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Viele Grüße vom Team

Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Eine Sammlung von Artikeln, die über wissenschaftliche, politische und wirtschaftliche Hintergründe der Behandlung von seelischen Leiden mit Psychopharmaka berichten.
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Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 27.07.16, 21:04

Tony Kendrick, Professor of Primary Care at the University of Southampton, believes between a third and a half of people taking them could stop and avoid side effects and feel more reliant on themselves.

He is leading a new study, funded by the NIHR, to identify safe, reliable and value for money ways of helping patients withdraw from long-term antidepressants, where appropriate.

"We appreciate that stopping antidepressants is not easy," he said. "Withdrawal symptoms, including anxiety and low mood, are usually temporary but feel similar to the reason why patients were first put on antidepressants. Therefore people are understandably reluctant to come off the medication - they feel like they've slipped back again."

Professor Kendrick added: "Antidepressant prescribing rates are rising very quickly and some don't need to be prescribed at all. We hope our intervention will identify where alternative treatment methods could be best used. If our programme works we'd like to roll it out across the NHS, publishing practical guidance for professionals, and advice for patients."

http://medicalxpress.com/news/2016-07-p ... tment.html

 ! Nachricht von: Murmeline
Übersetzung dieser Mitteilung hier viewtopic.php?p=154574#p154574
Erfahrung mit Psychopharmaka (Citalopram, langjährig Venlafaxin und kurzzeitig Quetiapin), seit Sommer 2012 abgesetzt
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Dein Behandler nimmt Absetzproblematik nicht ernst? Das geht anderen auch so, siehe hier
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Re: Studie zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Murmeline » Montag, 01.08.16, 18:02

Wichtig bei der Studie ist Anerkennung von Entzugssymptomen, die psychiatrischen Diagnosekriterien gleichen, aber nicht von der Grunderkrankung sondern von den Dosisveränderungen nach unten ausgelöst werden.

Ebenfalls erfreulich ist, dass die Unterstützung durch ein Online-Angebot und von anderen Betroffenen in das Studiendesign mit einfließt:
The research team will develop a web-based intervention which will be available around the clock, together with GP monitoring and 'buddying' support from people who have previously come off antidepressants.

Ein Ziel der Studie ist die Erarbeitung von praktischen Richtlinien zum Absetzen für Fachkräfte und Patienten.
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Re: Studie zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 03.08.16, 19:08

Hier ein Interview mit dem Studienleiter.
 ! Nachricht von: Murmeline
EDIT: Übersetzung ab hier: viewtopic.php?p=154570#p154570 Danke an Nospies Mann <3


Falls jemand die wichtigsten Ausagen auf deutsch zusammenfassen will, sehr gerne, bitte Bescheid geben.

Was ich ganz toll finde ist, dass er sich explizit auf die Erfahrungswerte des amerikanischen Forums Surviving Antidepressants bezieht und die individuellen Schwierigkeit beim Entzug, ob nun nur ganz langsam möglich oder mit Monate- und jahrelangen Zuständen nach Null benennt.

In the literature, researchers have suggested that antidepressant withdrawal symptoms are temporary, that they’re transient, that they should be over in a matter of days or weeks, but there is actually quite a lot of testimony from people who have been on antidepressants for a long time that they’re getting symptoms that persist for months and sometimes even years. This has mainly come from survivor groups, like Surviving Antidepressants and the UK lobbying group the Council for Evidence Based Psychiatry (CEP). These groups have been quite helpful in bringing together case histories of people who have had a hard time getting of antidepressants.


http://www.madinamerica.com/2016/08/int ... ithdrawal/
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Midlife
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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Midlife » Sonntag, 21.08.16, 10:57

Wird jetzt allmählich auch public...

http://www.gesundheitsstadt-berlin.de/a ... men-10627/
11/15- erstmals 20 mg Citalopram vom Hausarzt bekommen, ohne Diagnose
29.12/15- Tavor/Lorazepam 1,5 mg für ca 3 Wochen selbst genommen ohne ärztliche Verordnung
Seit Anfang März 2016 weg vom Tavor und auch Citalopram
Seit 1.4.16 Escitalopram 10 mg plus bei Bedarf 25 mg Atosil/Promethazin
Seit 28.4.16 7,5 mg Escitalopram plus 2x tgl 25 mg Atosil
Seit 14.5.16 5 mg Escitalopram plus b.Bed. Atosil
Seit 20.5.16 3,75 mg Escitalopram , Atosil nicht mehr gebraucht..am 24.5.16 Angst, Weinen, depr. Verstimmungen
Seit 25.5.16 wieder 5 mg Escitalopram
Seit 1.6.16 4 Trofen = 4 mg Escitalopram
Seit 7.6.16 3 Tropfen = 3 mg Escitalopram
Seit 12.6.16 2Tropefn =2 mg Escitalopram , Weinerlich, Unruhe, Zittern, Frust
Seit 15.6.16 3 Tropfen = 3 mg Escitalopram, nach 2 guten Tagen , 1 gaaanz schlechter...bleibe bei 3 mg
Seit 27.6.16 2,5 Tropfen=2,5 mg Escita
Seit 04.7.16 1,5 Tropfen=1,5 mg Escita
Seit 09.7.16 1 Tropfen =1 mg Escita...viel Weinen, rauschen im Kopf
Seit 10.07.16 1,5 Tropfen =1,5 mg Escit..
Seit 30.07.16 0mg!Stimmung wechselnd, aber nicht schlechter...Gedanken klarer...und manchmal auch positver!
Immer noch bei 0 mg...die psych. Ausfälle deutöich seltener und wenn auch nur noch sehr kurz!

