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Fiona Kennedy: der Nebel lichtet sich mit dem Absetzen

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Fiona Kennedy: der Nebel lichtet sich mit dem Absetzen

Beitrag von Murmeline » Dienstag, 14.02.17, 12:59

"Der Nebel, der mich morgens begleitete und umhüllte, lichtet sich, seit ich die meine Medikamente absetze - Sind Antidepressiva immer die Antwort?

Original: 'Fog that blighted my mornings and drained me is lifting as I come off medication' - Are antidepressants always the answer?

Fiona Kennedy, 12/02/2017, The Irish Independent - Übersetzung: Murmeline
Original: http://www.independent.ie/life/health-w ... 39638.html

10 Jahre lang glaubte ich, dass die beste Möglichkeit, die ich hatte, um mit rezidivierender Depression und späterer Borderline-Persönlichkeitsstörung klarzukommen, Medikamente waren. Wie ich es verstand, hatte ich eine psychische Erkrankung - beziehungsweise zwei -, verursacht durch ein chemisches Ungleichgewicht in meinem Gehirn. Dieses chemische Ungleichgewicht könnte zum größten Teil durch das Finden und Einnehmen der richtigen Kombination von Arzneimitteln behoben werden.

OK, ich wusste, es gab andere Dinge, die ich auch tun konnte. Therapie. Bewegung. Bewusstes Essen. Genug schlafen - Dinge, von denen wir alle wissen, aber eben auch Dinge, die wir häufig auswählen, um sie zu ignorieren. Ein entscheidender Grund für meine Wahl, diese Ratschläge zu ignorieren, war die Überzeugung, dass es nicht wirklich wichtig war, was ich tat, oder wie hart ich es versuchte, weil nichts davon das Ungleichgewicht in meinem Gehirn beheben würde. Ich würde mit dem Versuch einer neue Kombination von Medikamenten Atempausen erleben, aber die Depressionen würde immer wieder kommen. Und wenn es immer wieder kommen würde, warum dann kämpfen? Warum sich nicht einfach dem Unvermeidlichen hingeben, mein Schicksal akzeptieren?

Eine Zeit lang habe ich genau das getan. Ich akzeptierte meine Diagnosen, nahm meine Medikamente und ging weiter. Doch vor fast zwei Jahren ging meine Stimmung runter und die Fähigkeit zu funktionieren nahm rasch ab - die Medikamente wurden in gleichem Maße erhöht. Ich machte gelegentliche Fortschritte in Richtung Besserung, aber es dauerte nie lange. Im November 2015 war ich nicht mehr in der Lage zu arbeiten, und ich bin noch immer nicht auf der Arbeit zurück.

Im April letzten Jahres begann ich mit einer klinischen Psychologin zu arbeiten. Bei unserem ersten Treffen sagte sie mir, sie glaube nicht an Diagnosen und dass jeder von uns zu irgendeinem Zeitpunkt in eine der vielen Boxen psychiatrischen Diagnose passen könnte, je nach den Umständen.

In den darauffolgenden Wochen haben wir die Reduktion, wenn nicht sogar das Absetzen der Medikamenten als eines der Ziele der Therapie besprochen. Zu dieser Zeit nahm ich ein tagsüber ein Antidepressivum und ein Neuroleptikum bei Nacht, und war resigniert genug, um sie für den Rest meines Lebens nehmen. Eigentlich wollte ich sogar, denn nichts anderes als das Neuroleptikum garantierte mir eine anständige Nachtruhe.

Was ich erst wenige Monate später erkannte, als ich anfing, es zu reduzieren, war die Wirkung, die es auf meine Funktionsfähigkeit hatte, besonders morgens. Ich musste kämpfen, um aufzuwachen und durch die morgendliche Routine zu kommen, die Kinder aufzuwecken und zur Schule zu bringen, und ziemlich oft ging ich wieder ins Bett, als ich nach Hause kam. Ich hatte wenig oder gar keine Motivation dafür, alle zusätzlichen Dinge zu tun, die helfen konnten, und im Nachhinein, wenn man bedenkt, wie hoch die Sedierung war, ist der Überhang jeden Morgen nicht überraschend. Was wirklich überrascht ist, dass ich es überhaupt geschafft habe, irgendetwas zu tun. Es kam mir nie in den Sinn, dass es das Medikament hätte sein können. Ich nahm an, es wäre symptomatisch für Depressionen.

