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Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Sonntag, 17.01.16, 12:28
von Murmeline
Übernommen von Monika von Freigeist/ http://www.my-free-mind.at - danke Moni fürs übersetzen!

Im Herbst 2014 beschloss die Autorin Diana Spechler ihre psychiatrischen Medikamente, die sie gegen Ängste, Depressionen und Schlaflosigkeit eingenommen hatte, abzusetzen. Sie begann schrittweise auszuschleichen und verfasste die Serie Going Off, welche in der New York Times erschienen ist: viewtopic.php?f=51&t=9919

Darin beschreibt sie all die Ängste und Schwierigkeiten, die mit den Medikamenten und dem Absetzen dieser verbunden waren.

Der folgende Artikel ist ihr Resümee.

Eins
Warne deine Freunde und deine Familie vor, dass du deine Medikamente ausschleichen wirst (Anmerkung von Freigeist: Ausschleichen bedeutet langsames, schrittweises Reduzieren der Dosis).

Bitte sie darum, dich darauf anzusprechen, wenn du niedergeschlagen wirkst; du wirst nicht böse auf sie sein.
Früher wärst du das gewesen.

Du hast immer gedacht, depressiv zu sein würde bedeuten, schwach zu sein; besorgte Anmerkungen hast du als Beschuldigung für deine eigene Schwäche interpretiert. Doch nun ist es an der Zeit, das zu ändern.

Lass deine Haut nicht dicker, sondern durchlässiger werden, damit Liebe durchsickern kann.

Lass zu, dass deine Freunde dich unangekündigt und spontan besuchen, um sicher zu gehen, dass du nicht die letzten drei Tage in deinem blauen Bademantel verbracht hast.


Zwei
Du musst deine Medikamente eventuell langsamer ausschleichen, als dein Arzt es dir empfohlen hat.

Setze immer nur ein Medikament nach dem anderen ab, alle paar Wochen nur eine kleine Dosis davon. Sei behutsam.

Wenn du dir zum Beispiel vorgenommen hast, die Dosis deines Benzodiazepins (Beruhigungsmittels) am Freitagabend zu verringern, du aber merkst, dass du immer noch Absetzsymptome von dem vorherigen Reduktionsschritt hast, dann bleib bei deiner ursprünglichen Dosis und warte noch ein bisschen ab.

Du hast am Montag immer noch die Möglichkeit, weiter zu reduzieren. Oder nächsten Montag. Oder auch übernächsten.

Bei dir wird es ganze sieben Monate dauern, um alle drei Medikamente abzusetzen (Anmerkung von Freigeist: Diana beschreibt hier ihren persönlichen Verlauf, das Tempo ist bei jedem Menschen individuell) und das ist okay.

Wenn es dir während dem Ausschleichen schlecht geht, kannst du immer wieder einen Schritt zurück gehen und ein wenig aufdosieren.

Tu das, wenn es dir dabei hilft, den Tag zu überstehen ohne dich im Badezimmer verstecken zu müssen.

Dein Ziel sollte sein, dass es dir gut geht und nicht, dass du schnell beweisen kannst, ohne Medikamente auszukommen.


Drei
Nach jedem Reduktionsschritt wirst du zwei oder drei Tage lang schreckliche Symptome erleiden: Schwindel, Übelkeit, Panikattacken, Kopfschmerzen, Weinanfälle und andere seltsame Beschwerden wie Zahnschmerzen.

Manche Personen leiden auch monatelang unter diesen extremen Zuständen. Einige halten die Absetzsymptome nicht aus und müssen bei ihrem Medikament bleiben. Du gehörst nicht dazu: Deine Zahnschmerzen werden verschwinden. Deine Panik wird weichen. Du wirst nicht einmal ohnmächtig werden oder dich übergeben müssen.


Vier
Kümmere dich um deine Ernährung.

Alkohol unterdrückt den REM-Schlaf (englisch für Rapid Eye Movement: Durch schnelle Augenbewegungen gekennzeichneter Schlaf; Tiefschlaf-Phasen werden mit körperlicher Regeneration in Verbindung gebracht, REM-Schlaf hingegen mit psychischer Erholung).

Es ist wichtig, das zu erwähnen.

Transfette und Zucker sorgen für Stimmungsschwankungen – erinnerst du dich, wie du in der U-Bahn geweint hast, weil jemand unabsichtlich seinen Rucksack in dein Gesicht geschmettert hat?