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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Murmeline » Sonntag, 21.08.16, 11:30

Ja :)
Wir berichten heir darüber: viewtopic.php?f=6&t=11955
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Nospie
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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Nospie » Freitag, 26.08.16, 11:16

Forscher führt Studie zum Entzug von Antidepressiva durch

von Justin Karter, 03. August 2016



Tony Kendrick, Professor für medizinische Grundversorgung an der Universität von Southampton, hat durch seine Forschung und Praxis festgestellt, daß zu vielen Menschen langfristig Antidepressiva verschrieben werden, ohne die nötige Aufklärung und Unterstützung, um von ihnen wieder loszukommen. In diesem MIA Interview bespricht Kendrick die neue Studie, die er leitet. Dies Studie soll dazu beitragen, sicherer Absetzstrategien für Menschen zu entwickeln, die ihre Antidepressiva absetzen wollen.

Was weckte Ihr Interesse an dieser Arbeit ?

Ich bin ursprünglich Arzt für Allgemeinmedizin, wenngleich ich für nunmehr seit fast 30 Jahren als Wissenschaftler tätig bin. In Großbritannien, so auch in anderen westlichen Ländern wie den USA, hat die Verschreibung von Antidepressiva Jahr für Jahr mit einer konstanten Rate immer mehr zugenommen, seit die SSRI's in den späten 80er und frühen 90er Jahren auf den Markt kamen. Wir haben eine Verdoppelung der Antidepressiva in den letzten 10 Jahren erkannt, und wir haben mit unserer bisherigen Arbeit versucht herauszufinden, warum dies der Fall ist.

Immerhin fanden wir heraus, daß es in Großbritannien keinen großen Anstieg in der Häufigkeit von Depressionen gegeben hat. Es gab zwar eine kleine Zunahme nach der Finanzkrise 2008, aber in den nächsten 5 Jahren bis 2013 stiegen Depressionen nur um etwa 4% an, während die Verschreibung von Antidepressiva um 48 % zunahm. Es ist also nicht so, daß wir jedes Jahr mehr Menschen diagnostizieren. Wir stellen ständig bei etwa 1 % der Bevölkerung jedes Jahr neue Fälle von Depression fest und bei etwa 3,5 – 4 % der Menschen Depression insgesamt. Dies blieb ziemlich unverändert, doch was zugenommen hat, ist die Dauer der Behandlung. Die durchschnittliche Behandlungsdauer hat sich innerhalb von 10 Jahren verdoppelt, und das ist es, was die Verdoppelung in der Anzahl der Verschreibungen ausmacht.

Die Verschreibungen liegen im Schnitt bei einer pro Monat, manchmal zwei, wenn also Menschen doppelt so lange behandelt werden, erhalten sie doppelt so viele Verschreibungen, und dies erklärt, wie mehr als 50 bis 60 Millionen Antidepressiva jedes Jahr allein in England verschrieben werden, das nur eine Bevölkerungszahl von 50 Millionen hat. Es stellt sich bei Umfragen heraus, daß etwa 11 % der Erwachsenen ein Antidepressivum nehmen. Die Zahlen sind in den USA ähnlich, und Sie erhalten vergleichbare Zahlen in Australien, Neuseeland und vielen europäischen Ländern.

Damit nimmt mehr als 1 von 10 Menschen Antidepressiva ein, und dies überrascht uns als Forscher, weil wir nicht davon ausgehen, daß empirisch zu belegen ist, daß so viele Menschen behandelt werden müssen. Es liegt nah an der Häufigkeit des Gebrauchs von Statinen oder Bluthochdruckmitteln, doch viele Menschen, immerhin die Hälfte derjenigen, die unter Depressionen leiden, haben nur eine Episode, die mit der Zeit nachlässt. Es scheint also falsch zu sein, daß so viele Menschen langfristig Antidepressiva einnehmen sollten. Die mittlere Dauer der Einnahme liegt derzeit bei etwa 2 Jahren; das bedeutet, daß mehr als die Hälfte der Leute, die Antidepressiva einnehmen, diese länger als 2 Jahre nehmen, und üblicherweise nehmen viele über 5 bis 6 Jahre Antidepressiva ein. Dies variiert ein wenig mit dem demographischen Faktor. Wenn man z.B. Frauen im gebärfähigen Alter aus sozial benachteiligten Schichten betrachtet, nimmt nahezu 1 von 5 Antidepressiva, fast 17 %.

Es gibt also eine furchtbare Menge von Verschreibungen, und die Frage ist: Brauchen die Leute wirklich Antidepressiva ? Wir haben uns dies angeschaut und Umfragen unter Langzeitnutzern von Antidepressiva durchgeführt, und etwa zwischen 1/3 und 1/2 haben keine eindeutige
evidenzbasierte Indikation, um in einer Langzeitbehandlung zu sein. Es ist häufig die erste Episode, die sie länger in Behandlung bleiben lässt; sie haben keine Historie von wiederkehrenden Rückfällen, es gibt nicht viele Risikofaktoren für einen weiteren Rückfall, und sie haben nicht
unbedingt eine Menge von Problemen in ihrem Leben, die sie zu einer längeren Einnahme veranlassen könnten. Stattdessen scheinen sie fast standardmäßig bei der Einnahme zu bleiben.

Es entsteht ganz allgemein die Situation, daß Patienten versuchen, die Einnahme von Antidepressiva alleine zu beenden, und sie erleiden Entzugssymptome, die Angst und Stimmungsschwankungen beinhalten. Dabei kommt ihnen der Gedanke, daß sie wieder in den depressiven Zustand zurückfallen, und sie nehmen ihre Medikation wieder auf. So ergab sich der Anstoß für diese Studie aus unserer früheren Forschung zur übermäßigen Verschreibung von Antidepressiva und der klinischen Realität, daß viele Menschen darum kämpfen, diese Medikamente abzusetzen.

Können Sie uns durch die Studie führen, die Sie entwickelt haben ? Welches sind einige der Schwierigkeiten, die beim Entwurf einer RCT (=randomisierte kontrollierte Studie) zur Untersuchung des Problems auftreten ? Welches sind die Einschlusskriterien, und welche Unterstützung wird den Teilnehmern zur Verfügung gestellt ?

