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Paroxetin absetzen, leider schief gelaufen

Verfasst: 15.07.2005 19:46
von Lotus
Hallo allerseits,

leider ist mein Versuch Paroxetin abzusetzen gescheitert.

Ich bekam so intensive Selbstmordgedanken, dass ich nur noch in eine psychiatrische Klinik gehen konnte. :cry: Dort bekam ich Ecitalopram. Der behandelnde Psychiater meinte, ich solle das Medikament im Prinzip überhaupt nicht wieder absetzen, wenn ich aber unbedingt wolle, solle ich es ganz ganz ganz langsam machen. Er hielt es nicht für ausgeschlossen, dass die Selbstmordgedanken eine Absetzerscheinung wären.

Bei einer Visite erzählte ich dem Leiter der Klinik, einem Professor, davon, dass ich leichte Muskelschmerzen hatte. Er schlug vor, den CK-Wert festzustellen.
Die Google-Suche ergab, CK heißt Creatinkinase.
In folgendem Aufsatz:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/p ... pharm2.htm
fand ich einen Hinweis darauf, dass Medikamente im allgemeinen Muskelschmerzen verursachen können. Der CK-Wert kann darauf hinweisen, dass die Muskeln sich abbauen. Er ist z.B. auch dann erhöht, wenn man eine Grippe mit Muskelschmerzen hat. Der Wert kann aber wohl recht hoch sein, ohne dass es gesundheitlich bedenklich ist.
Da habe ich doch einen Hinweis, wie ich den Muskelschmerzen auf die Spur kommen kann, falls sie schlimmer werden.

Mir ist im Moment das Ecitalopram lieber als die Selbstmordgedanken. Ich hoffe nur, dass ich erst mal davon verschont bleibe, so lange ich schlucke.

Gruß,


Lotus

Verfasst: 16.07.2005 20:39
von PhilRS
Hi Lotus,

Suizidgedanken können sowohl unter SSRI vorkommen als auch durch das Absetzen. Eine ganz typische Sache sogar. "Nicht ausgeschlossen", das ist eine - gelinde gesagt - merkwürdige Formulierung.

Fast noch merkwürdiger ist die Medsprech-Erfahrung (braucht es erst einen Prof., um bei Muskelschmerzen die CK zu bestimmen? Hallo!!).

Isoliert betrachtet, nützt ein CK-Wert (es gibt verschiedene davon) nicht allzuviel. Die Frage ist ja, woher kommt das Ganze.

Kann schon erhöht sein durch körperliche Anstrengung, oder durch intramuskuläre Spritzen (Depotpräparate, Schmerzmittel usw.) - eine Rhabdomyolyse (Muskelzerfall) durch Med. kommt gelegentlich vor, ist mir aber nur unter Neuroleptika bekannt.

Am besten mal googeln mit
+rhabdomyolyse +((Wirkstoffname))

Gruß von
-PhilRS.

ps: unbedingt alle eingenommenen Med. berücksichtigen, auch Selbstmedikation und scheinbar "harmlose" Sachen.

Verfasst: 17.07.2005 09:24
von Lotus
Hallo PhilRS,

vielen Dank für dieses kuriose medizinische Fachwort. Ich habe gleich gegoogelt. Nach oberflächlichem Querlesen kam ich zu der Auffassung, dass man wohl trizyklische Antidepressiva und SSRI gleichzeitig in Überdosis schlucken muss, damit die Muskeln tatsächlich verschwinden. Ich denke, das wird mir kaum passieren.

Was den Professor betrifft. Die psychiatrische Klinik in der ich war, war eine psychiatrische Klinik. Trotzdem war es jetzt für mich ganz gut, dort gelandet zu sein. Ich wurde sehr intensiv beobachtet, und die behandelnden Ärzte, die Psychologin und das Pflegepersonal waren wirklich ein Team. Sie haben ihr Wissen über mich untereinander ausgetauscht, und haben sich auch gegenseitig korrigiert.

Es war halt eine psychiatrische Klinik, und das heißt, die Ärzte sind schon ein bisschen autoritär mit mir umgegangen. Es wäre furchtbar schwer gewesen, die Behandlung mit SSRI abzulehnen. Mein behandelnder Arzt war schon einer, der versucht hat, sich gegen die Mechanismen der Institution zu stellen.

Ich habe vorher sieben Jahre lang Paroxetin geschluckt. Während dieser Zeit hatte ich zwar auch mal Selbstmordgedanken, aber nicht in der Ausprägung, die wirklich gefährlich werden können. Nach dem Absetzen wurden sie zu Zwangsgedanken. Ich konnte sie nicht mehr stoppen und konnte mich auch nicht davon distanzieren.

