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Absetzen von Paroxetin mit Citalopram?

Verfasst: 02.05.2004 23:35
von flauto
Hallo,

ich habe dieses Forum entdeckt und hoffe, dass ich hier vielleicht Antwort finde.
Ich leide seite langem an Depressionen und Essstörungen, war deshalb auch mehrmals stationär aufgenommen.
Nach dem letzten Klinikaufenthalt habe ich mich entschieden, unterstützend Medikamente zu nehmen, ich bekam zunächst Futuril (Citalopram). Das tat mir auch sehr gut, ich war froher, hatte weniger Angst zu sprechen, konnte wieder schlafen. Allerdings begann ich zunehmend heftig zu träumen, so dass ich dann morgens und den ganzen Tag wie gerädert war.
Als ich das bei einem der regelmäßigen Checks dem Neurologen erzählte, schlug der einen Medikamentenwechsel vor: 20 mg Paroxetin morgens und abends 10 - 30 Tropfen Stangyl(Trimipramin). Die Nebenwirkungen anfangs waren heftig, aber ich dachte, da muss ich durch. Mehr als 10 Tropfen hab ich nie genommen, aber war davon schon den ganzen nächsten Tag wie betäubt. Und so müde, dass ich überall hätte einschlafen können. Das hab ich dann beim nächsten Termin erzählt und bekam noch ein zusätzliches Mittel mit zum Wachwerden: Nortrilen. Ich hab das dann garnicht erst genommen, weil mir das alles zuviel wurde....
Zudem hab ich das Gefühl, von dem Paroxetin zuzunehmen und das ist für mich als Ex-Magersüchtige nicht richtig witzig.
Nun habe ich selbstständig das Paroxetin um die Hälfte reduziert und Stangyl weggelassen. Ich merke das aber schon sehr (schlaflos, instabil).
Daher nun endlich meine Frage:
Kann man Paroxetin absetzen und gleichzeitig wieder auf Citalopram zurückschwenken?
Oder was sind Eure Erfahrungen mit solchen Sachen. Ich fühle mich bei dem Arzt einfach nicht mehr gut beraten.

Vielen Dank fürs Lesen, sorry, es ist lang geworden!

Verfasst: 03.05.2004 11:26
von AliBaba
Hallo Flauto,

wie lange nimmst du denn schon Paroxetin? Um so länger du es nimmst um so länger dauert auch das Ausschleichen. Ich habe den Wechsel von Paroxetin zu Citalopram schon hinter mir. Mir wurde gerraten, erst Paroxetin abzusetzen (also auszuschleichen) und dann, vielleicht nach einer Woche, mit der Einnahme von Citalopram anzufangen.

Ganz gefährlich wäre es bei der Kombination von Mao- Hemmer mit SSRI. Das kann im schlimmsten Fall sogar tödlich enden.

Gruss
Alex

Verfasst: 03.05.2004 23:24
von Time
Hallo Flauto,

Citalopram:
  • Charakteristik:: Serotonin : Noradrenalin : Dopamin = ausgeprägt : keine : keine
  • Wirkung bei dir: „tut gut“ (Körper?), Stimmungsaufhellung, Angst reduziert, Schlaf verbessert, aber Problem (Alp?) Träume und morgendliches Erschlagensein
  • Mögliche Erklärung: Zu starke serotonerge Wirkung.
  • Schlussfolgerung: 1. Test einer Dosisanpassung nach unten oder 2. Einnahmeverlängerung damit das System sich anpassen kann, eventuell auch mit anschließender Dosiserhöhung auf Standarddosis (Einschleichen) oder 3. Wechsel auf ein AD mit anderer Charakteristik.
Trimipramin:
  • Charakteristik: Sehr starke Histamin-Blockade, schwache Dopamin-Blockade, geringe Serotonin- und Noradrenalin Erhöhung. Halbwertszeit mit 13 Stunden kurz.
  • Wirkung bei dir: Starke sedierende Wirkung und erheblicher hangover bereits bei 1/7 der empfohlenen Anfangsdosierung.
  • Schlussfolgerung: Histaminantagonisten sind nicht indiziert.
Empfehlung:
  • Johanniskraut ist genauso gut wirksam wie SSRI, erzeugt aber weniger Probleme.
  • Der SSRI Sertralin hat neben der üblichen ausgeprägten Serotonin Wiederaufnahmehemmung eine deutliche Dopamin Wiederaufnahmehemmung, was das Traumproblem beheben könnte, wenn ich deine Schilderungen richtig einschätze. Theoretisch könnte es auch zu einer Verschlechterung kommen, das hängt von deinem System ab.
  • Der SSRI Fluoxetin ist dem Sertralin ähnlich, hat allerdings eine geringere dopaminerge Komponente.
Interessant wäre, wie du auf Koffein oder Reboxetin reagierst? Auch wie du auf eine Erhöhung von Dopamin reagierst, wäre hilfreich zu wissen. Wenn du es mal mit "Fasten" probiert hat (du sprachst von Essstörung), dann weißt du wie eine Hebung von Cortisol und Dopamin sich auswirkt.