Die Einschlusskriterien (in groben Zügen): Menschen, die Antidepressiva genommen haben, nicht nur SSRI's, die bei Depression oder Angst und Depression vermischt verabreicht werden, Menschen Antidepressiva für eine erste Episode länger als ein Jahr oder für eine wiederkehrende Episode länger als zwei Jahre genommen haben, und die ihre Antidepressiva absetzen wollen. Wenn sie sich nicht sicher sind, davon loszukommen, müssen wir natürlich mit ihnen darüber sprechen, warum sie die Medikamente absetzen möchten, aber es muß ihnen überlassen bleiben.

Wir schließen Menschen mit einer Historie wiederkehrender Depression, die zu Rückfällen führt (mehr als zwei vorausgehende Episoden) aus, des weiteren solche, die andauernde Risikofaktoren haben, Lebensereignisse und Schwierigkeiten in ihrem Leben, die die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall nahelegen, solche in psychiatrischer Betreuung und solche mit der Historie einer psychiatrischen Begleiterkrankung. Ansonsten sind wir glücklich, mit ihnen zu arbeiten.

Das Ziel ist wirklich, ihre vorhandenen Mediziner, die Doktoren und Schwestern, die sich um sie kümmern, zu unterstützen. In unserem Land ist es schwierig, regelmäßig Termine zu bekommen, weil ein großer Druck auf dem System lastet. Und in den USA ist es, selbst wenn man eine Ver-
sicherung hat, problematisch, so viele Termine zu bekommen, wie man sie während des Entzugsprozesses haben möchte oder braucht.

Wir werden eine spezielle Software benutzen, entwickelt mit einem Programm, welches LifeGuide heißt. LifeGuide wurde an der Universität von Southampton entwickelt; es ist eine interaktive Software, entworfen um Selbstfürsorge zu unterstützen. Es wurde bereits für eine Reihe von Leiden, inklusive Fettleibigkeit, Rückenschmerzen, Erschöpfung und Schwindel genutzt. Das Programm ist wandlungsfähig und kann von den Forschern angepasst werden, um dem Bedarf des jeweiligen Eingreifens zu entsprechen.

Im Laufe der nächsten zwei Jahre planen wir, dieses Programm dafür zu nutzen, eine spezielle Online-Unterstützung für Menschen zu entwickeln, die von ihren Antidepressiva loskommen möchten. Die Leute werden sich also einloggen, sie werden Informationen über ihre Situation eingeben, über die medikamentöse Behandlung, die sie erfahren haben, und was sie zu tun versuchen, und auf welche Weise sie gerne absetzen möchten. Ihnen wird individuell geantwortet werden, basierend auf den von ihnen erteilten Informationen. Auf diese Weise werden sie einige Hilfe erhalten, die aber nicht die einzige sein wird. Sie müssen selbstverständlich zur Unterstützung ihren Doktor oder ihre Schwester aufsuchen, jedoch nicht so häufig, wie wenn sie nicht den Online-Beistand hätten, und wir werden den jeweiligen Hausärzten und Krankenschwestern Informationen über den Entzug geben und sie durch diese Studie unterstützen.

Ihnen wird auch während der Arbeitszeit eine Telefonleitung zu einem Gesundheitshelfer (= Erstversorgung/psychische Gesundheit) zur Verfügung stehen. Dies ist in der Regel ein Diplompsychologe, der eine Ausbildung in CBT (= kognitive Verhaltenstherapie) hat und ihnen ebenfalls einige Hilfen geben kann. Die vierte Stütze ist „buddying“, Begleitung durch jemand, der Antidepressiva bereits absetzen konnte, ein medizinischer Laie und ein Mitpatient. Dies hat sich bewährt bei Alkohol, Rauchen und Benzodiazepinen und kann sich auch bei Antidepressiva bewähren. Es ist also ein komplexes Paket, das wir entwickeln. Wir werden kein Gruppensystem für das Absetzen der Antidepressiva haben, dem sich jeder anschließen wird. Es ist individualisiert und zugeschnitten auf den Patienten.

Welche Ergebnisse erwarten Sie und Ihr Team ?

Die wesentlichen Ergebnisse sind depressive Symptome und der Wegfall der Antidepressiva. Wir wollen in der Interventionsgruppe verglichen mit der Kontrollgruppe, die die übliche Versorgung erhält, eine Nichtunterlegenheit der depressiven Symptome erreichen, keine Verschlechterung der Depression. Das Ziel ist, den Menschen dabei zu helfen, von den Antidepressiva loszukommen, selbstverständlich ohne sie depressiv werden zu lassen.

Das grundlegende Ergebnis wird in 6 Monaten gemessen werden, aber wir werden die depressive Symptomatik häufiger beurteilen, nämlich alle 6 Wochen. Wir werden den PHQ2 (= ein aus 2 Fragen bestehender psychodiagnostischer Text für ein Screening einer Major Depression) jede Woche und den PHQ9 alle 6 Wochen durchführen, um die Depression zu messen, und wenn der PHQ2 positiv in Bezug auf depressive Symptome sein sollte, wird dies ein Gespräch mit dem Gesundheitshelfer auslösen, um eine Entscheidung darüber zu treffen, ob der Teilnehmer seinen Arzt aufzusuchen sollte.

Die Entwöhnung wird an dem Verhältnis der Menschen gemessen werden, die mit der Einnahme der Antidepressiva während der Studie aufhören. Wir hoffen, daß mindestens 20 % dazu in der Lage sein werden, verglichen mit etwa 7 %, die dies bei üblicher Versorgung im Laufe eines einzelnen Jahres erreichen.

Während viele medizinische Richtlinien den Kurzzeitgebrauch von Antidepressiva nahelegen, hat es den Anschein, daß nicht gerade viel Anleitung vorhanden ist, wenn es darum geht, daß Patienten davon loskommen wollen. Was haben Sie in der Literatur bezüglich der Geschwindigkeit und Protokollen zum Absetzen von Antidepressiva gefunden ?

