Seite 1 von 1

Parabell stellt sich vor..

Verfasst: 29.09.2008 13:52
von parabell
Ich möchte mich und meine "Psychokarriere" mal vorstellen - ist vielleicht ganz interessant.

Wenns nicht passt, bitte irgendwohin verschieben, ja? War dann keine böse Absicht.

Bis ich ein Teenager war, war, hatte ich ein recht normales Leben. Ich war zwar immer viel krank, nie sehr glücklich, aber ich hatte Lebensfreude und Energie, ich war Frühaufsteher, ich machte Sport, war aktiv und hatte ein Leben.

Bis ich mit 17 meine erste Pille verschrieben bekam, die rückblickend wohl die Hashimoto Thyreoiditis bei mir ausgelöst hat, danach ging alles den Bach runter und ich fühlte mich zunehmend depressiv, mit allen seelischen und körperlichen Symptomen, konnte auf einmal nicht mehr genug schlafen und wurde zum Spätaufsteher und Nachteule.

Gut - Grund genug, um Depressionen zu haben, *hatte* ich - meine ersten Selbstmordgedanken hatte ich in der Grundschule, einfach weil meine Mutter ein extremer Mensch ist (sie ist nach meiner und meines ehemaligen Therapeuten Einschätzung eine Borderlinerin), die alle Menschen in ihrer Umgebung schlicht fertiggemacht hat. Sie ist ein bösartiger, niederträchtiger, manipulativer Mensch, der immer nur Gott gespielt hat, um seinen Willen durchzusetzen. Sie hat die Macht, Menschen zu zerstören, aber zumindest bis damals konnte ich abseits von ihr mein Leben durchaus noch genießen.

Pech war, dass ich damals bei einem Hausarzt war, der zwar die Schilddrüsenunterfunktion feststellte, aber den Behandlungsvorschlag des Nuklearmediziners ignorierte (ich habe Jahre später meine Unterlagen ausgehändigt bekommen).. ich war zu dem damaligen Zeitpunkt (mit 19 Jahren) quasi schon ein Wrack - ständig erkältet, ein Infekt nach dem anderen, teilweise auch sehr schwere (Nierenbeckenentzündungen am Fließband, Eierstockentzündung, ständige Nebenhöhlenvereiterung, Mandeln, und und und), dauermüde und erschöpft, kaum noch in der Lage, morgens aufzustehen, der Schlaf war immer schlechter, ich brauchte immer mehr davon, ich sah mich kaum noch in der Lage, meine Schule zu besuchen oder im Anschluss mein Studium aufzunehmen.

Alles fühlte sich irreal an, als wäre ich nur Zuschauer in einem Film - ich hatte zu all dem, was um mich herum passierte, einfach keinen gefühlsmäßigen Bezug mehr, es war schlimm. Ich fing auch an, mich zu ritzen in der Zeit, um Druck abzulassen, eine andere Möglichkeit gab es für mich nicht mehr.. weinen ging schon lange nicht mehr, und meine Gefühle, bis auf einige wenige zu benennen, war auch einfach nicht mehr möglich - es war alles einfach nur noch ein Gefühlswirrwarr mit Inselchen von klaren Gefühlen. Ich guckte in den Himmel zur Sonne, konnte grade noch "ach, schön" denken, wenn ich dann den Blick gesenkt habe und auf den Boden geschaut habe, dann war es, als hätte die Sonne nie geschienen - die Dinge hatten einfach keine anhaltende Wirkung mehr auf mich, Gefühle waren nur noch wie ein flüchtiger Schatten. Ich schaffte aber mit Hängen und Würgen noch mein Abi und brach danach zusammen und bat mir von meinem Vater ein Jahr Auszeit aus, um herauszufinden, was mit mir nicht stimmt.

Die ganzen Untersuchungen ergaben nichts (zumindest nicht, wenn man den Bericht vom Nuklearmediziner ignoriert), und so zogen sich die Monate dahin, ohne dass der Arzt was fand.
Da ich zu dem Zeitpunkt grade frisch mit einem Jungen zusammen war, war dieser tolle Hausarzt dann irgendwann der Meinung "Sie können gar nicht depressiv sein, wenn Sie verliebt sind", und verschrieb mir ein Mittel gegen (festhalten) Narkolepsie, obwohl er vom Nuklearmediziner schwarz auf weiß hatte, dass ich in der Unterfunktion war und behandelt werden sollte!!!