Das wichtigste Ergebnis der Arbeit, die ich mit meiner Psychologin gemacht habe, war mich von dem Glauben zu befreien, der mich handlungsunfähig gemacht hatte - der Glaube, dass ich krank sei, dass ich letztlich nichts tun konnte, um mir selbst zu helfen, dass ich von der Gnade der Substanzen abhängig sei.

Sie lehrte mich, wie unser Gehirn funktioniert, wie es sich entwickelt, wie es versucht, die lächerlich schnelllebige und komplexe Welt, in der wir leben, zu verstehen. Sie lehrte mich, dass emotionale Reaktionen auf Situationen genauso funktionieren wie physische Reaktionen, insofern dass sie versuchen, uns etwas zu erzählen. Wir berühren etwas heißes, der Schmerz signalisiert uns, unsere Hände wegzuziehen. Es ist eine Überlebensstrategie. So fühlen wir Angst, Wut, Depression - sie sind emotionale Reaktionen auf Stimuli, wir sind einfach nicht daran gewöhnt, sie zu verstehen.

Was ich in den letzten 10 Monaten gelernt habe, war unglaublich befähigend. Ich war nicht depressiv, oder eine Borderlinerin oder ängstlich, weil etwas an sich im Sinne eienr Krankheit mit mir falsch war, sondern weil es Probleme in meinem täglichen Leben gab und in meiner Vergangenheit, die ich anzuschauen hatte. Kurzfristig gibt es so viele leicht verfügbare Möglichkeiten, das Empfinden schwerer Emotionen zu stoppen - Ablenkung, Nahrung, Alkohol, Medikamente - aber es gibt ein Problem mit all diesen Strategien. Sie blockieren den Schmerz vorübergehend, aber er wird immer wieder kommen, und wie ich auf die härteste Weise gelernt habe, kommt er jedes Mal wieder stärker.

Aktuell habe ich die Antipsychotika (unter medizinischen Anleitung) vollständig abgesetzt und habe begonnen, das Antidepressivum zu reduzieren. Dies wird sehr allmählich geschehen, wie zu schnelles absetzen schreckliche Nebenwirkungen haben kann. Während ich absetze, arbeite ich weiter mit meiner Psychologin und setze so viele selbsttragende, stabilisierende Strategien ein, wie ich kann.

Ich sage nicht, dass Medikamente nicht ihren Platz haben. In Abwesenheit von adäquater therapeutischer Unterstützung gibt es keine praktikable Alternative für jemanden in einer Krise. Aber stellen Sie sich vor, diese Alternativen wären leicht verfügbar und erschwinglich. Stellen Sie sich vor, wieviel Freiheit uns das geben würde!

Obwohl ich 10 Jahren lang ganz fest daran glaubte, halte ich inzwischen Depression und Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht mehr für Krankheiten. Sie sind Symptome, sicher, aber nicht von einem chemischen Ungleichgewicht. Es sind Symptome unserer wundervollen Gehirne, die versuchen, uns zu sagen, dass etwas nicht stimmt, wir müssen nur lernen, wie man zuhört und wie wir uns helfen können.
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Re: Fiona Kennedy: der Nebel lichtet sich mit dem Absetzen

Beitrag von Katharina » Sonntag, 19.03.17, 16:16

Hallo, und schönen Sonntag :group:

Diesen Beitrag finde ich sehr wertvoll;
Ich hatte lange Jahre nur eine einzige Diagnose, die im Alter von 4 Jahren gestellt wurde:
Nachtangst- pavor nocturnus.

Darüber wurde nicht gesprochen, ich war in Kinder-Therapie, als ich älter wurde war ich froh dass man mir nicht sagte das ich eine Diagnose haben würde,das hätte mich belastet.
Zumal der Ursprung erst Jahrzehnte später heraus kam.

Ich erinnerte ein Familienmitglied ein Arzt, der sagte das es seiner Meinung selten gut sei,
dem Patienten seine Diagnose zu nennen, aber das ist sehr lange her.

Mich persönlich bedrückt eine Diagnose.
Natürlich müssen Krankheiten versucht werden zu lindern oder bestenfalls zu heilen.

Die Garantie auf Gesundund gibt es oftmals nicht und ich finde den Umgang zu erlernen mit dem was mich belastet, wichtig.

Natürlich ist für Berentung u.ä. die Diagnosestellung notwendig.

Vielen Dank für diesen Bericht, er ist prima geschrieben.

Grüße,
Katharina
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