Sie haben Recht, die Richtlinien sprechen dies wirklich nicht an, wir haben keine eindeutige Anleitung gefunden. Aber, um dies klar auszudrücken, was wir den Menschen nahelegen, ist dies: Wenn man Antidepressiva für ein paar Wochen eingenommen hat, dauert es Tage, um von ihnen loszukommen; wenn die Einnahme ein paar Monate erfolgte, wird es einige Wochen dauern, sie anbzusetzen; und wenn man sie ein paar Jahre genommen hat, wird man Monate brauchen, um davon wegzukommen. Dies schafft eine Erwartung, die zu verhindern hilft, sie zu kurzfristig abzusetzen.

Zudem unterscheiden sich die Absetzverfahren bei Antidepressiva, und einige machen mehr Probleme als andere. Fluoxetin mit einer langen Halbwertzeit neigt nicht dazu, genauso viel Probleme zu bereiten, wenn man langsam damit aufhört, und man kann zur flüssigen Form übergehen, um die Dosierung in Schritten zu senken. Paroxetin andererseits hat eine kurze Halbwertzeit, und das kann eine Menge Probleme verursachen. Wir verschreiben hier heutzutage wirklich nicht mehr viel Paroxetin. Citalopram und Sertralin liegen wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Es variiert also je nach Medikament, es variiert mit dem Einzelnen, und man muss darauf vorbereitet sein, sie langsam auszuschleichen und die Patienten dabei überwachen.

Wir sind dabei, durch eine systematische Literaturprüfung auf alle relevanten Studien zu schauen, aber die Protokoll-Expertin im Team ist Joanna Moncrieff. Joanna ist Psychiaterin am University College London, und sie wird uns in Absetzverläufen beraten. Aber was ich zu diesen Verläufen sagen möchte ist, daß sie sehr flexibel sein müssen. Manchmal kommen sie mit einem Patienten keinen Schritt voran und der Absetzplan mmuss daher überarbeitet werden, weil der Patient dem Verlauf, den sie gemeinsam zusammengestellt haben, nicht mehr folgen kann.
Ich denke, es werden sich Erprobung und Irrtum gegenüberstehen, da es gerade erst der Anfang dieser Studienreihe ist.

Was sind die Erfahrungsberichte der Betroffenen zum Entzug von Antidepressiva ?

In der Literatur haben Forscher unterstellt, daß die Antidepressiva-Entzugssymptome vorübergehend seien, daß sie nur kurz andauerten, daß sie in einigen Tagen oder Wochen vorbei sein sollten, doch es gibt tatsächlich ziemlich viele Aussagen von Menschen, die lange Zeit Antidepressiva genommen haben, daß bei ihnen Symptome aufgetreten sind, die Monate oder manchmal sogar Jahre andauern. Dies wird in erster Linie von Betroffenengruppen berichtet, wie Surviving Antidepressant und der britischen Lobby-Gruppe Council for Evidence Based Psychiatrie (CEP).
Diese Gruppen sind wirklich hilfreich darin, Fallstudien von Menschen zusammenzutragen, die eine harte Zeit haben, ihre Antidepressiva abzusetzen.

Wir haben einige qualitative Arbeiten mit Leuten durchgeführt, die einige Jahre Antidepressiva nahmen, und wir stellten fest, daß viele sehr verunsichert waren, was sie tun sollten und gemischte Gefühle hatten, die Medikamenten abzusetzen. Als ihre Ärzte ihnen erstmals das Antidepressivum verschrieben, hatten sie ihnen oft gesagt: „Sie brauchen dies, weil Sie einen Serotoninmangel haben, und Sie müssen Ihren Serotoninspiegel wieder aufbauen.“ Daher gingen sie selbst davon aus, diesen Mangel zu haben, was logischerweise zu der Annahme führte, daß sie ihr Antidepressivum immer nehmen müssten.

Diese sehr vereinfachende Sicht wurde gefördert und angetrieben durch die Arzneimittelfirmen, und wir (praktischen) Ärzte haben es dummerweise zu verantworten, daß diese Botschaft so weitergegeben wurde, die bei den Menschen den Eindruck erweckte, daß sie Antidepressiva ihr Leben lang einnehmen müssten. - Vergleichbare Arbeit wurde in den Niederlanden übrigens von Rhona Eveleigh erbracht, die auf diesem Gebiet promovierte. Sie machte qualitative Studien und stelle fest, daß die Art und Weise, wie die Ärzte die SSRI's präsentierten, dahin tendierte, die Menschen glauben zu machen, daß sie für eine lange Zeit Antidepressiva einnehmenmüssten, wenn nicht für immer.

In unseren Gesprächen teilten uns die Menschen auch mit, daß sie in Ermangelung umfassender Aufklärung durch ihre Ärzte einfach davon ausgingen, daß sie mit dieser Medikation fortfahren sollten. Die Ärzte haben diese Medikamente ohne weitere Kontrolle oft für ein oder zwei Jahre verschrieben, wohingegen die Richtlinien empfehlen, diese Patienten alle 2 Monate wieder einzubestellen. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß hier auf dem Gesundheitssystem ein großer Druck lastet. Doch die bequemste Art der Rückzugsposition scheint zu sein, Menschen auf Antidepressiva zu parken und dann ja nicht die etwas schwierige Frage anzugehen, wie man davon wieder loskommt.

Können Sie auf den Unterschied zwischen Entzug und Rückfall eingehen ?

Ich denke, das ist manchmal ziemlich kompliziert, aber es geht um eine Reihe von Symptomen, die Auswirkungen auf die Funktionsweise (edit: hier geht es wohl um die Alltagskompatibilität) und natürlich um die Dauer der Symptome. Wir arbeiten mit Dee Mangin von der Universität von Otago, Neuseeland, zusammen, die eine placebokontrollierte Studie über den Entzug von Antidepressiva (edit: Fluoxetine) durchgeführt hat. Sie hat ein Protokoll dieser Studie erstellt, das diese Faktoren beleuchtet und ist recht erfolgreich darin, zwischen Entzug und Depression zu differenzieren.

