Agomelatin - Erfahrungen und Richtigstellungen
Verfasst: 17.02.2010 21:55
Hallo,
als Neuling in diesem Forum möchte ich mich kurz vorstellen.
Ich bin (52, männlich) seit meiner Kindheit depressiv. Die Depression ist also schon früh chronisch geworden. Ich kannte bis vor Kurzem keine depressionsfreien Phasen, sondern nur eine Art Kurve,die von schwach depressiv bis schwer depressiv reichte. Nicht dass mir das als Kind oder Jugendlicher bewusst gewesen wäre: Ich war 30 Jahre, als, nach mehreren jahrelangen erfolglosen Psychotherapien meine Depression von einer erfahrenen Psychiaterin erkannt wurde. Bis dahin hatte ich Diagnosen wie ‚Vegetative Dystonie‘, ‚Angstneurose‘ etc. – dieses Trauerspiel dürfte einige Forumsmitgliedern nicht unbekannt sein.
Nach der Diagnose dauerte es noch einige Jahre, bis ich mich traute, Antidepressiva einzunehmen. Ich lehnte die Einnahme der älteren Medikamententypen (vor allem Trizyklica und die damals schon nicht mehr gern verschriebenen irreversiblen MAO-Hemmer) strikt ab.
Nachdem Ende der achtziger Jahre die ersten Vertreter vom Typ SSRI auf den Markt gekommen waren, die bei weniger und unbedenklicheren Nebenwirkungen gleichen oder besseren Erfolg versprachen, bat ich meinem Psychiater, mir einen SSRI zu verschreiben (Ja ja, es heißt tatsächlich der SSRI,aber ist ja egal). Die Wirkung war gleich null.
Damit begann für mich eine quälende Odyssee von einem AD zu anderen. Ich nahm im Laufe der Jahre mehr als zehn verschieden Präparate ein – also jedesmal altes AD ausschleichen, neues einschleichen; nach vier Wochen Dosis erhöhen, evtl. mit einem anderen AD kombinieren, dann wieder von vorn anfangen: Ich erwies mich als absoluter Non Responder.
Bis zu Agomelatin (Valdoxan).
Ich habe die Themenhinweise für dieses Forum gelesen und habe so eine leise Ahnung, dass die Forenbetreiber das, was jetzt kommt, eigentlich gar nicht lesen möchten. Trotzdem – ich glaube, mein Beitrag könnte für viele Forumsmitglieder wichtig sein – also, liebe Administratoren, bitte nicht zensieren, sondern diskutieren!
Ich möchte erwähnen, dass ich weder für die Firma Servier arbeite noch irgendetwas mit ihr zu tun habe. Glaubt es oder lasst es. Ich habe ganz einfach erfahren, dass Valdoxan – für Responder – ein enorm stark und schnell wirkendes Antidepressivum ist. Ich wurde – nach dreiwöchiger Einnahme – mit Valdoxan mit einer Historie von fünf Jahrzehnten Depression zum ersten mal beschwerdefrei. Agomelatin passt zu meiner offenbar nicht ganz unkomplizierten Gehirn-/Nervenchemie wie der passende Schlüssel in ein kompliziertes Schloss.
Bei der Beschäftigung mit der Wirksubstanz Agomelatin stieß ich auch auf die Wiki-website dieses Forums zu Agomelatin
http://www.adfd.org/wissen/Agomelatin
Ich war entsetzt als ich las, was da stand: Entsetzt nicht über Agomelatin, sondern über die Fülle an Halb- und Unwahrheiten, die dort über Agomelatin verbreitet wird.
Ich unterstelle, dass der Autor dieses Wikis nur Bestes im Sinn hat und depressive Menschen vor der Einnahme ungeeigneter oder auch gefährlicher AD’s warnen möchte. Wenn man aber durch einseitige und falsche Behauptungen ein Medikament denunziert, schadet man unter Umständen Menschen, denen das Medikament helfen könnte: weil man Ihnen mehr Angst einjagt, als ihnen der Arzt ihres Vertrauens dann wieder nehmen kann. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass gerade depresssive Menschen, nachdem sie den Waschzettel eines Medikaments gelesen haben, dazu neigen, es gar nicht erst zu probieren oder bei Auftreten der ersten Nebenwirkungen sofort wieder abzusetzen. Wenn sie dann noch über eine merkwürdige website wie die oben genannte fehlinformiert werden, dann ist das ganzeinfach gemein.
