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Vorläufige Ergebnisse der Studie Erfahrungen beim Absetzen von Antidepressiva und Antipsychotika

Eine Sammlung von Artikeln, die über wissenschaftliche, politische und wirtschaftliche Hintergründe der Behandlung von seelischen Leiden mit Psychopharmaka berichten.
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Flummi

Vorläufige Ergebnisse der Studie Erfahrungen beim Absetzen von Antidepressiva und Antipsychotika

Beitrag von Flummi » Donnerstag, 20.12.18, 7:48

Vorläufige Ergebnisse der Studie Erfahrungen beim Absetzen von Antidepressiva und Antipsychotika des Arbeitsbereichs Klinische Psychologie und Psychotherapie (Leitung: Prof. Dr. Tania Lincoln)

"In unserer Studie wurden, teilweise erstmalig, eine Reihe von Bewältigungsstrategien, Erfahrungen und Erwartungen zum Thema Absetzen von Antidepressiva und Antipsychotika (Neuroleptika) untersucht. Über 800 Personen mit Absetz- oder Reduktionserfahrungen nahmen an der Befragung teil. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Faktoren einen Absetzoder Reduktionserfolg begünstigen. Das Augenmerk bisheriger Studien lag meistens auf Medikamenten- und / oder Rückfallfreiheit als Kriterium für den Absetzerfolg.

In Erfahrungsberichten wird hingegen immer wieder betont, dass neben der bloßen Medikamenten- und Symptomfreiheit auch andere Faktoren (z.B. Lebensqualität) für die Betroffen selbst entscheidend sind. Zur Messung des Absetzerfolgs wurde daher ein
Fragebogen in enger Zusammenarbeit mit Betroffenen neu entwickelt, der die subjektive Wahrnehmung von Absetzversuchen untersuchen sollte.

Der Fragebogen erwies sich in unseren Analysen als zuverlässiges Instrument zur Einschätzung des subjektiv erlebten Erfolgs- bzw. Misserfolgs eines Absetzversuchs. Anhand von 27 Aussagen erfasst er drei unterschiedliche Facetten, die für die subjektive Beurteilung des Absetzerfolgs wichtig sind:

1. Absetzerfolg ganz allgemein (Beispielitems: „Ich habe die Medikation, die ich absetzen wollte, abgesetzt“, „Der Absetzversuch hat sich aus meiner Sicht gelohnt).

2. Positive Auswirkungen des Absetzversuchs(z.B. „Seit dem Absetzversuch fühle ich mich lebendiger, „Ich
habe seit dem Absetzversuch wieder mehr Lust, etwas aus meinem Leben zu machen“) und

3. Negative Auswirkungen des Absetzversuchs (z.B. „Durch den Absetzversuch fühle ich mich unsicherer“, „Seit dem Absetzversuch fällt es mir schwerer, mit negativen Emotionen umzugehen.“).

Mit dem Fragebogen besteht nun die Möglichkeit, Auswirkungen des Absetzens in zukünftigen Studien genauer und umfangreicher als bisher zu untersuchen.
Hinsichtlich möglicher Bewältigungsstrategien während des Absetzens von Antidepressiva fanden wir in der ersten Befragung im Frühjahr 2018 statistisch bedeutsame Zusammenhänge zwischen Absetzerfolg und einer durch Achtsamkeit und Selbstmitgefühl geprägten Haltung
gegenüber den eigenen Gedanken, Gefühlen und dem eigenen Körper. Je eher die TeilnehmerInnen sich selbst und ihren Problemen gegenüber fürsorglich und verständnisvoll begegneten, desto höher wurde der Erfolg eingeschätzt. Zudem zeigte sich, dass Personen, die
eine positivere Beziehung zu ihrem behandelnden Arzt/Ärztin haben, von weniger negativen Auswirkungen des Absetzens berichten. Sowohl die Qualität der wahrgenommenen ärztlichen Unterstützung als auch das eigene Verhalten haben also wahrscheinlich einen Einfluss auf den Absetzerfolg von Antidepressiva.