Mit diesem Mittel hatte ich das erste Mal in meinem Leben massive Angstzustände - ich schlief quasi gar nicht mehr, hatte ständig einen Puls von 150-180 (selbst wenn ich lag), brauchte 11000kcal, um nicht vom Fleisch zu fallen. Das war die Hölle, ehrlich - ich habe keine Narkolepsie gehabt, ich hatte nur eine unterfunktionelle Schilddrüse.. :-(

Ich weiß nicht mehr, wieviele Wochen ich das durchgehalten habe, aber als ich dann total fertig und zitternd und dann offenbar sichtbar depressiv (nach dem Zeug wirkte ich dann wohl doch so) bei ihm ankam, wirklich bereit zum Selbstmord, habe ich das absetzen müssen (hätte ich das wohl auch ausschleichen müssen?), und er hat mir Aponal verordnet, ein altes Antidepressivum bzw. Neuroleptikum.

Das war mein erstes - die Angstzustände allerdings blieben seitdem mein getreuer Begleiter - aber ich war einigermaßen stabilisiert, wenn auch völlig "weg vom Fenster", was aber erstmal ein Fortschritt war, immerhin war es besser als unter dem Narkoleptikum.

Aponal nimmt einem alle Erinnerungen - Gefühle, alles... das Kurzzeitgedächtnis hält grade mal von der Terminabsprache bis zum Telefonhörerauflegen - dann isses weg, was man sich grade aufschreiben wollte.. ich habe es eineinhalb Jahre genommen und habe an diese Zeit keinerlei gefühlsmäßige Erinnerungen. Ich weiß zwar, dass ich in dieser Zeit ausgezogen bin (musste), dies und jenes gemacht habe, aber ich kann mich weder erinnern, noch sonstwas - ich habe nur einige wenige Flashbacks an Situationen in dieser Zeit und ansonsten muss ich sehr scharf überlegen, was in diesen Jahren wohl alles gewesen sein muss. WISSEN tu ich es nicht, ich muss das sozusagen ausrechnen - es ist für immer weg bzw. echt im Nebel. :-(

Meine Eltern hatten sich beide von mir abgewandt, die Mutter sowieso, da war es mir auch sehr recht, aber auch mein Vater dachte inzwischen, dass ich nur faul wäre; dass ich krank war, wollte keiner wahrhaben. Meine Eltern trennten sich dann auch, um gemeinsam ein neues Haus mit zwei getrennten Einliegerwohnungen zu bauen - ursprünglich war der Plan, dass ich ebenfalls dort eine Einliegerwohnung bekommen sollte, dann nur noch ein Zimmer und dann hieß es, dass kein Platz mehr für mich wäre. Ich zog mit meinem damaligen Freund zusammen, wobei die Beziehung schon kriselte, als wir noch am Renovieren waren, aber ich konnte sonst nirgendwohin.
Meine Eltern weigerten sich dann, mir Unterhalt zu zahlen, und ich war gezwungen, von Sozialhilfe zu leben, denn ich konnte mein Studium nicht mehr aufnehmen, geschweige denn arbeiten, das wird mir heute noch vorgeworfen, dass ich Sozialhilfe in Anspruch nahm.

Nach einem Jahr Aponal, wo die gefühlsmäßige Trennung von der Wirklichkeit dann noch schlimmer war (durch das Medikament selbst) war ich endgültig bereit, Selbstmord zu begehen - die Angst vorm Sterben wurde im Vergleich zur Angst zu Leben immer geringer... und ein Leben, das immer nur wie ein echt schlechter Film war, wie aus einem Schlüsselloch betrachtet, war einfach nicht mehr lebenswert - ich war da zwar schon in Gesprächstherapie, aber - ehrlich, ich war nicht therapiefähig, weil ich völlig depersonalisiert war!
Gottseidank hatte ich einen Therapeuten, der mich ernstnahm - ich konnte ihm auch davon erzählen, dass ich nicht mehr kann und über Selbstmord nachdenke, ohne dass er drohte, mich wegzusperren oder so, das hat sehr geholfen.