Doch wenn du es einfach nicht schaffst, deine Ernährung umzustellen, kauf dir hin und wieder eine große Packung Fast Food, setz dich vor den Fernseher und genieße.

Verzeih dir deinen Hedonismus. Verzeih dir einfach alles.


Fünf
Finde eine Person, die du mitten in der Nacht anrufen kannst.

Du wirst einen Vorteil darin erkennen, dass deine beste Freundin in Kalifornien wohnt: Wenn es bei dir Nacht ist, ist es bei ihr erst Abend. Ihre Stimme zu hören wird sich für dich anfühlen, wie der erste tiefe Atemzug, den du seit Stunden machen konntest.


Sechs
Wenn du nachts niemanden anrufen kannst (oder willst), lade dir Hypnose- und Meditationseinheiten zum Entspannen herunter.

Wenn das nicht funktioniert, mach etwas anderes. Lies das Buch, das du seit acht Monaten lesen wolltest. Borge dir von jemandem ein HBO-Passwort aus (hier geht es um einen Anbieter wie Netflix zum Serien schauen).

Lerne mit Hilfe deines Handys Spanisch. Experten sagen, dass man bei Schlaflosigkeit elektronische Geräte vermeiden sollte. Vergiss das.

Was man vermeiden sollte ist, dass Panik aufkommt.

Was du dir selbst beibringen solltest: Ich verdiene etwas Besseres, als alleine in einem dunklen Raum wach zu liegen und mir schreckliche Dinge vorzustellen.


Sieben
Kümmere dich gut um die Einteilung deiner Freizeit.

Verschwende deine kostbare Zeit nicht mit Menschen, die du nur alle drei Monate auf einen Kaffee triffst und die dir keine einzige Frage stellen – solche, die über nichts anderes als ihre eigenen Themen sprechen. Sag einer solchen Person, dass du eine Koffeinunverträglichkeit entwickelt hast.

Du brauchst Zeit zum Heilen.


Acht
Dies ist kein guter Zeitpunkt für eine Trennung.

Falls du dich in dieser Zeit doch von deinem Partner trennst, vergiss nicht, dass du das überstehen wirst.

Hör auf, Listen in deinem Kopf durch zu gehen, was du hättest besser machen können. Nein, du hättest nicht deine ganze Persönlichkeit ändern können. Nein, du bist nicht zu anspruchsvoll. Und selbst wenn du anspruchsvoll und schwierig bist, was solls? Sei schwierig. Du bist ein Mensch und keine Zusammenstellung perfekter Qualitäten.

Wenn du merkst, dass du dir nur Vorwürfe machst, schreib sie nieder. Das ist die einzige Möglichkeit, sie aus deinem Kopf zu bekommen – der leere Zettel hält das aus.

Wenn du in den frühen Morgenstunden so dasitzen und schreiben wirst, wird alles in Ordnung sein – dein Kaffee wird fertig und deine Wirbelsäule aufgerichtet sein.

Du wirst zu dir selbst zurückkehren.
Dein Partner war nicht dein Antidepressivum. Verachte ihn nicht. Er ist auch nur ein Mensch und hat dir gegeben, was er konnte.


Neun

Jeder hat eine Meinung zum Thema Depression. Jeder hat eine Meinung über Psychopharmaka.

Wenn du jemandem sagst, dass du solche Medikamente einnimmst (oder absetzen willst), werden dir einige ihre Meinung aufdrängen wollen. Diese Reaktionen haben wenig mit dir persönlich zu tun.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der psychische Gesundheit ein angespanntes und belastendes Thema ist. Einer Gesellschaft, in der wir kaum frei darüber sprechen können, ohne uns Sorgen machen zu müssen, was andere über uns denken werden. Lass die anderen reden. Sie müssen reden.
Hab keine Angst davor.

Du hast ein Recht darauf, deine persönlichen Erfahrungen zu erzählen. Vielleicht ist es nicht nur dein Recht, sondern deine Pflicht das zu tun – um diese kollektive Scham mit deinen klaren und ehrlichen Worten zu bekämpfen.


Zehn
Die Zeit wird kommen, wo du nicht mehr benommen und voller Furcht aufwachen wirst, sondern begeistert, weil die Sonne scheint. Es wird Sommer sein, deine liebste Jahreszeit.