In ihrer Studie war sie sich bewußt, daß die Hälfte der Patienten weiterhin das Medikament und die andere Hälfte ein Placebo bekamen, und daher konnten sie tatsächlich nicht im Entzug sein, solange sie weiter das aktive Antidepressivum erhielten, deshalb war dies eine Art Goldstandard. Durch deren Protokoll war es möglich, den Unterschied zwischen Entzug und Depression aufzuzeigen. Dies wurde bislang nicht veröffentlicht, aber es wird bald geschehen.

Giovanni Fava unterstellt in seiner Arbeit, daß manche medikamentinduzierte Veränderungen im Gehirn ab einem bestimmten Punkt irreversibel sein könnten, und daß dies zu langwierigen Entzugssymptomen führen kann. Erwarten Sie, daß diese Unfähigkeit eines erfolgreichen Entzugs nach Langzeiteinnahme Auswirkungen auf ihre Ergebnisse haben wird ?

Dies entspricht nicht meiner Kenntnis, aber ich wäre nicht überrascht, wenn dies in Anbetracht der Krankengeschichten, die sich aus den Nutzererfahrungen ergeben, der Fall wäre. Luke Montagu vom CEP wird Ihnen erzählen, daß einige seiner Probleme wirklich dauerhaft gewesen sind. Wir haben hier im britischen Parlament kürzlich eine Ausschußanhörung abgehalten, in die das CEP und Luke Montagu eingebunden waren und Robert Whitaker zu einigen der neurologischen Anhaltspunkte für diese These Stellung nahm. Ich bin mir sicher, daß es Menschen gibt, die nicht in der Lage sind, ihre Antidepressiva abzusetzen, und daß dies eines der Ergebnisse dieser Studie sein wird.

Es hat ein Hin und Her darüber gegeben, ob man dieses Phänomen als Absetzerscheinungen oder Entzugssymptome einordnen sollte. Was ist Ihre Einschätzung zu dieser Streitfrage ?


Siehe Kommentar zum folgenden Abschnitt hier
viewtopic.php?p=159624#p159624


Ja, ich denke, es gibt da ein semantisches Problem, weil die Patienten uns oft fragen, ob Antidepressiva süchtig/abhängig machen, und während die offizielle Antwort hierauf „nein“ lautet, könnte dies eine etwas zu formale Antwort sein, und ich glaube, dies ist nicht ganz ehrlich. Die Antwort muss lauten, nein, sie sind nicht Sucht erzeugend, weil sie nur einige Suchtelemente aufweisen. Sie verursachen z.B. Entzugssymptome und psychische Abhängigkeit, aber sie führen nach unserer Einschätzung nicht zu physischer Abhängigkeit (mit anderen Worten, es gibt keine körperlichen Veränderungen, die einen Ausgleich durch solche Medikamente erfordern würden), und es gibt keinen Beweis für eine Toleranz (man braucht die Dosierung nicht zu erhöhen), und es ist umstritten, ob sie einen Suchtdruck auslösen.

Weil sie also nur einige Suchtmerkmale aufweisen, und weil Entzugssymptome für sich allein keine Sucht/Abhängigkeit ausmachen, ist die formale Antwort „nein“, aber ich denke, das ist etwas vordergründig. Wenn ausreichend Entzugssymptome auftreten, man das Gefühl hat, das Medikament zu vermissen und es wieder einnehmen zu wollen, so ist das nach meiner Einschätzung ziemlich nah an einer Sucht. Daher meine ich, es ist ein semantischer Unterschied, aber per saldo würde ich sagen, den Terminus „Entzugssymptome“ zu gebrauchen ist präziser als den Begriff „Absetzerscheinungen“.

Es gibt immer mehr Forschungsarbeiten, die Antidepressiva in Zusammenhang bringt mit Unruhezuständen/Erregung, Akathisie und impulsivem, ja sogar kriminellem Verhalten, besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Einige behaupten, daß die größten Risiken für diese Folgen während Zeiten der raschen Veränderung auftreten, wie etwa bei einer erhöhten Dosis, einem neuen Antidepressivum oder einem plötzlichen Entzug des Medikaments durch abruptes Absetzen. Wie haben Sie diese Forschung und ihre Auswirkung in Ihrer Studie berücksichtigt ?

Ich bin mir natürlich bewußt, daß es, wenn Leute mit der Einnahme eines SSRI beginnen, egal ob es sich um eine neue Verschreibung handelt oder sie von einem auf ein anderes umsteigen, eine Phase gibt, in der ein erhöhtes Risiko für impulsives Verhalten, sowohl zerstörerisches als auch selbstzerstörerisches Verhalten, einhergehend mit Angstgefühl, besteht. Insbesondere wenn die Menschen bereits davor Angst haben, mit der Medikation zu beginnen, raten wir den Ärzten, mit niedriger Dosierung zu starten und behutsam zu steigern. Wir sind uns also dieses Phänomens bewußt, insbesondere bei jüngeren Patieten. Obwohl mir zu dieser Thematik in Zusammenhang mit dem Entzug nicht genügend Erkenntnisse vorliegen, wäre ich nicht überrascht zu erfahren, daß Menschen Angst bekommen und hierdurch impulsiver werden können.

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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Nospie » Freitag, 26.08.16, 11:21

Neue Studie, die Menschen helfen soll, sich einer unangemessenen
Langzeitbehandlung mit Antidepressiva zu entziehen

25. Juli 2016

Jedes Jahr werden einem von 10 Erwachsenen Antidepressiva verordnet, jedoch könnten nach Einschätzung eines Universitätsprofessors bis zu 50 % der Patienten eine alternative Behandlung erfahren.

Die Verschreibungsraten von Antidepressiva sind in den letzten zehn Jahren auf jetzt mehr als 60 Millionen Rezepte angestiegen, die in England pro Jahr für das Medikament ausgestellt werden.

Tony Kendrick, Professor für medizinische Grundversorgung an der Universität von Southampton, glaubt, daß zwischen einem Drittel und der Hälfte der Menschen, die Antidepressiva nehmen, damit aufhören und Nebenwirkungen vermeiden könnten und mehr auf sich selbst vertrauen sollten.