Ich habe mich als letzte Maßnahme um einen Platz in einer psychosomatischen Klinik beworben, dem Ginsterhof unter Hamburg. Ich musste vier Monate warten und es wurde verdammt knapp, kurz vorher dachte ich, dass ich es nicht mehr schaffe.
Ich weiß noch eine Situation, wo ich zu ihm lapidar meinte "ich glaube nicht, dass ich das noch erlebe, dorthinzugehen, aber ist ja egal, dann freut sich jemand anderes über meinen Platz" - er guckte mich an und fing an zu lachen und hörte gar nicht mehr auf, japste nur noch ein "das ist ja eine tolle Einstellung!".
So war er immer - er war genau, was ich brauchte - die Gefühle, die ich nicht mehr zulassen konnte, verdrängte, oder die nicht spürbar waren, die hat er einfach durch seine ungekünstelten Reaktionen wieder teilweise freigelegt.
Ich war erst empört und musste dann irgendwann mitlachen und ihm Recht geben. Tat aber gut, ich fühlte mich verstanden. Was ich sehr schön fand, er meinte, dass ich mir doch die Chance noch geben solle, in den Ginsterhof zu gehen, und wenn ich mich dann hinterher noch umbringen wolle, dann könnte ich das dann immer noch tun.

Das tat ich dann auch, also mir die Chance zu geben und irgendwie auszuhalten, bis endlich ein Platz frei war - irgendwie habe ich es geschafft. Vorm Ginsterhof habe ich dann alle Kontakte abgebrochen, die Beziehung zu meinem Freund offiziell beendet, ich wollte einen Schnitt in meinem Leben machen.
Im Ginsterhof stolperte natürlich auch keiner über Schilddrüse oder so, man laberte mich nur voll mit "man muss fühlen *wollen*", während ich durch Unterfunktion und Aponal schlicht nicht in der Lage dazu war.
Die Therapeuten dort waren leider sehr die klassische Art, wenn man selbst nicht angefangen hat, irgendwas zu reden, dann saßen sie nur da, haben einen angestarrt und man konnte eine ganze Therapiestunde schweigend herumsitzen, wenn man es denn ertragen konnte, die ganze Zeit fixiert zu werden.. hat mir also nicht viel gebracht.
Zumal ich selbst auch sehr analytisch bin und selbst immer viel nachgedacht habe - wenn mir ein Therapeut dann mitfühlend sagte "Sie sind doch jetzt eigentlihc seeeehr traurig, nicht wahr?" und wo andere dann in Tränen ausgebrochen wären, war mir das alles klar und bewusst, und ich konnte nur "ja, weiß ich - und jetzt?" sagen - es brachte einfach nichts.

Aaaber - ich habe in der Zeit das Aponal abgesetzt, weil ich durch irgendeine Intuition gemerkt habe, dass mich das Zeug zwar in gewisser Weise stabilisiert, aber sehr weit unten - dass ich also mit dem Mittel auch gar keine Fortschritte machen könnte, weil es mich ja davor hindert, selbst das wenige Positive zu fühlen, was ich ohne noch gefühlt habe oder irgendwelche dauerhaften Schlußfolgerungen zu ziehen (ich musste mir alle Therapieerkenntnisse sofort aufschreiben und immer wieder durchlesen, sonst hätte ich sie nochmal machen müssen, weil sie sofort vergessen waren).

Also setzte ich es ab - ging verhältnismäßig einfach (im Vergleich zu Remergil und Cipralex), nur zwei Wochen Händezittern, nachts alle zwei Stunden aufs Klo gehen müssen, Unruhe, aber danach gings.
Mein Erinnerungsvermögen kam langsam wieder, also eine gefühlte Steigerung zu dem Sumpf, in dem Aponal mich festgehalten hatte, sogar Gefühle kamen wieder.

Dann wurde ich schwanger von meinem nächsten Partner, noch im Ginsterhof (also draussen irgendwo in den Feldern oder so :) ) und hatte auch noch während dieser Zeit einen Schwangerschaftsabbruch. Und diese Schwangerschaft schaffte dann das, was weder Medikament noch Therapie noch Aufenthalt in der Klinik geschafft haben, nämlich, dass ich wieder einen Grund hatte, zu leben. Es war nicht die Zeit für ein Kind, es ging mir so schlecht, dass ich, hätte ich es behalten, einfach unsere beiden Leben riskiert hätte, ich war ja selbst gar nicht mehr in der Lage, mich zu versorgen, an Adoption konnte ich nicht denken und es wurde mir auch sehr von jemandem abgeraten, der ein Adoptionskind kannte, das wohl sehr unglücklich mit der Erkenntnis war, "nicht gewollt worden zu sein", also ließ ich einen Schwangerschaftsabbruch machen.
Aber trotzdem war diese Schwangerschaft der Schlüssel für mich - dass ich plötzlich schwanger war, obwohl ich jeden Morgen aufwachte und nur "ogott, ich bin schon wieder aufgewacht" dachte, weil ich wohl jede Nacht die Hoffnung hegte, nicht mehr aufzuwachen, solch ein Wunder in einem Körper, der eigentlihc nur sterben wollte zu erleben - naja.. ich wollte es irgendwann später, mit besseren Umständen einfach nochmal erleben, und dafür lohnte es sich dann, weiterzumachen.

