen an, um möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen (ob das klappt? sehr fraglich!) und weiter Leistung zu zeigen.
Das ist geradezu grausam für einige.

Für mich sind das Aspekte unseres Lebens, die absolut dringlich in eine gesellschaftliche Debatte gehören. Sollte Mark Fisher das meinen, so teile ich seinen Standpunkt und bin ganz sicher nicht die Einzige hier, die Faktoren zur Depressionsbegünstigung in unserer Gesellschaft-, Lebens- und Leistungsform verortet.

MfG
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Re: EKT - Diskussion

Beitrag von Oliver » Montag, 26.02.18, 11:02

Moin,
Jamie hat geschrieben:
Montag, 26.02.18, 7:59
Es ist unserer kapitalistischen Gesellschaft strukturell immanent, dass sie teilweise eine massive Überforderung auslöst und es verwundert nicht, dass seit Jahren die Zahlen psychischer Erkrankungen steigen und dass, obwohl es angeblich so tolle und wirksame Therapien und Medikamente gibt.

Menschen sind völlig überreizt, überlastet, ausgelaugt und überfordert: ausgebrannt, burnt out.
Das seh ich auch so. Ich würd sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass mittlerweile sogar Dinge, die zum Leben eines Menschen einfach dazugehören pathologisiert werden (also als "krankhaft" umgedeutet werden). Längere Trauerphasen für einen geliebten Menschen werden als Depression umgedeutet, etc. - ich selber bin Opfer einer solchen Umdeutung geworden, weil ich in einer schweren Lebenskrise als depressiv abgestempelt wurde. Das hat Jahre gedauert, um das für mich zu entheddern. Im Grunde bin ich da heute noch nicht mit durch ... Ich bin ein normaler Mensch, der vielen kranken Situationen ausgesetzt war und ich habe da auf meine Art drauf reagiert. Das wurde mir als Krankheit umgedeutet und ich habe es geglaubt und habe mich dann jahrelang in diesem Denksystem bewegt. Ich denke, es geht vielen so.

LG
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Re: EKT - Diskussion

Beitrag von Thomas » Montag, 26.02.18, 14:00

Hallo,

ich denke, genau da liegt die Ursache für die Zunahme der Depressionen und anderer Psychodiagnosen. Ich glaub nicht an die These der schlechteren Lebensbedingungen oder dass die Leute von heute alles Memmen sind und ihren Alltag nicht mehr auf die Reihe kriegen. Vieles ist schnelllebiger und stressiger aber vieles ist auch einfacher und abgesicherter als früher. Die wesentliche Ursache ist meiner Meinung nach, dass einfach immer mehr Menschen immer schneller als Depressive, Bipolare oder Schizophrene diagnostiziert werden. Ohne irgendwelche Nachweise oder objektive Kriterien und schon bei geringen Auffälligkeiten, in normalen Lebenssituationen und immer mehr auch bei Kindern. Der ganze Psychomarkt brummt wie nie zuvor, aber doch nicht weil alle plötzlich tatsächlich geisteskrank sind. Scheint auch keine natürliche Sättigung beim Verschreiben von AD zu geben und Psychotherapeuten sprießen wie die Pilze aus dem Boden wenn nicht die Kassen begrenzen würden. Meines Erachtens sind das alles künstlich aufgeblähte Absatzmärkte für psychiatrische Leistungen. Hauptsächlich für Psychopharmaka aber auch für alle möglichen anderen Therapien bis hin zu den sogenannten Alternativen, die auch gern mitverdienen.