Er führt eine neue Studie durch, die durch das NIHR (National Institute for Health Research) finanziert wird, um sichere, verlässliche und preiswerte Verfahren zu ermitteln, wie Patienten geholfen werden kann, von einer Langzeitbehandlung mit Antidepressiva loszukommen, soweit dies ange-
messen ist.

„Wir sind uns bewußt, daß es nicht einfach ist, Antidepressiva abzusetzen“, sagte er. „Entzugssymptome, die Angst und Stimmungstiefs beinhalten, sind für gewöhnlich vorübergehend, ähneln aber der Ursache, warum den Patienten überhaupt Antidepressiva verschrieben wurden.
Daher sind Menschen verständlicherweise zögerlich, von der Medikation wegzukommen – sie fühlen sich, als ob sie einen Rückfall hätten.“

Das Forschungsteam wird eine webbasierte Maßnahme ausarbeiten, die rund um die Uhr verfügbar ist, zusammen mit Beobachtung durch den Hausarzt und „buddying“-Hilfe durch Leute, die früher von Antidepressiva losgekommen sind.

Dies wird im Rahmen einer randomisierten kontrollierten Studie untersucht werden, bei der die Teilnehmer entweder besondere Unterstützung oder die übliche Betreuung erhalten.

Die 2,4 Millionen Pfund teure Studie über sechs Jahre wird durch einen Programmzuschuss des NIHR für angewandte Forschung finanziert und ist ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten von Southampton (unter Einbeziehung der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und des NIHR
Southampton, klinische Studieneinheit), Liverpool, Hull, York, University College London , und des Solent NHS (National Health Service) Trust in Southampton.

Professor Kendrick fügte hinzu : „Die Verschreibungsraten von Antidepressiva steigen sehr schnell an, und einige müssen überhaupt nicht verschrieben werden. Wir hoffen, daß sich durch unsere Untersuchungen feststellen lässt, wo alternative Behandlungsmethoden am besten eingesetzt werden können.Wenn unser Programm funktioniert, möchten wir es über den NHS einführen und eine praktische Anleitung für die Fachleute sowie Hinweise für die Patienten veröffentlichen.

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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Murmeline » Freitag, 26.08.16, 11:30

<3 Dank an Deinen Mann, Nospie!

Ich habs gleich mal getwittert: https://twitter.com/Murmeline_ADFD/stat ... 8881630208
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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Nospie » Freitag, 26.08.16, 11:37

Hallo ,
Murmeline hat geschrieben: Dank an Deinen Mann, Nospie!

Da freut er sich <3
LG
Nospie und Roland

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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Annanas » Freitag, 26.08.16, 11:55

Vielen lieben Dank, Nospie an deinen Mann u an dich -
mit meinem Englisch hätte ich ewig gebraucht, um das für mich verständlich
zu machen!
LG von Anna

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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon padma » Freitag, 26.08.16, 17:08

liebe Nospie, :)

auch von mir ganz lieben Dank an dich und deinen Mann.
Es ist so grosszügig von ihm, dass er diese viele Übersetzungsarbeit für uns macht. :D

liebe Grüsse,
padma

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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Peter_Ansari » Sonntag, 28.08.16, 12:09

Das hätte ich auch gerne im Buch gehabt. Ein sehr schöner Text. Super übersetzt!

Jetzt kann ich nur hoffen, dass viele diesen Beitrag Lesen und verbreiten. - Denn viel deutlicher geht es kaum!

Und besonders schön ist, dass jetzt endlich mal systematisch zwischen Entzug und Rückfall unterschieden werden soll!!! Denn diese "Sie haben einen Rückfall"-Keule der Psychiater ... zusammen mit "dann nehmen Sie es doch lieber weiter" gehört zu den Dingen :frust: ...

Liebe Grüße
Peter
Dr. Peter Ansari
Forscht an Depressionen und Antidepressiva. Möchte allen Menschen,
die unter der Einnahme der Antidepressiva leiden, eine Stimme geben.
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Rät zur Vorsicht im Umgang mit Antidepressiva und warnt vor der Langzeiteinnahme.Gratuliert allen, die es geschafft haben, die Medikamente abzusetzen und wünscht denen, die gerade dabei sind die notwendige Kraft :sports: um den Weg weiter zu beschreiten. Auch wenn es dauert: Ihr schafft das :hug: !

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Re: Kommentar zu Interview Studienleiter Langzeitprojekt AD absetzen

Beitragvon Murmeline » Donnerstag, 06.10.16, 15:44

Liebe ADFDler,

dieser Abschnitt des Interviews hat bei uns vom Team ein paar Fragezeichen hinterlassen.
Ja, ich denke, es gibt da ein semantisches Problem, weil die Patienten uns oft fragen, ob Antidepressiva süchtig/abhängig machen, und während die offizielle Antwort hierauf „nein“ lautet, könnte dies eine etwas zu formale Antwort sein, und ich glaube, dies ist nicht ganz ehrlich. Die Antwort muss lauten, nein, sie sind nicht Sucht erzeugend, weil sie nur einige Suchtelemente aufweisen. Sie verursachen z.B. Entzugssymptome und psychische Abhängigkeit, aber sie führen nach unserer Einschätzung nicht zu physischer Abhängigkeit (mit anderen Worten, es gibt keine körperlichen Veränderungen, die einen Ausgleich durch solche Medikamente erfordern würden), und es gibt keinen Beweis für eine Toleranz (man braucht die Dosierung nicht zu erhöhen), und es ist umstritten, ob sie einen Suchtdruck auslösen.

Weil sie also nur einige Suchtmerkmale aufweisen, und weil Entzugssymptome für sich allein keine Sucht/Abhängigkeit ausmachen, ist die formale Antwort „nein“, aber ich denke, das ist etwas vordergründig. Wenn ausreichend Entzugssymptome auftreten, man das Gefühl hat, das Medikament zu vermissen und es wieder einnehmen zu wollen, so ist das nach meiner Einschätzung ziemlich nah an einer Sucht. Daher meine ich, es ist ein semantischer Unterschied, aber per saldo würde ich sagen, den Terminus „Entzugssymptome“ zu gebrauchen ist präziser als den Begriff „Absetzerscheinungen“.