Der Vater dieses Kindes hatte sich aus der Affäre gezogen, den Kontakt abgebrochen, ich hatte ihm zwar noch ein Gespräch angeboten, aber er hatte kein Interesse - also war es ab dann auch nur noch mein Kind, mein kleines Wunder - und meine Entscheidung.
Es klingt schrecklich, aber bis zum OP-Termin lief ich herum wie eine Schatztruhe, redete mit meinem Kind, genoß die Schwangerschaft, verabschiedete mich, bat um Verzeihung, alles.. ich war so alleine.. und mochte auch mit keinem darüber sprechen - aber trotzdem war es das große Wunder, was ich unbedingt irgendwann nochmal, unter besseren Umständen, mit einem Mann, der sich mit mir freut, meinen Bauch streichelt und bei mir ist, nochmal erleben.

Ich hoffe, das Arschloch liest nicht mit, er hatte selbst ein großes Valiumproblem, irgendwann kam eine E-Mail von ihm "wie die Sache im Krankenhaus denn so gelaufen wäre" - wenn man bedenkt, wie sehr ich ihn geliebt hatte bis dahin, und wie gnadenlos es dann in Hass umschlug - naja.. egal.
Immerhin habe ich durch ihn meinen Wert als Mensch und Frau kennengelernt, und dass nie wieder soetwas mit mir machen wird. Das ist auch etwas wert.

Ich hoffe, mich verurteilt hier keiner für das, was ich getan habe, aber wenn man bedenkt, dass ich damals einfach völlig alleine war, weder der Partner war für mich da, meine Eltern sowieso nicht, ich sah mich nicht in der Lage, mich nach dem Ginsterhof alleine zu versorgen, ich hatte einfach keine Optionen mehr und sah keine andere Möglichkeit. Es hieß von zu Hause her sowieso immer "wenn Du schwanger nach Hause kommst, werfe ich Dich raus" und ich war immer der Meinung, wenn ich mal ungewollt schwanger werden würde, müsste ich mich sofort umbringen - aber genau das wollte ich ja durch diese Schwangerschaft grade nicht mehr... ich denke immer noch oft an mein Kind, das jetzt ein Teenager wäre - aber ich wüsste auch jetzt nicht, wie *ich* das jemals hätte schaffen sollen, auch aus heutiger Sicht immer noch nicht (weshalb mein Mann und ich jetzt auch entschieden haben, keine Kinder zu kriegen - womit ich große Probleme habe, weil ich mir eigentlihc damals geschworen hatte, den Abbruch später an einem gewollten Kind "wiedergutzumachen". Aber ich wüßte auch heute noch nicht, wie ich das schaffen sollte, leider, und inzwischen - naja, mein Mann wollte eh nur bis maximal 40 ein Kind, und der Zeitpunkt ist leider schon sehr nah. Auch das Thema habe ich also inzwischen abgeschrieben. :-(

Ich rührte danach lange, lange keine Antidepressiva mehr an, weil die Erfahrung mit dem Aponal so schrecklich war. Sumpfte vor mich hin, lebte weiter von Sozialhilfe, versuchte von Zeit zu Zeit, zu arbeiten, was aber immer in totalen Zusammenbrüchen und einer Erholungszeit von Monaten bis hin zu einem Jahr mündete. Immerhin mein Vater hat den Kontakt wieder aufgenommen, auch wenn er weiter der Meinung blieb, ich müsse nur arbeiten gehen, um mich "abzulenken", das würde er auch machen (er lenkte sich von meiner Mutter ab), dass das immer nur für kurze Zeit ging, hat er nicht verstanden.

Aber ich kämpfte mich langsam durch, meine Gefühle kamen langsam wieder, ich fing wieder an, das Leben zu genießen, ich konnte einfach wieder Freude empfinden. Jetzt kann ich es mir dadurch erklären, dass ich halt langsam in die aktive Phase vom Hashimoto kam, und dort in der Zeit war, wo ich fast normale mittlere Schilddrüsenwerte gehabt werden muss. Dazu hatte ich einen Arzt, der bei mir massiven Magnesiummangel feststellte und mir über Monate immer wieder iv Magnesium gab, damit ging es mir sowieso extrem viel besser.

