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Wie lange halten SSRI Absetzsymptome an? von James Heaney

Das Ausschleichen von Antidepressiva, Benzodiazepinen und anderen Psychopharmaka kann schwierig und langwierig sein. Hier findet ihr Artikel, die die jahrelange Erfahrung der Teilnehmer widerspiegeln.
Claudiiii
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Wie lange halten SSRI Absetzsymptome an? von James Heaney

Beitragvon Claudiiii » Mittwoch, 08.11.17, 12:34

 ! Nachricht von: Jamie
Vielen Dank claudiiii für die tolle Übersetzung :hug:


Hallo,
ich habe den Text How long do SSRI withdrawal symptoms last? von James Heaney übersetzt.
Das Original findet ihr hier: https://npanth.wordpress.com/2012/10/07 ... toms-last/
Vor allem die letzten Abschnitte finde ich sehr hoffnungsvoll.

Wie lange halten SSRI Absetzsymptome an?

Das ist eine der häufigsten und am schwersten zu beantwortenden Fragen zum SSRI-Entzug.
Der Entzug von psychiatrischen Medikamenten ist offiziell immer noch ein Mysterium.
Nach Angabe der Hersteller verursachen SSRI keinen schwerwiegenden Entzug.
Stattdessen sind die Symptome vom „Absetzsyndrom“ leicht bis mäßig und dauern ein bis drei Wochen.

Diese Aussage steht im direkten Gegensatz zu den Erfahrungen einiger Patienten, bei denen anhaltende, schwere Symptome auftreten. Dieser Unterschied zwischen Erfahrungen und offiziellen Informationen führt bei den Patienten zu einer großen Verwirrung.
Wenn wir uns einen Knochen brechen oder einen Muskel zerren, gibt es ausführliche Zeitpläne für die Genesung. Die individuellen Heilungsprozesse können in Intensität und Dauer variieren.
Insgesamt folgen die meisten Patienten den Zeitplänen und erholen sich innerhalb der erwarteten Zeit.

Der Mangel an Informationen über SSRI wird ein Grund sein, warum es so schwer ist vorherzusagen, wie lange die Entzugssymptome dauern werden.
Die meisten Studien zu SSRI sind auf 8-12 Wochen begrenzt und beziehen sich nicht auf das Absetzen des Medikaments. Hersteller untersuchen die Medikamente auf diese Weise um die Zulassung für den Verkauf zu erhalten und nicht wirklich, um die Wirkung der Medikamente zu ermitteln.
Studien über die Auswirkungen und den Entzug wären eher ein wissenschaftliches Unterfangen und würden nicht zur kommerziellen Anwendung der Medikamente beitragen. Weniger Leute würden nach der Verordnung von SSRI mit der Einnahme beginnen, wenn sie wüssten, dass sie von dem Mittel abhängig werden und eine lang andauernde Entzugsperiode durchlaufen müssen, wenn sie sich dazu entscheiden die Medikamente nicht mehr einzunehmen.

Auch aus der symptomatischen Perspektive ist es schwer vorherzusagen, welche Patienten vom Entzug betroffen sind. Einige Patienten richten sich nach dem anerkannten Absetzplan und können die Medikation mit nur minimalen Symptomen beenden, obwohl sie das Medikament lange eingenommen haben. Andere Patienten erleben nach einer kurzen Einnahmedauer ausgeprägte Symptome.
Die zugrundeliegenden Wirkweisen, die beeinflussen, welche Patienten gegenüber SSRI empfindlich sind und welche nicht, sind nicht ausreichend bekannt. Wenn das Wissen darüber fehlt, welche Patienten überhaupt einen Entzug erfahren werden, ist es umso schwieriger vorherzusagen, wie lange die Symptome andauern werden. Es wird ein sehr persönlicher, individueller Kampf für jeden Patienten. Trotzdem gibt es dennoch einige Möglichkeiten den Fortschritt des Entzugs abzuschätzen und vorherzusagen, wie lange der individuelle Entzug dauern wird.

Wenn ein Patient zum ersten Mal Entzugssymptome verspürt, kann dies sehr beängstigend sein.
Denn der Geist erschafft in Echtzeit eine andere Realität, sodass der Entzug als lähmender und dauerhafter Zustand erscheint. Das ist die Realität, die der Entzug schafft, nicht die Realität, die ein äußerer Beobachter sehen würde.
Wir leben jedoch in einer relativen Geistesverfassung, das ist alles, was wir sehen. Wenn wir uns von den Entzugssymptomen zurückziehen könnten, wüssten wir, dass es eine vorübergehende Krise ist und kein permanenter Geisteszustand. Der Entzug zwingt den Geist, mehr auf Instinkt zu reagieren, als es normalerweise der Fall wäre.