Wie immer liegt der Knackpunkt in den jeweiligen Definitionen, die dahinter stehen.
Wir haben uns bei Tony Kendrick nach seinem Verständnis von körperlicher Abhängigkeit erkundigt, und er hat uns erklärt:

Manche Substanzen lösen körperliche Abhängigkeit aus - Alkohol und Opiate zum Beispiel würden derartige körperliche Veränderungen/ Anpassungsprozesse mit sich bringen, dass man die Dosis steigern müsse, um den selben Effekt zu haben. Und der Betroffene würde den Effekt der Einnahme vermissen, wenn die Substanz abgesetzt wird und er physische Symptome bekommt. Eine derartige körperliche Abhängigkeit mit Toleranzentwicklung sei für Antidepressiva nicht nachgewiesen, auch wenn es möglich sei, dass es das gäbe. Er stimmt überein, dass Antidepressiva körperliche Veränderungen auslösen und Entzugssymptome eine physiologische Grundlage haben. Für ihn bedeutet dies qua definition keine körperliche Abhängigkeit.


Wir haben ihm dann folgende zwei Studien zum Thema Toleranzentwicklung bei Antidepressiva zugeschickt, denn es gibt dazu ja bereits fachliche Meinungen und Forschung (danke an Carlotta und Edgar, die unermüdlich Studien recherchieren und uns dann die passenden Verweise zur Verfügung stellen, ohne Euch wären das gar nicht möglich)

Tachyphylaxis/tolerance to antidepressants in treatment of dysthymia: Results of a retrospective naturalistic chart review study
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1 ... 231.x/full

The mechanisms of tolerance in antidepressant action

https://www.researchgate.net/profile/Em ... ion_detail

Da konnte er uns auch nur noch zurückmelden:
I stand corrected.

Das bedeutet: Was wir gesagt haben hat dazu geführt, dass er seine Meinung anpassen musste.
:shock: :roll: :D

Unabhängig von der Toleranz definieren wir im ADFD physische/körperliche Abhängigkeit so:
ein Zustand der Anpassung, der sich in einem Substanzgruppenspezifischen Entzugssyndrom zeigt, das nach abruptem Absetzen, schneller Dosisverringerung, absinkendem Blutspiegel des Wirkstoffs, und/oder Verabreichung eines Antagonisten auftritt.

Siehe dieser Beitrag von PhilRS

Zu Toleranzentwicklung:
Toleranz ist ein Wirkverlust, dem gemeinhin mit weiterem Hochdosieren und/oder Präparatewechsel und/oder zusätzliche Präparaten begegnet wird. Grund ist u.a. - egal bei welcher Wirkstoffgruppe -, dass sich die Rezeptorenlandschaft an die vorhandene Substanz(en) anpasst und u.a. Rezeptoren hoch- bzw. herunterreguliert werden, sodass das Verhältnis von Neurotransmittern und Rezeptoren sich, vereinfacht dargestellt, ungünstig verändert.

Es gibt in allen Betroffenengruppen bei Antidepressiva immer wieder Verlaufsberichte, dass vor allem nach längerer Einnahme der Effekt nicht mehr erreicht wird (Wirkungsverlust), und die Dosis dann gesteigert wird.

Bei Benzodiazepinen gibt es zudem eine Niedrigdosis-Abhängigkeit, bei der Betroffene jahrelang auf der gleichen Dosis bleiben ohne sie steigern zu müssen, aber dennoch als abhängig gelten und starke Entzugsreaktionen zeigen beim Absetzen. Vermutlich sind es bei Antidepressiva Abhängigkeitsentwicklung und Toleranzbildung etwas andere/kompliziertere Mechanismen und sie verlaufen tendenziell vielleicht langsamer als bei anderen, bereits als potentiell abhängig machend bekannten Substanzen. Betroffenenberichte zeigen aber, dass wenn eine starke physiologische Gewöhnung statt gefunden hat, das Absetzen von Antidepressiva einem schweren Benzodiazepin-Entzug gleicht (teilweise) gleichen kann.

Für Betroffene ist erstmal nicht so wichtig, ob sie eine klassische Toleranzbildung wie bei bekannten Substanzen erlebt haben oder nicht, wenn das Absetzen genauso schwer sein kann wie bei suchterzeugenden Stoffen. Die Aussage "macht nicht körperlich abhängig" ist für Betroffene extrem irreführend. Aus Betroffenensicht wäre es besser zu sagen, dass eine körperliche Gewöhnung stattfindet, die sehr schwerwiegend sein kann, und das sich das potentielle körperliche Abhängigkeitspotential durch Anpassungsprozese des Organismus an die Substanz in individuellen Entzugssymptomen zeigt.

Zum Thema körperliche Abhängigkeit und Toleranz äußert sich Peter Lehmann im Artikel Antidepressiva absetzen - Massive Entzugsprobleme, keine professionelle Hilfen http://www.antipsychiatrieverlag.de/art ... setzen.pdf. Interessant dazu auch der Artikel von Edgar: Antidepressiva machen körperlich abhängiger als man denkt! http://www.adfd.org/austausch/viewtopic ... 922#p68922

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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Arianrhod » Mittwoch, 12.10.16, 16:25

Hallo Murmeline,

wie könnte ich die ärztliche Meinung widerlegen, dass AD und NL KEINE Sucht erzeugen, weil die Wirkungen eigentlich so unangenehm sind, dass niemand immer mehr von dem "Stoff" haben möchte.
( Bei Opioiden ist es eigentlich auch so, wenn man retardierte Pillen nimmt, kein Verlangen nach Steigerung der Dosis auftritt. Dass man abhängig ist, bemerkt man erst, wenn man versucht, abzusetzen. Aber bei Opioiden ist die Sucht ohne Wenn und Aber anerkannt)
Gehört zur Definition einer Sucht wirklich immer das Verlangen nach "mehr" oder hat mir meine neue Hausärztin da Quatsch erzählt?
liebe Grüße Arian
2005 mit Burnout und Depression in eine Tagesklinik gekommen.