Die jetzigen Probleme (schlaflos, instabil) kannst du, falls sie vorher nicht bestanden, als Absetzsymptomatik ansehen. Das kann sich aber auch recht flott wieder geben. Flott heißt 1 Woche.

Wenn du nicht absetzen willst, von Paroxetin kannst du auch problemlos auf Citalopram zurückwechseln.

Ich würde mir erst mal Johanniskraut verschreiben lassen und, wenn das nicht reicht, mit Sertralin einen Versuch machen oder zumindest für zwei Wochen mit der Citalopramdosis runter gehen.

Gruß
Time

Verfasst: 03.05.2004 23:49
von flauto
Hallo Time, hallo Alex,

vielen Dank für eure Tips.
Heute morgen war ich so alle, dass ich einen Termin bei einem anderen Neurologen ausgemacht habe und hoffe, von ihm besser beraten zu werden.

noch zu Deinen Fragen, Time:
Johanniskraut hab ich schon mal versucht, leider ohne jede Wirkung.
Die Änderung, die ich durch die Medikamente, so erleichternd fand, war v.a. dass ich wieder schlafen konnte, dass ich lockerer war, weniger geweint habe und viel besser Menschen ertragen konnte. Ich mache nebenher auch eine Psychotherapie, aber so ganz ohne Medikamente hab ich irgendwie noch Angst.
Ohne Koffein könne ich nicht leben :wink: , Reboxetin sagt mir nichts.
Die Stoffe, die Du mit Fasten assoziierst, kenne ich auch nicht. Dünner wäre ich immer noch gerne, weiß aber, dass es mir damit psychisch inzwischen immer dreckiger geht. Ich hab auf das Untergewicht immer auch mit heftigen depressiven Schüben reagiert, also nur noch Weinen, mich völlig zurückziehen...
Vielleicht traue ich mich ja, den Neurologen direkt auf die Stoffe, die Du genannt hast, anzusprechen.
Erstmal vielen Dank für die Hilfe,
Corinna

Verfasst: 04.05.2004 21:53
von Time
Hallo Flauto,
Johanniskraut hab ich schon mal versucht, leider ohne jede Wirkung.
Kannst du mir noch sagen welches Johanniskrautpräparat du mit wie viel mg pro Tag und wie lange eingenommen hast? Produkt und Dosierung können einen wesentlichen Unterschied machen.
Die Änderung, die ich durch die Medikamente, so erleichternd fand, war v.a. dass ich
Wieder schlafen konnte,
dass ich lockerer war,
weniger geweint habe und
viel besser Menschen ertragen konnte.
Das hört sich nach der üblichen Wirkung von Serotonin an und ist schon mal gut. Citalopram wirkt praktisch ausnahmslos auf Serotonin. Wie sieht es mit deiner Eiweißversorgung aus? Schon mal Tryptophan oder Magerquark mit etwas Zucker vor dem Schlafengehen ausprobiert?

Serotonin ist das erste von drei Aminen in der Amin-Hypothese der „Depression“. Es wirkt vor allem beruhigend, abschirmend, entspannend, reduziert Gefühle, kann über die Verstoffwechselung zu Melatonin müde machen. Überdosierungen, wie sie SSRI erzeugen, können aber auch alle möglichen anderen Reaktionen auslösen, vor allem auch, weil Serotonin massiv auf das noradrenerge und dopaminerge System einwirkt. Wenn Du das Gefühl hast exogene oder endogene Belastungen, die du aus irgendwelchen Gründen tatsächlich nicht auflösen kannst, abschwächen zu wollen, dann ist Serotonin gewöhnlich das Richtige.

Der Schuss kann aber auch nach hinten los gehen, wenn man nicht genug nimmt oder nicht die richtige Kombination gewählt hat. Dies erklärt sich folgendermaßen.