Im normalen Denken reguliert der Verstand instinktive Reaktionen und mäßigt sie, um sozialen Situationen und unseren eigenen moralischen Überzeugungen zu entsprechen. Ein Entzug behindert den Verstand in seiner normalen Regulationsfunktion. Anstatt das Verhalten zu mäßigen, dürfen Ärger, Angst und Angst in den bewussten Verstand kommen.
Nehmen Sie zum Beispiel einen Ausflug in einen Supermarkt und achten Sie auf Ihre Reaktionen.
Wenn ein anderer Kunde einen Gang blockiert oder Sie an einer Kreuzung abschneidet, ist Ärger eine mögliche Reaktion. Normalerweise wird diese Wut leicht unterdrückt und Sie lassen den Vorfall ohne jede Reaktion los. Im Entzug wird dieses Mäßigungsverhalten unterlassen und Wut wird zur akzeptablen Antwort. Selbst für eine Person, die keinen Entzug erfährt, braucht es viel Selbstbeobachtung, um die Wut, die aus dem Vorfall entsteht, überhaupt zu erkennen. Es ist fast automatisch, die Wut zu unterdrücken, weil die Reaktion auf solch eine triviale Interaktion sozial unangemessen ist.

Den Verstand während des Entzugs wieder einzusetzen, ist der beste Weg, Symptome zu kontrollieren und die Macht abzuschwächen, die sie haben. Wenn Sie sich darüber im Klaren sind, wie Sie normalerweise auf eine Situation reagieren und sich dazu zwingen würden, dieser Vorgehensweise zu folgen, kann dies hilfreich sein. Es ist leichter gesagt als getan.
Aufgrund des mentalen Relativismus, den der Entzug verursacht, kann es sehr schwer sein, sich von den unmittelbaren Symptomen, die Sie gerade erleben, zu trennen.
Achtsamkeit ist der Prozess, von einer Situation zurückzutreten und die Emotionen zu bewerten, die du fühlst, und dann dein Verhalten basierend auf dem zu ändern, was du denkst, anstatt auf deine unmittelbaren Emotionen. Im Wesentlichen ersetzt es das automatische Mäßigungsverhalten, das beim Entzug mit bewusster Anstrengung unterdrückt wird. Es kann den Fluss eines Gesprächs ein wenig verlangsamen, wenn man jeden Gedanken nachdenkt, aber es ist besser, als auf eine Weise zu agieren, die man später bereuen könnte. Es ist nicht notwendig, sich für immer durch jede Interaktion zu denken, nur bis sich die automatische Mäßigungsfunktion wieder etabliert.

Eine längere Betrachtung des Entzugs kann ebenfalls helfen. Es ist sehr schwer vorstellbar, wie Sie sich in zwei Monaten fühlen werden, wenn Sie von Minute zu Minute mit Symptomen leben. SSRI-Entzug geschieht in Wellen und Fenstern. Das sind die Namen, die Geschädigte dem Zyklus der Entzugserscheinungen geben.
Wellen sind Zeiten, in denen die Symptome stärker sind.
Fenster sind Perioden, in denen die Symptome nicht so schlimm sind.
Wenn der Entzug fortschreitet, kommen und gehen Wellen. Langfristig werden die Wellen kürzer und milder, während die Fenster besser und länger werden. Schließlich erreichen Sie ein "Fenster", das nicht endet. Achtsamkeit lässt Sie erkennen, dass Wellen nicht dauerhaft sind und Sie setzen nicht zu viel Hoffnung auf die Dauerhaftigkeit von Fenstern. Es klingt schicksalsergeben zu erkennen, dass Fenster keine Heilung darstellen, aber es ist realistischer. Es ist ein empfindliches Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Pragmatismus. Sich bewusst zu machen, wie Sie sich während eines Fensters fühlen, ist genauso wichtig wie das Bewusstsein Ihrer Gefühle während einer Welle.

Genau wie Sie Ihre Gefühle in einer Welle bewusst mäßigen müssen, müssen Sie die guten Teile eines Fensters in sich aufnehmen, um es zu vor Augen zu haben, wenn Sie die nächste Welle betreten. Es ist eine wesentliche Übung, die Sie nicht wirklich anfangen können zu üben, bis Sie die Erfahrung von ein paar Zyklen hinter sich haben.
Am Anfang ist es sehr schwer, das größere Bild zu sehen, weil da nur unmittelbaren Symptome sind.
Ein gewisser Glaube, dass die Symptome besser werden, ist erforderlich.

Der Glaube ist eines der ersten Dinge, die beim Entzug erschüttert werden.
Familie und Freunde verstehen nicht, Ärzte glauben nicht, dass es Entzug ist. Du kannst es auch nicht "herunterschlucken", so funktioniert das nicht. All das kann jedermanns Glaubensgewissheit erschüttern. Das Wellen / Fenster-Muster ist jedoch Teil des Entzugs. So wie Sie beim Absetzen in die Wellen eintreten, enden sie auch irgendwann.