Du wirst medikamentenfrei sein, dich vollwertig ernähren, in die Welt zurückkehren und dabei eine Yogamatte um deine Schulter hängen haben. Kannst du das glauben? Du wirst diese Person mit der Yogamatte um die Schulter sein!

Du wirst dich selbst wiederfinden. Du wirst die Person wiederfinden, die du unter all den Bandagen fast vergessen hättest. Bevor du die Bandagen abnimmst, wirst du unsicher sein, ob die Haut darunter schon verheilt ist.

Aber du wirst Glück haben: Du bist geheilt. Du bist zurück.

Du wirst wieder die Person sein, die barfuß geht. Die Person, die Konzerte genauso wenig aushält, wie den Saint Mark’s Place.
Die Person, die sich wünscht, sie hätte keine Augenringe und die sich gerne weniger Gedanken um ihre Augenringe machen würde.
Die Person, die vor Aufregung sichtbar zittert, wenn sie einer spannenden Persönlichkeit begegnet und die nicht aufhören kann, U-Bahn Tänzer anzulächeln, obwohl man als waschechter New Yorker U-Bahn Tänzer hassen sollte.

Begrüße diese Person. Sie hat lange gefehlt.

Sie war depressiv und hat sich anschließend von der Depression erholen müssen. Sie klebte an ihren Möbeln fest, zählte Kalorien und war schockiert, als ihr die Haare ausfielen. Sie zog ihre Vorhänge zu.

Lass deine Gefühle der Dankbarkeit raus: Dankbarkeit für alles und jeden, für die Tatsache, dass Menschen andere Menschen brauchen, für die Art, wie manche Menschen Blickkontakt meiden und andere ihre Arme für eine Umarmung öffnen.

Geh nach draußen. Spür die Unterseite deiner Füße.

Und ehe du dich versiehst, wird noch mehr Zeit vergangen sein, in der du keine Medikamente mehr einnimmst. Vielleicht wird es Winter sein, vielleicht wirst du den Yogaunterricht eine Woche lang ausfallen lassen, zwei Stunden lang weinen oder zu viel Bier trinken – und doch wirst du okay sein.

So ist das Leben. Du lässt los.

http://my-free-mind.at/absetzen-psychopharmaka-10dinge/

Original: http://mobile.nytimes.com/blogs/opinion ... 0&referer=

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Sonntag, 17.01.16, 12:58
von Arianrhod
gut dass ist USA, wo das Gesundheitssystem eh mau ist, aber auch hier: Wo sind die Ärzte, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter, die einen beim Absertzen dieser Medikamente unterstützen und helfen? WArum gibt es nicht die Möglichkeit, auch mal 2- 3 Tage stationär zu gehen, wenn man es vor Angst und Schmerzen nicht mehr aushält - ohne dass einem wieder was aufs Auge gedrückt wird?
Heilpraktiker und Yogalehrer und überhaupt Therapeuten aus eher esoterischen Bereichen oder Körpertherapeuten wären vermutlich bereit, einen zu unterstützen, doch das kostet Geld, viel Geld.
Viele psychiatrische Patienten haben während ihrer Behandlung alles verloren, besonders ihren Job. Ich kenne eigentlich nur wenige Menschen, denen man irgendwann eine Psychose -Diagnose und entsprechende Medikation gegeben hat, die NICHT auf Grundsicherungsniveau leben. Viele haben nicht genug gearbeitet für eine auskömmliche Rente.
Das heißt aber auch, diese Leute sind auf Leistungen der gesetzlichen KK angewiesen - und da kommt nix.
Das ist für mich ein wichtiger Grund, wenn das Ausschleichen nicht klappt.

liebe Grüße Arianrhod

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Sonntag, 17.01.16, 13:32
von lunetta
Hallo!

Danke für diesen Beitrag!!!!
Einfach wunderbar das zu lesen!

LG

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Freitag, 22.01.16, 11:45
von Yasmina
Toller Beitrag. Hoffentlich werde ich auch irgendwann ohne Medikamente sein. Und dabei ohne diese Krankheit...