Ich unterstelle aber zunächst weiter, dass der Autor mit der aktuellen Studienlade und Klinik nicht vertraut ist und bitte ihn daher, den Wiki upzudaten. Bis dahin hier aber noch einige kleine Anmerkungen. Ärgerlich ist, dass die – ich vermute erst mal aus Unwissenheit resultierenden – Fehlinformationen schon in der ersten Zeile beginnen:
‚Agomelatin ist ein Antidepressivum mit nicht sicher geklärtem Wirkmechanismus.
‘
Es gibt keine Antidepressiva mit sicher geklärtem Wirkmechanismus. Der Wirkmechanismus von Valdoxan ist genau so gut resp. genau so schlecht geklärt wie bei allen anderern Antidepressiva.
‚Es ist nach den bisher vorliegenden Daten schwächer wirksam als andere neuere Antidepressiva‘
Das ist falsch (s.o., updaten!!)
‚Recherchen zu neuen Studiendaten erfolgen wöchentlich‘
Das stimmt nicht. Ich nehme aber an, der Autor hat keine Täuschungsabsicht, sondern hat die Recherchen zu Agomelatin in den letzten Monaten nur etwas schleifen lassen.
Ich möchte den Wiki nicht Zeile für Zeile durchgehen, daher nur einige Highlights.
'Im Tierversuch kann Agomelatin Benzodiazepin-Rezeptoren aktivieren‘
1) Es gibt weder im menschlichen noch im ‚tierischen‘ Körper Benzodiazepin-Rezeptoren. Es gibt überhaupt keine natürlichen Rezeptoren, die spezifisch für eine synthetische Substanz wären. Benzodiazepine docken an den Rezeptoren der Gamma-Amino-Buttersäure, kurz GABA, an, die im Körper u.a. so wichtige Funktionen wie Angst- und Panikmodulation erfüllt. Da die GABA Rezeptoren aber auch von anderen Substanzen und natürlich der GABA selbst ‚benutzt‘ werden, ist es Unsinn, von Benzodiazepin-Rezeptoren zu reden.
2) Ich kenne die Tierversuche nicht, auf die sich der Autor bezieht. Beim Menschen jedenfalls hat Agomelatin nichts mit den GABA-Rezeptoren, die der Autor wohl meint, zu schaffen. Agomelatin „greift selektiv als Agonist an den Melatonin-Rezeptoren MT1 und MT2 im Hypothalamus an. Dadurch ahmt es dessen Wirkung als Synchronisator des zirkadianen Tag-Nacht-Rhythmus nach. Zudem wirkt Agomelatin als kompetitiver Antagonist an Serotonin-5-HT2C-Rezeptoren. An anderen Neurotransmitter-Rezeptoren dockt es nicht an.“ Quelle: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/i ... 639&type=0
Übrigens ein Artikel, der die aktuelle Forschungslage kurz und knapp zusammenfasst, sehr empfehlenswert.
Die in vivo-Wirkmechanismen beim Menschen sind unbekannt.‘
Wie gesagt, so ist das leider bei allen AD’s – nicht eben unbekannt, aber auch nicht besonders gut bekannt. Wir wissen recht gut über die Wirkung auf die Neurotransmitter- und Hormonsysteme Bescheid, aber wer – egal bei welchem AD – den Gesamtzsammenhang seines Wirkungsmechniusmus entschlüsseln könnte, bekäme sofort den Nobelpreis für Medizin. Noch mal: Die Forschungslage für Agomelatin ist genau so gut resp. genau so schlecht wie bei allen anderern Antidepressiva.
Jetzt höre ich erst mal auf, sonst wird’s wirklich zu lang … (wie kann ich hier einen smily einfügen?) Vielleicht hat der Autor des Agomelatin-Wikis ja in den nächsten Tagen Zeit für den dringend fälligen Update, dann können wir über die Studienlage sprechen – ein kompliziertes Thema, bei dem auf dieser website die meisten Nebelkerzen geworfen werden.
Noch mal: Ich unterstelle dem Autor / den Autoren dieser website nicht etwa bewusste Fälschung. Wir brauchen die Watchdogs, die die von der Pharmaindustrie veröffentlichen Informationen sorgfältig prüfen und Aufklärungsarbeit leisten. Ich bitte aber, im Sinne aller von Depression Betroffenen, dringend um Sorgfalt – und um eine faire Diskussion.
als Neuling in diesem Forum möchte ich mich kurz vorstellen.