Mit der Zeit gewöhnt man sich an den Wellen- und Fensterzyklus und die Frage, wie lange das Absetzen dauern wird verblasst. Achtsamkeit wird zur Gewohnheit, es geht einem fast in Fleisch und Blut über.
Es ist etwas, das Sie nach dem Entzug in ihrem Leben gut gebrauchen können.
Die meisten Menschen begannen, ein SSRI zu nehmen, um eine bestehende Erkrankung zu behandeln. Die Entscheidung, die Einnahme eines SSRI zu beenden, erfolgt in der Regel, nachdem das Medikament die Wirksamkeit verloren hat oder die Nebenwirkungen gegenüber den Vorteilen überwiegen.

Es erfordert einen gewissen Umgang mit den Symptomen der Erkrankung, nachdem der Entzug vorüber ist. Es ist schwer die Achtsamkeit die man durch den Entzug gelernt hat als Vorteil dieses Traumas zu bewerten. Aber mit Achtsamkeit haben Sie einen guten Weg, mit einer bestehenden Erkrankung umzugehen.
Auf lange Sicht wird es weniger darum gehen, die Medikamente so schnell wie möglich loszuwerden, sondern mehr darum, die Medikamente mit so viel Lebensqualität wie möglich abzusetzen.
Auf eine Weise, eine gute Weise, nützen Ihnen die Bewältigungswerkzeuge, die Sie während des Entzugs entwickeln für den Rest Ihres Lebens.
Das Sprichwort, dass Alkoholiker verwenden, um die Genesung zu beschreiben, ist auch für Menschen im SSRI-Entzug geeignet. "Ein Tag nach dem anderen" ist der beste Weg, sich der Genesung zu nähern.

Alles Gute!
Zuletzt geändert von Jamie am Mittwoch, 08.11.17, 13:31, insgesamt 2-mal geändert.
Aufgrund von Panikattacken und Angst Venlafaxin bis 75mg eindosiert, außerdem 7,5mg Mirtazapin. Nach 1 Monat Beginn mit Absetzen, durch zu schnelles Absetzen extreme Symptome: Durchfall, Übelkeit bis zum Erbrechen, Traurigkeit, Angst und Panik schlimmer als je zuvor. Besserung durch erneutes Hochdosieren von Venlafaxin. Mirtazapin unter Qualen und Hartnäckigkeit losgeworden.

ab 08.07.16 37,5mg Venlafaxin
ab 15.07.16 75mg = Maximaldosis
ab 08.08.16 Beginn mit Absetzen
Nach viel zu schneller Reduktion (alle 4 Tage 12,5mg) und wieder minimalem Hochdosieren auf 25mg stabilisiert und auf Kügelchen-Präparat umgestiegen
20.10.16 55 Kügelchen 18mg
20.11.16 45 Kügelchen 15mg
15.12.16 35 Kügelchen 11,5mg
11.01.17 25 Kügelchen 6,9mg
08.02.17 15 Kügelchen 4,2mg
08.03.17 10 Kügelchen 2,8mg zu großer Schritt daher
09.03.17 12 Kügelchen 3,3mg schlimmste Symptome
11.05.17 13 Kügelchen 3,6mg Aufdosiert, da keine Stabilisierung in Sicht war
09.10.17 12 Kügelchen 3,3mg endlich weiter runter
10.10.17 11 Kügelchen 3,4mg (neue Packung mit weniger Kügelchen pro Kapsel)
11.11.17 10 Kügelchen 3,1mg

Symptome nach (zu schneller) Reduktion am Morgen extrem und schrecklich: Nervosität, Anspannung, schneller Puls, Angst, Panik, extreme Blähungen, zeitiges Aufwachen, dann Durchfall, manchmal mit Übelkeit bis zum Würgen, teilweise Erbrechen.

Dann Symptome auch ganztägig verteilt: plötzliche Kraftlosigkeit, Müdigkeit, Gefühl das Gehirn schwitzt und ist warm, Unwirklichkeitsgefühl, vereinzelt Anflug von Panik, Traurigkeit, Weinerlichkeit, Pessimismus, wirre Träume.

Nachmittags ist es oft gut und es gibt auch Symptomfreie Tage, wenn ich dann endlich auf einer Dosis stabilisiert bin.

Immer wieder, auch außerhalb der schlimmen Wellen:
schmerzhafte Nacken- und Rückenverspannungen, ständig Blähungen und täglich Durchfall, selten kurzes aber schmerzhaftes Stechen im rechten Unterbauch, Schwindel, Kopfschmerzen

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