Wurden nur die Angaben derjenigen TeilnehmerInnen analysiert, die Antipsychotika eingenommen hatten, zeigte sich, dass ein individuell flexibles Vorgehen bei der Dosisreduktion mit einem höheren Absetzerfolg einherging als das strikte Vorgehen nach einem vorher festgelegten Plan. Ein sehr langsames Vorgehen war dabei nicht per se erfolgreicher als ein eher zügiges Vorgehen. Weiterhin fanden sich bei diesen TeilnehmerInnen bedeutsame
Zusammenhänge zwischen Absetzerfolg und der Menge der bisher insgesamt eingenommenen Dosis von Antipsychotika (je geringer die Menge desto erfolgreicher der Absetzversuch), dem Vertrauen, Schwierigkeiten aus eigenen Kräften bewältigen zu können (die sogenannte
Selbstwirksamkeitserwartung: je höher diese ausgeprägt ist, desto erfolgreicher) sowie dem Verzicht von Alkoholkonsum während des Absetzversuchs.
Insgesamt konnten die untersuchten Faktoren nur einen kleinen Teil der Unterschiede zwischen Absetzerfolg bzw. Misserfolg erklären. Es spielen als noch viele weitere (in unserer Studie nicht untersuchte) Faktoren eine Rolle, ob ein Absetzversuch erfolgreich ist oder nicht.

In unserer Studie konnten wir beispielsweise den Einfluss einer bestimmten Diagnose oder die Symptomschwerr nicht hinreichend berücksichtigen. Die genannten Ergebnisse müssen aufgrund des Designs der Studie sowie der nicht-repräsentativen und nicht-zufälligen Auswahl der TeilnehmerInnen demnach als vorläufig betrachtet werden. Da die TeilnehmerInnen nur zu einem Zeitpunkt und darüber hinaus auch rückblickend befragt wurden, sind die dargestellten Zusammenhänge kein Beleg für Ursache-Wirkung-Mechanismen und können durch
Erinnerungslücken oder -verzerrungen verfälscht sein. Um besser zu verstehen, welche Faktoren über die Zeit eine Rolle spielen, sind wiederholte Befragungen notwendig, weshalb aktuell die zweite Befragungswelle mit TeilnehmerInnen läuft, die auch schon an der ersten
Befragung teilgenommen haben.

Trotz der genannten Einschränkungen geben diese ersten Ergebnisse dennoch wichtige Hinweise für weitere Forschung. Beispielsweise ist der Einsatz von Strategien, die auf Achtsamkeit und Selbstmitgefühl basieren im Rahmen des Absetzens von Psychopharmaka bisher noch nie systematisch untersucht wurden. Beide Strategien können von Betroffenen potentiell selbst gelernt und eingesetzt werden und können so möglicherweise die Chancen auf einen erfolgreichen Ausgang eines Absetzversuchs erhöhen.

Aufgrund des frühen Forschungsstandes können wir zum jetzigen Zeitpunkt nur sehr begrenzte Empfehlungen bezüglich des Absetzprozesses aussprechen. Zum einen weisen unsere

Ergebnisse darauf hin, dass ein sehr langsames Vorgehen oder eine Dosisreduktion nach einem strikten Plan (wie in manchen Ratgebern empfohlen, z.B. 10 % alle 4 Wochen oder ähnliches) nicht in jedem Fall notwendig ist. Vielmehr sollte jeweils individuell und flexibel, z.B. je nach Auftreten von Absetzerscheinungen, reagiert werden und wenn nötig von einem festgelegten Plan abgewichen werden. Zum anderen könnten gezielte Achtsamkeitsübungen, ein verbessertes Selbstmitgefühl und Selbstfürsorgestrategien (wie etwa Entspannungsübungen, Aufbau einer geordneten Tagesstruktur etc.) eine mögliche Hilfe beim Absetzen darstellen.

Darüber hinaus sollte auf Alkoholkonsum während des Absetzens weitestgehend verzichtet werden. Da diese Faktoren in der Regel auch ganz allgemein positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben, können wir eine Auseinandersetzung mit ihnen in jedem Fall empfehlen. Inwiefern sie einen spezifischen Einfluss auf das Gelingen eines Absetz- oder Reduktionsversuchs haben, lässt sich aktuell jedoch noch nicht mit Sicherheit feststellen."

Hamburg, Dezember 2018
Daniel Sommer, M.Sc.
Universität Hamburg
Institut für Psychologie
AB Klinische Psychologie und Psychotherapie
Von-Melle-Park 5
20146 Hamburg
E-Mail: daniel.sommer@studium.uni-hamburg.de

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