Überlastung führt in biologischen Systemen zu einer Blockade und in Folge zu einer Anhäufung von nicht erledigtem. Auf der Wahrnehmungsebene bedeutet dies ein Ausblenden der Realität und damit ein Ignorieren von Gefahren und Nichtbewältigung von Aufgaben. Auf der körperlichen Ebene entsteht Verkrampfung, Schonhaltung, Fehlhaltung, Fehlregulation, eben alles was die Überlastung zu kompensieren vermag. Wird die Überlastung tatsächlich oder relativ reduziert, indem eine Stützfunktion von außen aufgebaut wird, reduziert sich die Blockade und damit wird die Realität deutlicher sichtbar und die Verkrampfung löst sich etwas. Dies ist einer der Gründe, warum die Gabe eines primär serotonergen SSRI zu mehr Gefühl oder sogar zum Suizid führen kann.

Das erste, was ich bei der von dir beschrieben Traumproblematik gemacht hätte, wäre Citalopram am Abend und in der Früh zu testen. Wenn dieses Problem bei einer Gabe am Abend weg ist, so ist die Dosierung für die abschirmende Wirkung in der Nacht nicht ausreichend. Falls die Wirkung am Tag zu gering wird und du kein Problem mit unerwünschen Wirkungen hast, käme auch eine Dosiserhöhung in Frage.

Wenn die Kombination nicht stimmt, dann entsteht zwar die akute Abschirmung und Dämpfung durch Serotonin, aber das System reagiert nicht mit der stimmungsaufhellenden Anpassung auf die chronische Überhöhung des Serotoninspiegels (Nichtansprechen bei maximal tolerierter Dosierung). Die Stimmungsaufhellung ist eher ein Attribut des dopaminergen Systems. Hat das Gesamtsystem also, aus welchem Grunde auch immer, keine Möglichkeit entsprechend zu reagieren, bedarf es einer gezielten Hebung des Dopamin- oder Noradrenalinspiegels.

Wenn das Problem bei einer morgendlichen Gabe weg ist, so könnte der positive sekundäre Effekt des fallenden Serotoninspiegels auf das dopaminerge System der Grund sein. In diesem Falle könnte auch testhalber zu einem Stoff wie Sertralin (Serotonin + Dopamin) oder eventuell auch Venlafaxin (Serotonin + Noradrenalin) gewechselt werden.

Nebenbei, für jeden Transmitter gibt es unterschiedliche Rezeptoren, die auch sehr unterschiedliche Wirkungen haben und jeder Stoff hat seine „Vorlieben“. Z.B. führt die Aktivierung des postsynaptischen 5-HT-1A-Rezeptors zur Anxiolyse, die Antagonisierung des 5-HT-3-Rezeptors jedoch zu Übelkeit und Erbrechen. Zwei SSRI weisen also durchaus auch in der serotonergen Landschaft unterschiedliche Wirkprofile auf.
Ohne Koffein könne ich nicht leben
Koffein hebt von den Aminen nach meinen Informationen hauptsächlich Noradrenalin aber auch Dopamin.

Reboxetin ist ein SNRI (hochselektiver Noradrenalin Wiederaufnahmehemmer).

Um dein persönliches Profil innerhalb der drei Amine zu ermitteln, ist Reboxetin ideal geeignet. Noradrenalin treibt an, was über die Verstoffwechselung zu Adrenalin bis zu Panik gehen kann. Wenn Du das Gefühl hast etwas mehr Schwung zu benötigen, ist etwas mehr Noradrenalin einen Test wert.

Wenn Noradrenalin hilfreich für dich ist, kann man auch einen SSRI wie Venlafaxin nehmen, der auf Serotonin und Noradrenalin wirkt und in hohen (!) Dosen auch auf Dopamin wirken soll.

Dopamin ist das dritte Amin im Bunde der Amin-Hypothese. Dopamin gibt emotionale Kraft, kognitive Klarheit und exakte Feinmotorik. Im Prinzip (!) ist es die Wirkung von Kokain. Methylphenidat (Produkt: Ritalin) wäre das Mittel der Wahl um Dopamin zu testen. Die meisten Psychiater verschreiben Methylphenidat ungern, weil es eines Betäubungsmittelgesetz-Rezepts bedarf und dann auch nur bei ADS, ADHS und Narkolepsie. Das ist zwar nicht logisch begründbar, aber was läuft in der Medizin schon nach rationalen Erwägungen. Der SSRI, der neben Serotonin am stärksten auf Dopamin wirkt, ist Sertralin.
Dünner wäre ich immer noch gerne, weiß aber, dass es mir damit psychisch inzwischen immer dreckiger geht. Ich hab auf das Untergewicht immer auch mit heftigen depressiven Schüben reagiert, also nur noch Weinen, mich völlig zurückziehen...
Wenig essen verlängert das Leben, sagen nicht nur die Fastenärzte. Achte aber bitte auf Deine Vitalstoff- und Eiweißversorgung. Neben einer Vitalstoffbasisversorgung würde ich Vitamin C + E (z.B. bei dm) zusetzen. Magnesium, Calcium, Kalium, Zink, Selen, hochdosierter B-Komplex, Vitamin A und Eisen sind Kandidaten nach persönlichem Belastungsprofil. Speziell Frauen kommen immer wieder in eine Eisenmangelsituation. Bitte regelmäßig überprüfen lassen! Alle Symptome einer „Depression“ können durch Eisenmangel ausgelöst werden!