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Samstag, 23.01.16, 18:46
von Amazone
Genau das wünsche ich mir auch......
Mit nackten Füssen durch die lauwarmen Pfützen des Sommerregens springen und das mit einer leichtigkeit die so leicht ist das man mich festhalten muss um nicht die Atmosphaere zu verlassen :)

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Sonntag, 22.05.16, 19:30
von Ringelblume
Arianrhod hat geschrieben: Viele psychiatrische Patienten haben während ihrer Behandlung alles verloren, besonders ihren Job. Ich kenne eigentlich nur wenige Menschen, denen man irgendwann eine Psychose -Diagnose und entsprechende Medikation gegeben hat, die NICHT auf Grundsicherungsniveau leben. Viele haben nicht genug gearbeitet für eine auskömmliche Rente.
Das heißt aber auch, diese Leute sind auf Leistungen der gesetzlichen KK angewiesen - und da kommt nix.
Das ist für mich ein wichtiger Grund, wenn das Ausschleichen nicht klappt.

liebe Grüße Arianrhod
Kann nur zustimmen. Und leider müssen die Patienten dann auch noch um Rente und Co kämpfen, erst recht wenn sie noch jung sind. Überall beweisen dass man krank ist - und Hilfe gibt es nicht. Alle Hilfe die ich hatte, musste ich selbst bezahlen. Es ist schon hart - ich wüsst4 sehr viel, dass mich vieeeel rascher genesen liesse - kann mir das aber nicht leisten. Aber ein Rezept für Lorazepam das wäre ja immer drin, meinte mal ein Arzt. Nein. Danke. Nicht. :sports:

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Sonntag, 12.06.16, 18:22
von Arianrhod
Ringelblume hat geschrieben:
Arianrhod hat geschrieben: . Überall beweisen dass man krank ist - und Hilfe gibt es nicht. Alle Hilfe die ich hatte, musste ich selbst bezahlen. Es ist schon hart - ich wüsst4 sehr viel, dass mich vieeeel rascher genesen liesse - kann mir das aber nicht leisten. Aber ein Rezept für Lorazepam das wäre ja immer drin, meinte mal ein Arzt. Nein. Danke. Nicht. :sports:
ich bekomme im Moment sehr viel Hilfe, gerade was alternative Therapien angeht. Ich habe auch endlich KG an Geräten aufgeschrieben bekommen.
Der Arzt meinte wortwörtlich: "Da Sie keine Medikamente mehr nehmen, habe ich mehr Geld für Sie im Budget...."
Ist das so? Man bekommt Zeug , das einen krank macht und keine Hilfe, weil die Medikamente ja so sehr teuer sind. Erst wenn man auf eigene Faust und mit Hilfe von euch allen - ihr seid super! - ABGESETZT hat, bekommt man plötzlich Hilfe, NICHT wenn man sie braucht.

Mit der gleichen Logik könnten Ärzte nur noch gesunde Personen behandeln, kranke sind eh zu teuer und außerdem krank.... :roll: .

(ich schiebe die Schuld gar nicht auf den Doc, der war nur offen und ehrlich, aber was für ein System ist das????)

liebe Grüße Arianrhod

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Sonntag, 19.06.16, 14:04
von kugayama
Arianrhod hat geschrieben: ich bekomme im Moment sehr viel Hilfe, gerade was alternative Therapien angeht. Ich habe auch endlich KG an Geräten aufgeschrieben bekommen.
Der Arzt meinte wortwörtlich: "Da Sie keine Medikamente mehr nehmen, habe ich mehr Geld für Sie im Budget...."
Ist das so? Man bekommt Zeug , das einen krank macht und keine Hilfe, weil die Medikamente ja so sehr teuer sind. Erst wenn man auf eigene Faust und mit Hilfe von euch allen - ihr seid super! - ABGESETZT hat, bekommt man plötzlich Hilfe, NICHT wenn man sie braucht.

Mit der gleichen Logik könnten Ärzte nur noch gesunde Personen behandeln, kranke sind eh zu teuer und außerdem krank.... :roll: .

(ich schiebe die Schuld gar nicht auf den Doc, der war nur offen und ehrlich, aber was für ein System ist das????)
ich glaube das dem Doc ohne weiteres.

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Dienstag, 29.11.16, 18:56
von Pinue
Super Beitrag :)

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Samstag, 28.01.17, 13:18
von wichtelanna
Das ist ja wunderschön!! Macht Hoffnung und vorallem Mut, zu kämpfen und dran zu bleiben.