Eigentlich wollt ich zur EKT was sagen. Peter Lehmann nimmt bekanntermaßen kein Blatt vor den Mund und hält sich nicht so sehr mit versöhnlicher Rhetorik auf, wenns um Psychiatriekritik geht. Ich persönlich schätze das sehr, aber ist nicht jedermanns Sache und manches kann provozieren. Der Zusammenhang von EKT und Rechtsruck in der Gesellschaft ist provokant. Das führt immer reflexartig zu Empörung wenn irgendwas mit „rechts“ in Verbindung gebracht wird. Allerdings ist das nicht ganz von der Hand zu weisen in diesem Fall. Psychiatrie hat sich immer dann besonders entfaltet und heftigere Methoden angewandt wenn der gesellschaftliche Spielraum dafür vorhanden war. Eine Blüte war in den 30ern und frühen 40ern. Viele psychiatrische Grundannahmen und Methoden haben ihren Ursprung in dieser Zeit. Elektroschocks gehören auch dazu. Das ist historische Tatsache und auch modernes Marketing, Umbenennen oder Verschleiern der Folgen kann nur kosmetisch was daran ändern. Die Methode ist im Wesentlichen dieselbe. Jedenfalls sind mit rechter oder allgemein konservativer Politik gelegentlich durchaus Töne zur Verschärfung des Psychiatriesystems zu vernehmen. In Frankreich mehr als hierzulande. Dort ist die Debatte intensiver zu dem Thema oder war's schon immer. Ich persönlich hoffe, dass sich diese Behandlungsform nicht wieder stärker etabliert und gesellschaftliche Akzeptanz erfährt.
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Re: EKT - Diskussion

Beitrag von Arianrhod » Montag, 26.02.18, 14:23

Hallo,
Thomas hat geschrieben:
Montag, 26.02.18, 14:00
Die wesentliche Ursache ist meiner Meinung nach, dass einfach immer mehr Menschen immer schneller als Depressive, Bipolare oder Schizophrene diagnostiziert werden. Ohne irgendwelche Nachweise oder objektive Kriterien und schon bei geringen Auffälligkeiten, in normalen Lebenssituationen und immer mehr auch bei Kindern. Der ganze Psychomarkt brummt wie nie zuvor, aber doch nicht weil alle plötzlich tatsächlich geisteskrank sind.
Früher ging man bei Problemen zu einer älteren weisen Tante, zur Dorfhexe, zum Schamanen , zum Pfarrer .....
die Psychiatrie hat so einen Aufschwung genommen, weil die alten Strukturen nicht mehr funktionieren
( damit will ich sie nicht romantisieren oder schön reden , das mit dem Pfarrer hat oft nicht funktioniert und zum Missbrauch geführt),
doch auf alle Fälle sind alle sozialen Strukturen weggebrochen.
"Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf", sagt ein afrikanisches Sprichwort. Im Guten wie im Schlechten gibt es diese Dörfer nicht mehr.
Ich sehe aber beispielsweise in Kolumbien, meine Schwiegermama ist eine alte, weise Frau , und auch junge Leute gehen bei ihr vorbei, um ihren Rat zu erbitten, wenn sie nicht weiterwissen.
Hierzullande sind die Ratgebenden in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen worden. Das bedeutet, es muss eine Diagnose da sein. Ein Psychotherapeut, der über einen Klienten sagt : "Er hat sehr starken Liebeskummer, weil seine Freundin ihn hintergangen hat" , der kann das nicht abrechnen, der braucht mindestens eine "Anpassungsstörung".
Auf diese Weise wird alles weiter psychiatrisiert.
Thomas hat geschrieben:
Montag, 26.02.18, 14:00
Jedenfalls sind mit rechter oder allgemein konservativer Politik gelegentlich durchaus Töne zur Verschärfung des Psychiatriesystems zu vernehmen. In Frankreich mehr als hierzulande. Dort ist die Debatte intensiver zu dem Thema oder war's schon immer. Ich persönlich hoffe, dass sich diese Behandlungsform nicht wieder stärker etabliert und gesellschaftliche Akzeptanz erfährt.
Das liegt an den zwei Gesichtern der Psychiatrie:
- Medizin
- Ordnungsmacht, Aufrechterhaltung des status quo.
Also einmal ärztliche Aufgaben, einmal polizeiliche.