So krauchte ich dann vor mich hin, fuhr wieder Rad, ging sogar einmal die Woche tanzen, hatte wieder ein Leben mit Freunden, und war in bescheidenem Rahmen tatsächlich recht aktiv und hatte ein Sozialleben. Als ich dann irgendwann den Mann meines Lebens (bis dahin zumindest) kennenlernte, ich mich unsterblich verliebte, wir ein fantastisches Jahr hatten und diese Beziehung nach etwas über einem Jahr auseinanderging, wars dann allerdings ganz aus.
Zu der Zeit war ich rückblickend in einer Hashimoto-Phase einer Überfunktion angekommen, ich verlor über Monate langsam an Gewicht, wog am Ende nur noch 39kg, wurde körperlich immer schwächer und obwohl ich aß, aß, aß, später sogar heulend vorm Klo saß, Speiseöl trank, und versuchte, es nicht gleich auszukotzen, nur um ein paar Kalorien mehr zu kriegen, wurde ich immer weniger. Wohl mit ein Grund, dass mein Partner die Beziehung beendete, er sah keine Besserung, nur Verschlechterung.

Jeder hielt mich für magersüchtig, obwohl ich so viel aß - mein Vater, der dann wieder Kontakt zu mir aufgenommen hatte, fuhr sogar mit mir in den Urlaub, wo wir zweimal täglich ins Restaurant gingen und alles mögliche zwischendurch aßen - er meinte hinterher "aber jetzt hast Du bestimmt zugenommen" - und ich hatte am Ende noch ein Kilo weniger - nach der ganzen Fresserei.. nachträglich kein Wunder, Meer, jede Menge Fisch und Jod steigert ja nur das Hashimoto-Fortschreiten und kann einen in einen aktiven Hashi-Schub schubsen (wo ich aber grade eh schon war), aber damals wusste einfach keiner eine Erklärung, ausser dass ich offensichtlich essgestört sein müsse und es, ganz krankheitstypisch, leugnen würde. :-( Mal wieder so ein Fall von Ärzten, die dem Patienten nicht glauben, weil dieser schon längst in der Psycho-Schublade vor sich hinrottet... dabei war ich immer genauso offentlichtlich todunglücklich, so mager zu sein, todunglücklich über meinen Busen, der kaum noch da war - was ja so unheimlich typisch für eine wirklich magersüchtige junge Frau ist.. jaja.
Mein Vater hat mich in diesem Urlaub gefilmt - oben ohne im Wasser - ich habe geheult, als ich das hinterher sah, weil ich aussah, wie auf Urlaub vom KZ. :-( )

Nach einem Jahr des Kummers, über die verlorene Beziehung zu meinem Freund, immer tieferem Abrutschens in Depressionen weil ich nicht darüber hinwegkam, musste ich wieder zum Arzt, ich hatte eine ganze Nacht nur noch Abschiedsbriefe im Kopf formuliert, anstatt zu schlafen, wenn ich beim Autofahren Bäume ansah, riß ich schon instinktiv das Lenkrad in diese Richtung und mein Gasfuß zuckte, also bin ich zum Neurologen, der mir dann Remergil verschrieb.

Ab da gings steil bergauf - ich vermute ja, dass Remergil die Schilddrüse unterdrückt - sonst wäre meine Überfunktionsphase wohl kaum so schnell beendet gewesen - ich nahm sprunghaft wieder zu, es ging mir besser, ich konnte endlich wieder schlafen, sogar auf "Knopfdruck", eine halbe Stunde nach dem Remergil, das tat einfach gut. Mein Körper fühlte sich wieder lebendig an - ich hatte wieder Appetit, Hunger (war das ein seltsames Gefühl, nach Jahren das erste Mal wieder einen knurrenden Magen zu spüren), Durst, sogar Lust auf Sex!

Da schlossen sich dann einige sehr gute Jahre an.
Ich blieb zwar weiterhin arbeitsunfähig, und lebte von Sozialhilfe, aber (achtung, illegal, aber irgendwas muss man ja tun, um seine Arbeitsfähigkeit zu fördern) ich passte einmal in der Woche 10 Stunden auf einen kleinen Jungen auf, ich arbeitete ein paar Wochen mit meinem Exfreund zusammen und verkaufte Computer, von dem Geld machte ich einen Kurs an einer Heilpraktierschule und lernte einiges über Ernährung, weil ich gerne naturheilkundliche Ernährungsberatung machen wollte, wenn es mir gut genug ging (jemals mein Studium nachzuholen oder eine Ausbildung zu machen, hatte ich mir da bereits endgültig abgeschrieben), später habe ich noch für eine Freundin an zwei Tagen ihre Jungs für ein paar Stunden betreut, ich durfte vom Amt aus an einer Kunstschule einen ZEichenkurs als Integrationsmaßnahme machen, aber da war ich dann auch schon am Ende meiner Kapazitäten angelangt und meine sozialen Kontakte sind ziemlich zusammengebrochen, dafür war dann keine Energie mehr übrig - drei Tage die Woche insgesamt 20 Stunden "arbeiten" und der Rest reichten leider für kurz vorm Zusammenbruch. Trotzdem war das eine verdammt "leistungsfähige" Phase für mich in der Zeit.