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Samstag, 28.01.17, 17:03
von Monalinde
Was in unserer heutigen Zeit fehlt, ist Zuwendung und Zuspruch.
Das gab es früher schon mal von einem Hausarzt, von einem Lehrer, oder gar von einer fremden Person. Man durfte auch Gefühle zeigen, ohne als Schwächling hingestellt zu werden. Man durfte Fehler machen, sie wurden oft von anderen wieder ausgebügelt, einfach so. Ohne großes Aufheben. Man war nicht sofort in seiner Existenz bedroht, wenn man längere Zeit krank war. Man wurde wieder aufgefangen.

Es gab auch noch Mitgefühl und Verständnis für schwierige Situationen. Man wurde nicht ins eiskalte Wasser geschmissen, wenn man eine Stelle antrat und nicht allein zurecht kam. Richtiges Mobbing war äußerst selten. Kollegen nicht ausschließlich Konkurrenten. Ach, so vieles war nicht perfekt und es lief doch. Heute sind so viele andere Dinge wie das Äußere, die Darstellungskraft, die Härte wichtig. Bwerbungsgespräche werden trainiert, alles ist irgendwie uniforum. Der Mensch zählt eigentlich nicht mehr viel.

Wen wundert es, dass die psychischen Erkrankungen am Zunehmen sind? Zählen nur noch die harten Hunde? Vielleicht bin ich ein wenig zu pessimistisch und altmodisch. Dann verzeiht mir.

Die heutige Zeit ist eine andere, als die, in der ich jung war und erfordert meiner Meinung nach auch andere Strategien. Ein bisschen mehr MItmenschlichkeit scheint mir aber dennoch zu fehlen. Da ist irgendwie ein Fehler im System.Money, money, money!

Mona

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Freitag, 24.02.17, 20:17
von Kaulquappe 411
Hallo und guten Abend,

vielen Dank für diesen Beitrag, den ich jetzt erst gefunden habe.

Und Monalinde:
ich halte dich nicht für pessimistisch oder altmodisch, nein, du siehts die Dinge schon richtig. Geld, Geld, Geld, Prestige und Macht, Schneller, Weiter, Höher .... so sieht es doch mittlerweile aus. Sicherlich gab es das auch schon zu unserer Zeit, bin 70er Jahrgang, doch da war meiner Meinung nach noch viel Mehr der Kontakt zu Mensch und Natur gegeben, was gute Energien und Ausgleich bildete.

Die Leistungsgesellschaft ist heute noch arger als sie eh schon war, nur der oder das beste zählt. Und die Geschwindigkeit wird immer schneller. Wie in der Werbung: mein Haus, mein Auto, mein boot ..... Nur noch Selbstverwirklichung, Egoismus etc., copmputer und Technik tun das übrige. Sieh dir doch die Jugend heute an, kriegen ihren Kopf kaum noch vom Smartphone weg, alles was um sie rum geschieht, dazu gibt es kaum noch Zugang. Echt arm.

Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit, das ist doch leider Seltenheit.

:vomit: :vomit: :vomit:

Ich denke, alle, die hier im forum schreiben, sind Opfer dieser "modernen" Lebensweise geworden. Und da schnelle Heilung gewünscht ist, um mithalten zu können, wird dann eben zu den hochgelobten Pillen gegriffen, mit horrenden Ergebnisse, wie alle hier leidvoll erfahren mussten.

Ich weiß noch, als ich meiner ehemaligen Chefin sagte, ich würde mich homöopatisch behandeln lassen, meinte sie, ich soll mich doch endlich mal richtig behandeln lassen, damit ich wieder einsatzfähig sei. :evil: :haha: :vomit:
Tja, und irgendwann war dann der Druck so hoch, dass ich zu den Pillen gegriffen habe. Der Anfang vom Ende.

Tja, auch ich gehöre zu denen, die dank der PIllen u.a. meinen Beruf verloren habe und von Mindestrente leben muss. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Anspruch auf soziale Hilfe habe ich dadruch nicht. Ein Teufelskreislauf.

Der obige Beitrag lässt hoffen und beschriebene Situationen kommen durchaus schon bei mir vor: barfuß durch Pfützen laufen, Yogamatte in der Ecke ( auf den Schultern kommt noch), Schnee essen wie früher ....