Deiner „Depression“ könnte nach deiner erwähnten Vorgeschichte eine Ernährungsproblematik, zumindest als ein Kettenglied, zu Grunde liegen. Lass daher bitte deinen Eisenstatus (Fe + Ferritin!) bestimmen; Eisen kann aus verschiedenen Gründen temporär erhöht oder erniedrigt sein, Ferritin gibt hingegen die Eisen-Reserven an.

Einen Vitamin-B-Mangel testet man am einfachsten mit einem hochdosierten Vitamin-B-Komplex-Präparat. Wenn das nicht zur Verfügung steht (Privatpatient?), dann kannst du auch für einige Zeit regelmäßige 3 Tabletten (1:1:1) von dem LIDL-Produkt nehmen (EuRho Vitalcompletten, 27 Vitamine & Mineralstoffe); den Q10-Zusatz kannst du dir sparen, mit der Dosierung jagt man niemanden hinterm Ofen hervor. In der Apotheke gibt’s das Gleiche teurer.

Was Deine Eiweißversorgung betrifft: Wenn du auf Kalorien achten willst, dann verwende Magerquark; damit hast du eine optimale Versorgung mit minimaler Kalorienzahl. Effektiver ist auch Eiweißpulver nicht. Wenn du auf Eiweiß mit Müdigkeit reagierst, dann iss den Hauptteil gegen Abend. Wenn es dich interessiert, Eiweiß kann man übrigens auch recht einfach bestimmen lassen.

Da du offensichtlich auf Citalopram gut reagierst hast und möglicherweise eine seit langem bestehende grenzwertige Eiweißversorgung hast, könnte neben einer gezielten Eiweißergänzung auch 500-1500 mg Tryptophan (mit etwas Zucker zusammen und ohne weiteres Eiweiß eingenommen) am Abend eine Lösung sein. Dies kann man sich auch verschreiben lassen: Produkte:

Ardeytropin von Ardeypharm
Ardeydorm von Ardeypharm
L-Tryptophan von Ratiopharm
Kalma von Niddapharm.

So wie man Serotonin über die Aminosäure Tryptophan beeinflussen kann, kann Dopamin und Noradrenalin über die Aminosäuren Phenylalanin oder Tyrosin erhöht werden. Hierzu gibt es jedoch keine Produkte in Deutschland; man müsste sie im Ausland bestellen (mögliches Zollproblem) oder in der Apotheke herstellen lassen (horrender Preis!).

Fette kannst Du minimieren, wenn du es vernünftig macht (3 g Fischöl in Kapseln + mindestens 1 Teelöffel Distelöl + mindestens 1 Teelöffel Olivenöl). Fischöl-Kapseln gibt es z.B. bei dm.

Dein Gehirn arbeitet praktisch nur mit Kohlenhydraten (Ausnahme: eingependelter Fastenstoffwechsel)! Wenn du also nicht im Fastenstoffwechsel bist, dann ist das eine rechte Quälerei für deine Psyche, oder anders ausgedrückt, es kann als Depression diagnostiziert werden, also sorge für eine gleichmäßige Verfügbarkeit kleiner Mengen komplexer Kohlenhydrate über den Tag verteilt. Wenn Du Sport treibst dann ist eine bewusste Ernährung noch wichtiger.

Ich hoffe das hilft dir etwas, um den Medikamentenkonsum zu minimieren und die Auswahl steuern zu können. Was ich noch erwähnen möchte, die alten trizyklischen Antidepressiva würde ich an deiner Stelle nicht mehr anfassen; es sollte für dich kein Problem sein, einen passenden SSRI zu finden. Wenn das Johanniskrautpräparat, das du versuchtest, in Standardisierung und Dosierung nicht okay war, würde ich zuerst noch einen ausreichend dosierten Versuch mit einem der offiziell empfohlenen Produkten machen (z.B. Neuroplant oder Jarsin).

Gruß
Time

PS: Mit Ausnahme des Handelsnamen für Methylphenidat und der Tryptophan- und Johanniskraut-Präparate sind alle obigen Medikamente über ihren Stoffnamen bezeichnet.

Verfasst: 05.05.2004 21:29
von flauto
Hallo Time,

ganz, ganz vielen Dank für die ausführliche Antwort!

Liebe Grüße,
Corinna