Zuerst einmonatige Behandlung mit diversen Antidepressiva: Doxepin, Mirtazipin, Sulprid,
hypomane Reaktion
wobei die AD sofort und ohne Ausschleichen von den Ärzten abgesetzt wurden.


Verschiedene Diagnosen: schizoaffektive Psychose, Depression, bipolare Störung, Schizophrenie, dissoziative Identitätsstörung


Erst 2 Jahre Behandlung mit Amisulprid . Zu schnell auf eigene Faust abgesetzt.
Schwere Supersensitivitätspsychose .

Einstellen auf verschiedene Neuroleptika: Haloperidol, Quetiapin, Olanzapin, Risperidon, Paliperidon, Aripiprazol
Außerdem Lorazepam, Promethazin, Chlorprothixen, Melperon, Pipamperon

jahrelang , vieles gleichzeitig und in höchster Dosierung.
u.a. Berentung, 60 kg Gewichtszunahme
seit 2012 Ausschleichen von 800 mg Quetiapin retard innerhalb von 2 Jahren.
Meinen Absetzbericht findet man hier:
http://adfd.org/austausch/viewtopic.php?f=51&t=10634&p=120447#p120447
Seit Januar 2014 keine Neuroleptika mehr.

Ich leide seit 3 Jahren unter Nervenschmerzen, Kribbeln und Lähmungen. Bei mir wurde eine Polyneuropathie diagnostiziert und ein Zusammenhang mit NL vermutet - leider nicht beweisbar.

Außer Neuroleptika habe ich zwischenzeitlich auch Oxycodon ( ein Opioid) und Trimipramin nach zweijähriger Einnahme abgesetzt , die ich wegen chronischer Schmerzen verschrieben bekommen habe.
Pregabalin habe ich am 7.9.2016 endgültig ausgeschlichen.

Die Anzahl meiner Dauermedikamente beträgt gerade "0". :)

Murmeline
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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Murmeline » Mittwoch, 12.10.16, 16:37

Hallo Arianrhod,

Abhängigkeit kann per Definition aktuell nur dann gestellt werden, wenn Kriterien für Sucht erfüllt sind;

http://www.adfd.org/austausch/viewtopic ... 922#p68922

Murmeline
Erfahrung mit Psychopharmaka (Citalopram, langjährig Venlafaxin und kurzzeitig Quetiapin), seit Sommer 2012 abgesetzt
Hinweis: Das Team sorgt für die Rahmenbedingungen im Forum und organisiert den Austausch. Ansonsten sind wir selbst Betroffene und geben vor allem Erfahrungswerte weiter, die sich aus unserer eigenen Geschichte und aus Erfahrungen anderer ergeben haben.

Dein Behandler nimmt Absetzproblematik nicht ernst? Das geht anderen auch so, siehe hier
Einer Deiner Ärzte erkennt Probleme mit Psychopharmaka an? Dann berichte doch hier

Arianrhod
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Re: Forschungsprojekt zum Absetzen von Antidepressiva nach Langzeiteinnahme (UK)

Beitragvon Arianrhod » Donnerstag, 13.10.16, 9:38

Ja, dann hat meine Ärztin formal recht. Es besteht keine psychische Abhängigkeit. Obwohl ich auch bei Drogensüchten gelesen habe, am anfang nehmen Konsumenten den Stoff, um sich besser zu fühlen, dann tritt dieser Effekt nicht mehr ein, und sie nehmen das Suchtmittel weiter, um sich nicht schlecht zu fühlen.
( also das, was in der Szenesprache früher "auf Turkey kommen " hieß. ( Turkey, der Truthahn, de Flatterer, das ist ein Synonym für den Drogenentzug. Die, die ihn durchmachen müssen,,zittern und sind unruhig und lhaben Schmerzen am ganzen Körper. ).
liebe Grüße Arian
2005 mit Burnout und Depression in eine Tagesklinik gekommen.

Zuerst einmonatige Behandlung mit diversen Antidepressiva: Doxepin, Mirtazipin, Sulprid,
hypomane Reaktion
wobei die AD sofort und ohne Ausschleichen von den Ärzten abgesetzt wurden.


Verschiedene Diagnosen: schizoaffektive Psychose, Depression, bipolare Störung, Schizophrenie, dissoziative Identitätsstörung


Erst 2 Jahre Behandlung mit Amisulprid . Zu schnell auf eigene Faust abgesetzt.
Schwere Supersensitivitätspsychose .

Einstellen auf verschiedene Neuroleptika: Haloperidol, Quetiapin, Olanzapin, Risperidon, Paliperidon, Aripiprazol
Außerdem Lorazepam, Promethazin, Chlorprothixen, Melperon, Pipamperon

jahrelang , vieles gleichzeitig und in höchster Dosierung.
u.a. Berentung, 60 kg Gewichtszunahme
seit 2012 Ausschleichen von 800 mg Quetiapin retard innerhalb von 2 Jahren.
Meinen Absetzbericht findet man hier:
http://adfd.org/austausch/viewtopic.php?f=51&t=10634&p=120447#p120447
Seit Januar 2014 keine Neuroleptika mehr.

Ich leide seit 3 Jahren unter Nervenschmerzen, Kribbeln und Lähmungen. Bei mir wurde eine Polyneuropathie diagnostiziert und ein Zusammenhang mit NL vermutet - leider nicht beweisbar.

Außer Neuroleptika habe ich zwischenzeitlich auch Oxycodon ( ein Opioid) und Trimipramin nach zweijähriger Einnahme abgesetzt , die ich wegen chronischer Schmerzen verschrieben bekommen habe.
Pregabalin habe ich am 7.9.2016 endgültig ausgeschlichen.

Die Anzahl meiner Dauermedikamente beträgt gerade "0". :)


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