Hallo Time.
Du sprichst mir tausendprozentig aus der Seele ... was das Kompetenznetz Depression und die Diagnose "endogene Depression" angeht. Über das Kompetenznetz möchte ich mich hier nicht weiter ausbreiten, aber über die "endogene Depression" schon. Diese Diagnose gibt es offiziell seit einigen Jahren gar nicht mehr - das Pendant im DSM-IV heisst "rezidivierende depressive Störungen". Man trägt damit der Tatsache Rechnung, dass überhaupt nicht bekannt ist wie Depressionen überhaupt entstehen. Die meisten einigermassen vernünftigen Experten gehen heute davon aus, dass immer eine Kombination aus internen und externen Faktoren zum Ausbruch von Depressionen führt.
Der Begriff "endogene Depression" wird aber immer noch gerne benuzt, weil er so gemütlich ist. Und das nicht nur von ärztlicher Seite aus: ich glaube es gibt einige Menschen die sich irgendwann in Ihrer Diagnose einrchten und Ihre ganze Misere auf das Etikett schieben, welches sie irgendwann mal aufgedrückt bekommen haben - da ist "endogene Depression" bestimmt in den Top 10. Das ist sowas wie "höhere Gewalt" da kann man halt nix machen, also ist sowieso alles egal. Psychopharmaka schlucken und gut ist.
Die Diabetes Analogie geistert schon ewig durch die verqualmten Provinzpsychiatervorzimmer und ist durch nichts und wieder nichts zu erhärten. Es ist ein Marketingspruch der immer noch zieht und der von vielen Ärzten, welche nur die Infoblättchen der Pharmakonzerne lesen, um sich über Medikamente zu "informieren", widergekäut werden.
Falls es jemanden interessiert:
Wenn jemand Diabetes hat, dann sind die Langerhanschen Inseln hin und können kein oder nicht mehr ausreichend Insulin produzieren, um den Blutzuckerspiegel zu kontrollieren. Das ist eindeutig nachzuweisen und ein sehr simpler Regelungsmechanismus. Der Blutzuckergehalt kann heute sehr einfach und genau gemessen werden und das fehlende Insulin kann dann von aussen zugeführt werden.
Es gibt absolut aber auch gar keinen ansatzweise vergleichbaren Mechanismus, welcher das Entstehen von Depressionen erklären könnte. Es gibt nur vage Ideen, welche aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr ernsthaft erforscht werden, weil sich die aktuellen Antidepressiva zu gut verkaufen.
Wenn man so etwas simples wie den Vergleich mit Diabetes und Depressionen auf die Beine stellen wollte, müsste man behaupten, daß das menschliche Gehirn nicht mehr in der Lage ist, genügend Serotonin zu produzieren und dass es deshalb von aussen zugeführt werden muss. Dann müsste man aber auch den Serotoninspiegel messen können und anhanddessen die benötige Menge Serotonin zuführen. Das geht aber nun mal nicht (Den Serotoninspiegel im Gehirn kann man nur bei Toten messen und Serotonin zuführen kann man von aussen auch nicht, da es nicht die Blut-Hirn Barriere durchdringen kann).
Also kann der (jetzt doch schon sehr hinkende) Vergleich nur sein, dass der (nicht messbare) Serotoninspiegel im Gehirn von aussen gesteuert werden muss, indem man ein Medikament zuführt, welches indirekt diesen Spiegel beeinflusst, uhhh klingt irgendwie ziemlich an den Haaren herbeigezogen dieser Vergleich ... könnte daran liegen, dass er es ist

.
Ein weiterer Punkt warum dieser Vergleich so unglaublich hinkt, ist dass wenn jemand Diabetes hat, dann hilft ihm Insulin. Ausnahmslos jedem. Wenn jemand Depressionen hat, dann helfen ihm
vielleicht Antidepressiva und das auch nur für eine gewisse Zeit. Wo ist da die Parallele?
Ich will das hier nicht zu sehr breittreten, nur eines noch: nur weil ein Medikament eine bestimmte Wirkung hat, heisst das nicht das die dahinterliegende Theorie richtig ist. SSRIs wirken (bei ca. 60%). Aber sie wirken auf den gleichen Mechanismus ein, wie z.B. Ecstacy (Ecstacy bewirkt eine plötzliche Ausschüttung der gesamten Serotoninvorräte in den synaptischen Spalt) - ich habe aber noch keinen Arzt sagen hören, daß wir deshalb alle Ecstacy nehmen sollten (weil es wirkt). SSRIs sind bewusstseinsverändernde Drogen im reinsten Sinne des Wortes - irgendwann werden sie illegal sein genau wie Ecstasy und Heroin heute (Heroin war mal das meistverkaufte Medikament der Firma Bayer ... ursprünglich als Hustenmittel und dann gegen immer mehr Symptome verkauft, bis ein breiter Kundenstamm an glücklichen Junkies aufgebaut war - Wer's nicht glaubt:
http://www.uni-klu.ac.at/~gossimit/pap/guest/heroin.htm ).
Alles Gute
Oliver