In dieser Zeit habe ich dann auch meinen jetzigen Mann "kennengelernt" (wir lernten uns schon fünf Jahre früher kennen und blieben in allen ZEiten, Beziehungskrisen etc. immer mailmäßig in Kontakt); der kleine Junge kam in den Kindergarten, die Kinder meiner Freundin hatten irgendwann eine Schulbetreuung, mein Heilpraktikerkurs war beendet, ich hatte also wieder mehr Energie übrig, ich fing an Webdesign zu machen, aber das konnte ich auch woanders, und so war ich immer öfter bei meinem jetzigen Mann.
Bis auf meine schwache Leistungsfähigkeit war ich gut drauf, so gut, dass mein Mann und ich nach eineinhalb Jahren Fernbeziehung geheiratet haben und ich zu ihm gezogen bin. Er hatte anfangs zwar Probleme mit mir und meinem Leben (ogott, sie arbeitet nicht, ogott, sie lebt von Sozialhilfe, ogott, sie nimmt "Drogen" - also Psychopharmaka), aber naja.. Qualität überzeugt wohl, wir haben viel geredet, ich habe viel erklärt, er hat gesehen, dass ich nicht faulenze, dass ich wirklich Probleme habe, aber dagegen ankämpfe, und last but not least - wir sind einander wirklich die Liebe des Lebens. :)
Er hat mich mit meiner Krankheit, meinen Depressionen, meiner schwachen Gesundheit und meiner Unfähigkeit, richtig arbeiten zu gehen angenommen und steht dazu. Und wir lieben uns tief und innig und sind immer noch total verliebt ineinander - das nun seit inzwischen 10 Jahren. :)

Das alles mit Remergil, und alles war in Ordnung.

Allerdings wurde ich nach und nach immer häufiger krank, immer länger krank, bis ich 2003 nur noch einen Monat insgesamt gesund war - und diese vier Wochen noch nichtmal am Stück, sondern verteilt aufs Jahr. Jeder Infekt dauerte mindestens einen Monat mit richtig Fieber, dann noch mehrere Wochen, wo ich zu schlapp war, um was zu machen, bis ich endlich wieder fit war - dann bin ich einmal einkaufen gegangen in den Supermarkt, steckte mich an, und es ging von vorne los.
Kein Arzt konnte mir helfen, vom Neurologen nur bedauerndes "Sie sollten eine Psychotherapie machen", vom Hausarzt "das einzige, was wirklich hilft, ist Sauna und Wechselduschen", ansonsten war ich aufgeschmissen - ich ließ regelmässig meine Schilddrüse untersuchen, weil ich bei jedem Lesen der Symptome so sehr das Gefühl hatte, dass ausschließlich von mir geredet würde, aber es hieß immer "alles in Ordnung".

Ich habe dann selbst verzweifelt recherchiert und dann begonnen, hochdosiert Zink einzunehmen, und hatte damit einen riesigen Erfolg - wo ich 2003 noch nur 4 Wochen gesund und den Rest krank war, war ich 2004 nur noch zwei Wochen krank und den Rest gesund - und die zwei kranken Wochen waren verteilt auf je eine Woche. Noch nie war ich so schnell wieder gesund und so wenig krank in meinem ganzen Leben!!

Ich hatte bis dahin gedacht, dass meine Krankheitsanfälligkeit mein Hauptproblem sei - und hatte die Vorstellung, wenn durch ein Wunder das in Ordnung käme, dass ich wieder ein aktiveres Leben führen könne. Es war aber anders - obwohl ich 2004 echt kerngesund war, war ich weiterhin schlapp, müde, erschöpft und konnte mich kaum zu was aufraffen. Ich war sehr frustriert und traurig, und suchte weiter und fand mich dann zum wiederholten Male beim Thema Schilddrüse wieder, und stolperte zum ersten Mal über Hashimoto Thyreoiditis.
Beim Hausarzt blitzte ich mal wieder ab, der bescheinigte mir völlige Gesundheit bei einer Schilddrüse von 3ml und ziemlich miesen Werten (das weiß ich aber auch erst seit wenigen Monaten), ließ es wieder ruhen und griff es dann Ende Oktober 2007 wieder auf.
Ich sah darin meine letzte Chance.