Wenn ein Staat nun mehr die Werte "Ordnung" und "Aufrechterhaltung der Ordnung " betont, also rechts - konservativ oder auch links-konservativ wie die damalige DDR, ist, gewinnt die Psychiatrie logischerweise mehr an Gewicht.
Autoritäre Staaten zeigen auch, wie einfach es ist, politische Gegner in Psychiatrien mundtot zu machen. Bis in die Fünfzigerjahre hinein wurden Homosexuelle und Kommunisten in Schweden lobotomiert.
Wenn man den Eispickel weglässt, kann man immer noch EKT oder chemische Lobotomie anwenden , entstellt weniger und ist weniger nachweisbar.

liebe Grüße Arian
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Thomas
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Re: EKT - Diskussion

Beitrag von Thomas » Dienstag, 27.02.18, 0:09

Hallo Arian, da stimm ich zu. Diagnosen entstehen vermehrt auch, weil soziale Bedürfnisse früher stärker dem familiären oder irgendwie natürlichen Umfeld überlassen waren und der professionelle Ersatz jetzt Diagnosen mit sich bringt. Auch durch das Kassensystem und die Abrechnungserfordernisse. Eine andere Ursache ist auch, das mehr denn je die Psyche als Restposten medizinischer Standarddiagnostik dient. Körperliche Beschwerden, die in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit nicht sauber eingetütet werden können, werden schnell als psychisch abgestempelt und dabei bleibt es dann oft auch. Da können Viele ein Lied von singen.

Und klar, Psychiatrie hat eine ordnungspolitische Funktion. Vielleicht ist das sogar die ursprüngliche. Die medizinische kam dazu, war aber meiner Meinung nach immer mehr Vorwand. In der heutigen Zeit denke ich tritt das ordnungspolitische zurück und das marktwirtschaftliche in den Vordergrund. Wird eine Menge Geld verdient mit Psychiatrie und Pharmaka. Medizin auch hier eher der Rahmen, der die Maßnahmen rechtfertigt und stetig versucht zu begründen. Je nach Wissensstand und Akzeptanz in der Gesellschaft funktioniert das mehr oder weniger gut.

Deswegen ist der Streit um psychiatrische Methoden ja immer auch gesellschaftlicher Disput. Darüber, was von den Menschen öffentlich anerkannt wird und was nicht. Eispickel-Lobotomie lässt uns heute nur noch erschaudern. EKT, sollte man meinen, liegt auch längst hinter uns. Ist aber nicht der Fall. Vielleicht auch deswegen, weil der Streit um Psychopharmaka so entbrennt. Wenn die Pillen aufgrund von Unwirksamkeit und Problemen ihre Akzeptanz einbüßen, braucht es Alternativen um den Betrieb aufrecht zu erhalten und die sind rar. Da wird dann EKT wieder interessanter, wenn man‘s nur besser verkaufen könnte. Kosmetik hat ihre Grenzen und das Marketing kann mit der Geschwindigkeit der Aufklärung nicht immer Schritt halten. Das Märchen von nervenzellen-wachstumsfördernder Hirnstimulation kann man ja keinem mehr erzählen und jeder kann sich den Vorgang im Netz anschauen, um sich ein eignes Bild zu machen. Bevor man was unterschreibt und sich narkotisieren lässt.
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Re: EKT - Diskussion

Beitrag von Arianrhod » Freitag, 02.03.18, 14:26

EKT als "Klassenmedizin" und der SPK-Komplex
Er habe viele Elektroschocks verabreicht, bis ihm aufging, dass diese Behandlungsmethode »drittklassigen« Psychiatriepatienten vorbehalten war, erklärt Wolfgang Huber im Dokumentarfilm »SPK Komplex« mit zittriger Stimme. Ein Tondokument von Anfang der 70er Jahre. SPK steht für Sozialistisches Patientenkollektiv. Huber war Arzt an der Uniklinik in Heidelberg, als dieses Kollektiv dort im Februar 1970 unter seiner Leitung gegründet wurde.
https://www.jungewelt.de/artikel/327898 ... ieben.html

m Juli 1972 hatte das SPK um die 500 Mitglieder und wurde zur kriminellen Vereinigung erklärt. Huber und andere wurden vor Ablauf des Jahres zu Haftstrafen verurteilt.
Das SPK wäre nicht so bekannt geworden, hätten sich nicht einige der Ex- Kranken :wink: der RAF angeschlossen.
Der Artikel der Jungen Welt endet mit
Einige damalige Forderungen des SPK sind in der Psychiatrie heute selbstverständlich. Elektroschocks aber erfreuen sich unter dem Kürzel EKT wachsender Beliebtheit.
Weg vom Thema EKT hier eine kurze Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs https://www.tagesspiegel.de/kultur/spkk ... 88368.html

liebe Grüße Arian
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