Ich bin (52, männlich) seit meiner Kindheit depressiv. Die Depression ist also schon früh chronisch geworden. Ich kannte bis vor Kurzem keine depressionsfreien Phasen, sondern nur eine Art Kurve,die von schwach depressiv bis schwer depressiv reichte. Nicht dass mir das als Kind oder Jugendlicher bewusst gewesen wäre: Ich war 30 Jahre, als, nach mehreren jahrelangen erfolglosen Psychotherapien meine Depression von einer erfahrenen Psychiaterin erkannt wurde. Bis dahin hatte ich Diagnosen wie ‚Vegetative Dystonie‘, ‚Angstneurose‘ etc. – dieses Trauerspiel dürfte einige Forumsmitgliedern nicht unbekannt sein.
Nach der Diagnose dauerte es noch einige Jahre, bis ich mich traute, Antidepressiva einzunehmen. Ich lehnte die Einnahme der älteren Medikamententypen (vor allem Trizyklica und die damals schon nicht mehr gern verschriebenen irreversiblen MAO-Hemmer) strikt ab.
Nachdem Ende der achtziger Jahre die ersten Vertreter vom Typ SSRI auf den Markt gekommen waren, die bei weniger und unbedenklicheren Nebenwirkungen gleichen oder besseren Erfolg versprachen, bat ich meinem Psychiater, mir einen SSRI zu verschreiben (Ja ja, es heißt tatsächlich der SSRI,aber ist ja egal). Die Wirkung war gleich null.
Damit begann für mich eine quälende Odyssee von einem AD zu anderen. Ich nahm im Laufe der Jahre mehr als zehn verschieden Präparate ein – also jedesmal altes AD ausschleichen, neues einschleichen; nach vier Wochen Dosis erhöhen, evtl. mit einem anderen AD kombinieren, dann wieder von vorn anfangen: Ich erwies mich als absoluter Non Responder.
Bis zu Agomelatin (Valdoxan).
Ich habe die Themenhinweise für dieses Forum gelesen und habe so eine leise Ahnung, dass die Forenbetreiber das, was jetzt kommt, eigentlich gar nicht lesen möchten. Trotzdem – ich glaube, mein Beitrag könnte für viele Forumsmitglieder wichtig sein – also, liebe Administratoren, bitte nicht zensieren, sondern diskutieren!
Ich möchte erwähnen, dass ich weder für die Firma Servier arbeite noch irgendetwas mit ihr zu tun habe. Glaubt es oder lasst es. Ich habe ganz einfach erfahren, dass Valdoxan – für Responder – ein enorm stark und schnell wirkendes Antidepressivum ist. Ich wurde – nach dreiwöchiger Einnahme – mit Valdoxan mit einer Historie von fünf Jahrzehnten Depression zum ersten mal beschwerdefrei. Agomelatin passt zu meiner offenbar nicht ganz unkomplizierten Gehirn-/Nervenchemie wie der passende Schlüssel in ein kompliziertes Schloss.
Bei der Beschäftigung mit der Wirksubstanz Agomelatin stieß ich auch auf die Wiki-website dieses Forums zu Agomelatin
http://www.adfd.org/wissen/Agomelatin
Ich war entsetzt als ich las, was da stand: Entsetzt nicht über Agomelatin, sondern über die Fülle an Halb- und Unwahrheiten, die dort über Agomelatin verbreitet wird.
Ich unterstelle, dass der Autor dieses Wikis nur Bestes im Sinn hat und depressive Menschen vor der Einnahme ungeeigneter oder auch gefährlicher AD’s warnen möchte. Wenn man aber durch einseitige und falsche Behauptungen ein Medikament denunziert, schadet man unter Umständen Menschen, denen das Medikament helfen könnte: weil man Ihnen mehr Angst einjagt, als ihnen der Arzt ihres Vertrauens dann wieder nehmen kann. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass gerade depresssive Menschen, nachdem sie den Waschzettel eines Medikaments gelesen haben, dazu neigen, es gar nicht erst zu probieren oder bei Auftreten der ersten Nebenwirkungen sofort wieder abzusetzen. Wenn sie dann noch über eine merkwürdige website wie die oben genannte fehlinformiert werden, dann ist das ganzeinfach gemein.