Ich war in einem Endokrinologikum bei einem Professor, der leider nichts besseres zu tun hatte, als mich total fertigzumachen und mich durch die Blume als asozialen Schmarotzer hinstellte. Ein totaler Menschenhasser.

Ich erzählte ihm nur meine Symptome, halt Müdigkeit, ERschöpfung, ständig krank, viel Schlafbedürfnis, aber schlecht einschlafen und und und, die tausend Symptome für Schilddrüsenunterfunktion, und er erzählte mir was vom Pferd, wie denn die Leute früher das alles geschaft haben, und was für einen Respekt er z.B. vor jungen Eltern hätten, oder Eltern mit behinderten Kindern, spastische Kinder, und die Eltern schaffen das auch und und und - ohne eine EINZIGE Untersuchung gemacht zu haben.

Er schallte 10 Minuten an meiner Schilddrüse herum, ohne irgendwas Auffälliges zu finden (übrigens habe ich 7 Knoten in meiner vergrößerten Schilddrüse, die bald operiert wird!), und erzählte mir weiter, dass wenn ich nach meiner Symptomatik abends ja eine Verbesserung hätte, ich ja als Nachtwächter arbeiten könne, oder Nachtschwester etc.
Als er wieder mit den Eltern spastischer Kindern anfing, wurde es mir zu bunt und ich meinte "Ja, gegen solche Schicksale bin ich natürlich nur ein Jammerlappen" - seine Antwort "ach, (Pause) naja...".

Ich bin heulend nach Hause gefahren, ich wurde über eine halbe Stunde nur belehrt, wie respektabel junge, schlaflose Mütter mit behinderten Kinder doch seien, wie sehr er diese bewundern würde, und so weiter, was ich arbeiten sollte mit meinen Beschwerden, zumindest die, die er sich wenigstens angehört hat.

Auch beim nächsten Termin wurde ich nur verarscht "Guten Tag" - "Guten Tag" - Kunstpause - "sie wollen wohl Ihre Untersuchungsergebnisse wissen?"- "Ja" - "Gut" - wieder Kunstpause - (ich war diesmal nicht bereit, mich aus der Reserve locken zu lassen "Also - Sie haben Knoten, Überfunktion und Unterfunktion" - wieder Kunstpause, er grinst mich frech an und wartet auf eine Reaktion - ich gucke ihn nur wortlos an und warte ab - "Also gut, alles normal, Ihre Werte sind völlig in der Mitte, keine Knoten, keien Antikörper, sie sidn völlig gesund (und stellen sich nur an - das sagte der Ton und der Blick)".

Ich habe mir gottseidank meine Werte aushändigen lassen (mit Widerstand!), und habe gesehen, dass er mir totalen Mist erzählt hat - meine Schilddrüsenwerte waren überhaupt nicht genau in der Mitte, sondern sehr weit unten - das ft4 (also Speicherhormon) bereits zum ft3 verringert (Vorräte wurden also bereits aufgezehrt, um das aktive Hormon hochzuhalten), Antikörper doch vorhanden und einige andere Werte massiv verändert, wie z.B. Cortisol, DHEA, Östrogene.
Aber aus "hormoneller Sicht keine Ursachen für die genannten Symptome".

Aus Bens Liste anderen Arzt gesucht, Dr. Neufeldt in Düsseldorf, mein Mann kam diesmal mit, nachdem ich nach dem Endokrinologen über zwei Wochen fast täglich geheult habe und mich wieder total als der Sozialschmarotzer gefühlt habe, als den mich so viele sehen wollen, wollte er mich nicht mehr alleine zu einem Arzt lassen - er hat extra einen Tag Urlaub dafür genommen, weil man bei Dr. Neufeldt locker mal 8 Stunden im Wartezimmer sitzt oder bis 2 oder 3 Uhr nachts.

Dr. Neufeldt hat schon beim Abtasten einen ersten Knoten gefunden. Er hat den Ultraschall zweimal angesetzt, zwei Aufnahmen gemacht, und mir dann meine sieben Knoten gezeigt.
Er hat mir sofort alleine schon anhand meiner SChwellungen im Gesicht gesagt, dass ich eine Schilddrüsenunterfunktion hätte, und sehr wahrscheinlihc Hashimoto.