Ich bin weit über 18. Die Warnung der FDA bezieht sich ja auf Leute unter 18. Allerdings wird sich wohl der Wirkmechanismus der SSRI nicht am 18. Geburtstag plötzlich stark verändern. Ich kann also nur sagen, dass sich SSRI bisher bewährt haben, um m i c h davon abzuhalten, mich ernsthaft selbst zu verletzen. Ich bin froh, dass ich für andere nicht entscheiden muss.

Für den nächsten Absetzversuch weiß ich, dass es eine leidlich gute Psychiatrie in meiner Nachbarschaft gibt, und dass ich wirklich langsam absetzen muss. Außerdem sollten meine Lebensumstände stabiler sein, als sie es jetzt sind, und wahrscheinlich brauche ich noch mindestens eine Psychotherapie.

Du scheinst über medizinisches Fachwissen zu verfügen, bist Du auch gleichzeitig ein Betroffener?

Gruß,

Lotus

Verfasst: 17.07.2005 09:42
von Lotus
Hallo PhilRS,

ich habe gerade Deine alten Nachrichten nachgelesen. Damit hat sich meine Frage erledigt.

Ich bin froh, dass Du hier schreibst, und wünsche Dir alles Gute.

Gruß,

Lotus

Verfasst: 17.07.2005 23:45
von PhilRS
Hi Lotus,

DANKE dass Du die Suchfunktion benutzt hast :)

Hab mich sehr gefreut über Dein Posting, bin immer auf der Suche nach aktuellen Berichten/Eindrücken aus dem Bereich - vielleicht sind das "Entzugserscheinungen" - und sowieso sollten alle die in der Psychiatrie arbeiten sich idealerweise einer abschließenden "Notenvergabe" bzw. den Kommentaren der Patienten stellen... das wäre doch mal was!
- In anderen Disziplinen schon längst verbreitet, und da die Psychiatrie ja ach so medizinisch ist heutzutage, sollte sie keine Ausnahme bilden.
Lotus hat geschrieben:Mein behandelnder Arzt war schon einer, der versucht hat, sich gegen die Mechanismen der Institution zu stellen.
... hört sich ein bisschen so an wie im Krimi, wo die Ermittler vor dem Gespräch mit dem Verdächtigen vereinbaren, wer "guter Bulle" und wer "böser Bulle" spielt. V.a. weil Du das "Team" erwähntest - da sollte so ein Eindruck eigentlich nicht entstehen, dass sich jemand "gegen die Institution" stellt.

<hr>
Ich bin weit über 18. Die Warnung der FDA bezieht sich ja auf Leute unter 18. Allerdings wird sich wohl der Wirkmechanismus der SSRI nicht am 18. Geburtstag plötzlich stark verändern.
Exakt! Das treffende Argument.
Hintergrund ist der, dass für Kinder/Jugendliche das Risiko besonders gut dokumentiert war und die Nutzen-Risiko-Relation in der Altersgruppe am krassesten negativ für SSRI ausfiel. Darum konnte die Warnung direkt durchgesetzt werden.
> Bez. der Erwachsenen war auch der Widerstand der Hersteller viel größer, d.h. bevor die sich ihren Haupt-Absatzmarkt "kaputtmachen lassen", haben sie lieber die seltenere Zielgruppe aufgegeben. Nach meiner Einschätzung war das aber nicht der Schlusspunkt ... more to come.

Alles Gute wünscht
-PhilRS.

Verfasst: 18.07.2005 09:31
von Lotus
Hallo PhilRS,

Zitat aus der Medikamenteninformation des H e r s t e l l e r s: „In den klinischen Studien (insgesamt 715 Patienten unter Escitalopram und 592 Patienten unter Placebo) betrug die Häufigkeit der Suizide/ Suizidversuche unter Escitalopram-Therapie 0,7 % gegenüber 0,5 % unter Placebo."

Ich mache für mich einen Unterschied zwischen Selbstmordgedanken und Selbstmordversuchen. Die Selbstmordgedanken sind mehr wie der Grübelzwang bei Depressionen. Die Gedanken werden bei mir unter dem Medikament weniger und es ist leichter, mich davon abzulenken. Wenn welche kommen, vergesse ich sie eigentlich sofort wieder, was ich für eine gesunde Sache halte.

Aber was die Daten angeht, finde ich, kann man fast schon aus dem oben angeführten Zitat schließen, dass die massenhafte Verbreitung von SSRI kein geeignetes Mittel zur Suizidprophylaxe ist, wie vom Kompetenznetz Depression behauptet wird.

Gruß,

Lotus