Ich unterstelle aber zunächst weiter, dass der Autor mit der aktuellen Studienlade und Klinik nicht vertraut ist und bitte ihn daher, den Wiki upzudaten. Bis dahin hier aber noch einige kleine Anmerkungen. Ärgerlich ist, dass die – ich vermute erst mal aus Unwissenheit resultierenden – Fehlinformationen schon in der ersten Zeile beginnen:
‚Agomelatin ist ein Antidepressivum mit nicht sicher geklärtem Wirkmechanismus.
‘
Es gibt keine Antidepressiva mit sicher geklärtem Wirkmechanismus. Der Wirkmechanismus von Valdoxan ist genau so gut resp. genau so schlecht geklärt wie bei allen anderern Antidepressiva.
‚Es ist nach den bisher vorliegenden Daten schwächer wirksam als andere neuere Antidepressiva‘
Das ist falsch (s.o., updaten!!)
‚Recherchen zu neuen Studiendaten erfolgen wöchentlich‘
Das stimmt nicht. Ich nehme aber an, der Autor hat keine Täuschungsabsicht, sondern hat die Recherchen zu Agomelatin in den letzten Monaten nur etwas schleifen lassen.
Ich möchte den Wiki nicht Zeile für Zeile durchgehen, daher nur einige Highlights.
'Im Tierversuch kann Agomelatin Benzodiazepin-Rezeptoren aktivieren‘
1) Es gibt weder im menschlichen noch im ‚tierischen‘ Körper Benzodiazepin-Rezeptoren. Es gibt überhaupt keine natürlichen Rezeptoren, die spezifisch für eine synthetische Substanz wären. Benzodiazepine docken an den Rezeptoren der Gamma-Amino-Buttersäure, kurz GABA, an, die im Körper u.a. so wichtige Funktionen wie Angst- und Panikmodulation erfüllt. Da die GABA Rezeptoren aber auch von anderen Substanzen und natürlich der GABA selbst ‚benutzt‘ werden, ist es Unsinn, von Benzodiazepin-Rezeptoren zu reden.
2) Ich kenne die Tierversuche nicht, auf die sich der Autor bezieht. Beim Menschen jedenfalls hat Agomelatin nichts mit den GABA-Rezeptoren, die der Autor wohl meint, zu schaffen. Agomelatin „greift selektiv als Agonist an den Melatonin-Rezeptoren MT1 und MT2 im Hypothalamus an. Dadurch ahmt es dessen Wirkung als Synchronisator des zirkadianen Tag-Nacht-Rhythmus nach. Zudem wirkt Agomelatin als kompetitiver Antagonist an Serotonin-5-HT2C-Rezeptoren. An anderen Neurotransmitter-Rezeptoren dockt es nicht an.“ Quelle: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/i ... 639&type=0
Übrigens ein Artikel, der die aktuelle Forschungslage kurz und knapp zusammenfasst, sehr empfehlenswert.
Die in vivo-Wirkmechanismen beim Menschen sind unbekannt.‘
Wie gesagt, so ist das leider bei allen AD’s – nicht eben unbekannt, aber auch nicht besonders gut bekannt. Wir wissen recht gut über die Wirkung auf die Neurotransmitter- und Hormonsysteme Bescheid, aber wer – egal bei welchem AD – den Gesamtzsammenhang seines Wirkungsmechniusmus entschlüsseln könnte, bekäme sofort den Nobelpreis für Medizin. Noch mal: Die Forschungslage für Agomelatin ist genau so gut resp. genau so schlecht wie bei allen anderern Antidepressiva.
Jetzt höre ich erst mal auf, sonst wird’s wirklich zu lang … (wie kann ich hier einen smily einfügen?) Vielleicht hat der Autor des Agomelatin-Wikis ja in den nächsten Tagen Zeit für den dringend fälligen Update, dann können wir über die Studienlage sprechen – ein kompliziertes Thema, bei dem auf dieser website die meisten Nebelkerzen geworfen werden.
Noch mal: Ich unterstelle dem Autor / den Autoren dieser website nicht etwa bewusste Fälschung. Wir brauchen die Watchdogs, die die von der Pharmaindustrie veröffentlichen Informationen sorgfältig prüfen und Aufklärungsarbeit leisten. Ich bitte aber, im Sinne aller von Depression Betroffenen, dringend um Sorgfalt – und um eine faire Diskussion.