Das hat sich dann auch alles bestätigt, sowohl später beim Szinti, als auch bei weiteren Blutuntersuchungen.

Ja - Dr. Neufeldt meint jedenfalls, dass die Chancen gut stehen, dass ich irgendwann gar keine Antidepressiva mehr brauche, dass er viele Fälle hatte, wo lediglich eine Schilddrüsenunterfunktion für massive Depressionen und Angstzustände gesorgt hätte. Er war geschockt, als ich ihm erzählte, dass ich trotz nachgewiesener Schilddrüsenunterfunktion vor 15 Jahren mit einem Medikament gegen Narkolepsie behandelt worden war.

Und in der Tat - ich habe mich selten so undepressiv gefühlt, wie seit ich Schilddrüsenhormone nehme - ich konnte nach wenigen Wochen die Maximaldosis Cipralex (20mg bei meinen 55kg) auf die normale Dosis von 10mg reduzieren, ohne eine Verschlechterung meines Befindens zu verursachen anstatt wie vorher, am liebsten noch mehr als 20mg nehmen zu wollen, weil die kaum wirkten - übrigens ganz symptomatisch bei Schilddrüsenunterfunktion... hätte auch mal jemand merken können.

Ich konnte endlich nach 12 Jahren das Remergil absetzen, weil ich mit Schilddrüsenhormon endlich wieder in der Lage bin, einzuschlafen und eine ausreichende Menge Schlaf zu finden, anstatt erst gegen 6 oder 7 Uhr vor purer Erschöpfung für Minuten oder mal eine Schlafphase in unruhigen, von Alpträumen durchsetzten Schlaf zu fallen. Und ich habe es einmal ganze zwei Monate lang versucht, durchzuziehen ohne Remergil, ohne eine Änderung.

Das hatte ich übrigens nur gemacht, weil vor drei Jahren Remergil plötzlich in einer anstrengenden Phase gar nicht mehr wirkte, ich mal wieder nur noch an Selbstmord dachte, und ich dann auf Cipralex gesetzt wurde - eigentlich sollte ich Remergil dann ja absetzen, was nicht ging - ich nahm beides weiter, obwohl ich es nicht wollte (und obwohl man beide gar nicht zusammen nehmen soll!).
Aber jetzt isses ja geschafft.

Ich hatte sogar Busp zusätzlich bekommen (soll man auch nicht mit Cipralex kombinieren), wegen meiner Nervosität, die zuweilen in Angst umschlug, nach Bedarf zu nehmen - hab ich nicht einmal mehr gebraucht, seit ich Schilddrüsenhormone nehme - seitdem bin ich quasi die Ruhe selbst.

Mal sehen, wie es weitergeht... der nächste Schritt ist auf jeden Fall, Cipralex loszuwerden, schauen, ob ich dann leben kann, MIT Thyroxin und OHNE ADs, und wenn das geht - dann werde ich wohl einige Briefe an einige Ärzte schreiben.. :-(

LG,

Parabell

-

Verfasst: 29.09.2008 20:24
von Marsupilami
Einfach nur erschütternd, wie schwer Dein Leben verlaufen ist und dass Du über Jahre fehlbehandelt wurdest. Man kann das Alles einfach kaum fassen. Was sind das für Menschen, die nicht nur als Ärzte so miserabel sind, sondern auch noch menschlich solche Schweine...

Re: Parabell stellt sich vor..

Verfasst: 01.10.2008 21:29
von Mikele
@parabel

ne lange geschichte. sry, dass ich sie nur überflogen habe.
allerdings siehts ja so aus, als ob du auf nem guten weg wärest, das ganze zeugs loszuwerden.
hast du dich denn auch mal nahrungsmittelergänzungsmäßig umgeschaut?
wenn Zink schon so viel gebracht hat ...

was war denn überhaupt in der zeit, als du die ersten diagnosen (richtige oder falsche) bekommen hast?
was war denn der auslöser, überhaupt ärztichen und medikamentösen rat einzuholen?

gibts denn nicht auch andere wege für dich, an deinem problem zu arbeiten?

"verurteilen" für das, was du unrichtigerweise getan haben magst, würde ich dich nicht, da du selbst sieht, was davon nicht ok war.

ich wünsche dir viele weitere jahre mit immer weniger medikamenten, die bei dir ja anscheinend fast nix außer knete für die ärzte und die industrie gebracht haben.

lg