Nun denn, alles in allem, wir gehen alle unseren Weg, jeder auf seine Weise, und auch wenn wir seltens bis gar nicht Anerkennung für das, was wir mit dem Absetzen geleistet haben, erfahren werden, sind wir wichtige Botschafter und GEgenpol für die Tendenz der heutigen Zeit des Perfektionismus.

Von daher ist unser momentanes Leiden nicht umsonst.

Euch eine Gute Nacht!

Kauquappe :schnecke: :group:

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Mittwoch, 13.09.17, 15:04
von Anke13
Hallo Kaulquappe,
ich bin eben zufällig auf Deinen Bericht gestossen und Du sprichst mir aus dem Herzen mit unserer Welt und der Leitsungsgesellschaft. Ich habe halbtags gearbeitet aufgrund meiner Schwerbehinderung (Panikstörung,Rücken kaputt) und ich bekam Arbeit auf den Tisch für einen 8-Stunden Job. Mit diversen Pillen ging es dann auch, habe mich zur Arbeit geschleppt mit schwerer Bronchtitis, Fieber, egal was. War befreundet mit meinen Kolleginnen im Team aber eines Tages ging nichts mehr und bin weinend am Schreibtisch zusammengebrochen. Eine Kollegin empfahl mir noch eine Ärztin und so ging ich dort hin und es hieß: es ist fünf nach zwölf, sie sind zu spät gekommen, sie sind am Ende der Burnout Spirale angelangt. Hat mir dann Alprazolam verschrieben und Diazepam gegen meine Panikattacken und schon begann mein Leid (bis heute abhängig von Diazepam). Entzug von 7 Alprazolam täglich alleine geschafft Mai 2017 !!! Weg durch die Hölle. Nun habe ich noch Hochdosisbereich Diazepam welches ich reduziere und es ist kein Leben und kein Sterben.

Konnte nicht mehr arbeiten (laut Gutachterin Rentenversicherung nie mehr arbeitsfähig) und bekomme nun eine Mini Erwerbsminderungsrente. Ich habe mein Leben lang gearbeitet, früher ganztags und teilweise noch am Wochenende und nun reicht es kaum zum leben. Und was war mit meinen Freundinnen im Büro ? Nichts mehr, für die war ich sozusagen gestorben. Das hat mir sehr weh getan und ich verstehe die Menschen nicht. Ich sage immer: wehe, wenn du krank wirst in Deutschland. Krankenkasse hat mich schikaniert mit Drohungen (fast bis zum Suizid), meine Psychologin hat dann dort angerufen und richtig Dampf gemacht, ob die Kasse gerne in die Bildzeitung möchte, mußte trotz meiner Krankheit kämpfen zusammen mit Gewerkschaftsanwalt, Kampf mit Rentenanstalt. Das erst hat mich dann richtig krank gemacht.

So ändere ich mal die Überschrift und schreibe: "Dinge, die ich im Nachhinein bereue"

Ein interessanter Artikel von der Schriftstellerin Erna Bombeck in der Saturday Evening Post zu dem Thema: "Wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte":
Ich hätte weniger beim Fernsehen geweint und gelacht und mehr im wirklichen Leben. Ich hätte mich ins Bett gelegt, wenn ich krank war, anstatt mir vorzumachen, die Erde würde aufhören sich zu drehen, wenn ich mal einen Tag ausfalle. Ich hätte öfter gesagt: "Ich liebe Dich" und "es tut mir leid". Ich hätte besser zugehört, aber wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte, würde ich vor allem jede Minute meines Lebens schätzen, sie betrachten, ausprobieren und ausschöpfen und sie niemals zurückgeben, solange noch irgend etwas von ihr übrig ist......

So kämpfe ich jetzt mit dem Entzug und werde nicht aufgeben trotz der negativen Aussagen von einigen Psychologen und Suchtmediziner.

"Es ist unmöglich", sagte der Stolz. "Es ist riskant", sagte die Erfahrung. "Es ist sinnlos", sagte die Vernunft. "Probiere es aus", flüsterte das Herz.

Ich wünsche Dir alles Gute und liebe Grüsse, Anke

Re: Absetzen: 10 Dinge, die ich mir im Nachhinein raten würde

Verfasst: Sonntag, 22.10.17, 20:15
von Hoffnungsvoll1811
Ein toller Beitrag! Wirklich.