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Monika: Es ist nie zu spät, eine psychische Erkrankung dauerhaft zu überwinden

Sammlung von Erfahrungsberichten mit Psychopharmaka.
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Murmeline
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Monika: Es ist nie zu spät, eine psychische Erkrankung dauerhaft zu überwinden

Beitrag von Murmeline » Dienstag, 29.11.16, 10:38

Hier ein Erfahrunsgbericht von Moni's Seite http://www.my-free-mind.at
Eine ihrer Blogleserinnen (ebenfalls eine Monika, 51) berichtet im November 2015 von ihren Erfahrungen.

Das Problem vieler Menschen in der heutigen Leistungsgesellschaft ist, dass sie sich auf ihre natürlichen Ressourcen zur Überwindung von Lebenskrisen oft nicht mehr besinnen und erst recht nicht darauf verlassen. Vorübergehend nicht zu funktionieren ist meistens keine mögliche Option. Gerade dadurch entwickelt sich jedoch häufig aus einer persönlichen Krise erst eine regelrechte psychische Erkrankung, die den Menschen dann zu der unumgänglichen Auszeit zwingt. Leider musste auch ich diese schmerzhafte Erfahrung machen.

2013 erkrankte ich nach einem erschütternden persönlichen Erlebnis an einer mittelschweren Depression mit Angst- und Panikattacken. Durch den Druck, in erster Linie möglichst schnell wieder als Arbeitnehmerin, Ehefrau und Mutter meinen Pflichten nachzukommen, landete ich in einer psychiatrischen Klinik. Das lange Warten auf den Behandlungsbeginn hatte mittlerweile zu einer deutlichen Verschlechterung meines Zustandes geführt.

So empfand ich das Einsetzen von Psychopharmaka zunächst als erleichternd. Es kam quasi auf chemischem Weg zu einem Herunterfahren meiner außer Kontrolle geratenen Emotionen und es keimte die Hoffnung in mir auf, dass ich mein Leben bzw. mich selbst wiederfinden konnte. Dies geschah zusätzlich durch vielerlei therapeutische Maßnahmen, z.B. Gestalttherapie, Thai-Chi, Tanztherapie, Gruppentherapien und natürlich der psychologischen Einzeltherapie.

Worauf ich nicht vorbereitet wurde, war die Tatsache, dass das Absetzen der Medikamente etwa ein Jahr nach der vollständigen Genesung zum Problem werden könnte.

So geschah es, dass nach dem Ausschleichen der noch nicht einmal hoch dosierten Psychopharmaka meine psychische Stabilität wie ein Kartenhaus zusammenbrach. Dies wurde von den Ärzten und Psychiatern ausschließlich als eine Wiederkehr der Depression und Angsterkrankung diagnostiziert, mit der Folge, dass die Medikamente wieder angesetzt wurden, eine erneute Klinikeinweisung erfolgte und das ganze Spiel von vorne begann.

Mein mühsam erworbenes Selbstvertrauen war dadurch zunächst wieder völlig erschüttert. Ich fühlte mich meiner Erkrankung mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Ich hatte seit meiner Kindheit oft unter dem diffusen Gefühl gelitten, dass mit mir etwas nicht in Ordnung sei. Mein großes Glück war es, dass ich eine sehr gute und erfahrene Therapeutin fand, bei der ich im Anschluss an den zweiten Klinikaufenthalt eine ambulante Traumatherapie durchführte.

Von Anfang an gab mir meine Therapeutin das Gefühl, dass meine seelischen Empfindungen keineswegs jemals „krank“, sondern im Gegenteil eine nachvollziehbare Reaktion auf verschiedene schwierige Lebensumstände waren. Wie an einem roten Faden entwickelten sich daraus ungünstige Verhaltensweisen, deren Folgen beinahe mein ganzes weiteres Leben begleiteten.

Mit der sanften EMDR-Methode konnte ich jahrzehntelang zurückliegende unbewältigte Konflikte auflösen. Ich erlangte einen liebevollen, tröstenden Zugang zu meinem inneren Kind und zu meinen lange Zeit brach liegenden Ressourcen. Ich hielt die durch EMDR ausgelösten lebhaften und aufschlussreichen Träume bildnerisch mit Pastellkreide fest.

Puzzleteil für Puzzleteil meines Lebens setzte sich zusammen. Ich begann meine Lebensgeschichte aufzuschreiben mit dem Resultat, dass sich meine Identität stabilisierte. Mein Leben erschien mir nicht mehr grau und beschämend, sondern plötzlich spannend und reich an vielfältigen Erfahrungen. Ich lernte, dass ich nicht gegen meine Gefühle ankämpfen muss, sondern diese akzeptieren, annehmen und sie auf gesunde natürliche Weise verarbeiten kann.

Die Veränderung, mein persönliches inneres Wachstum, das ich durch die Therapie erfahren durfte, erscheint mir heute fast wie ein Wunder und es erfüllt mich immer wieder aufs Neue mit großer Dankbarkeit. So entwickelte sich daraus auch der starke Wunsch, anderen Betroffenen Mut zu machen niemals aufzugeben, an sich selbst zu glauben, an die eigenen inneren Kräfte – auch in Zeiten, in denen man diese kaum noch spürt.

Wunderpillen gibt es nicht.

In akuten, schweren Krisen können Medikamente im individuellen Fall sicher unterstützend hilfreich sein. Sie sollten dann unbedingt so gering wie möglich dosiert und nur so lang wie nötig eingenommen werden. Überaus wichtig ist es, ein etwaiges Absetzsyndrom als solches zu erkennen und von einer erneuten Erkrankung abzugrenzen. Fordern Sie dies unbedingt von ihrem behandelnden Mediziner ein!

Durch eine gute ambulante therapeutische Behandlung, ein bewusstes, gesundes Ernährungs- und Bewegungsverhalten, achtsame Lebensführung, liebevolle Angehörige, gute Freunde und Kollegen ist es mir gelungen, fast lebenslange Fesseln abzustreifen. Die Medikamente konnte ich beim zweiten Versuch erfolgreich ausschleichen.

Mit 51 Jahren fühle ich mich heute so stark wie nie zuvor. Krisen gehören zum Leben. Sie werden früher oder später jeden Menschen mehr oder weniger hart treffen und dürfen nicht vorschnell „pathologisiert“ werden. Unsere moderne Gesellschaft muss dies akzeptieren und beherzigen. Mit liebevoller Zuwendung, Verständnis, Zeit und Ruhe sind die Menschen in der Lage ihre Probleme zu erkennen und auf eine konstruktive, eigenverantwortliche Art anzugehen.

In der Regel gelingt dies ohne Medizin. Bevor Psychopharmaka zum Einsatz kommen, sollten natürliche, ganzheitliche Behandlungsmethoden angewendet werden. Wenn eine psychopharmakologische Behandlung unumgänglich ist, so müssen die Patienten beim Absetzen dieser genau so gut beraten und begleitet werden, wie beim Ansetzen.

Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch über sogenannte Selbstheilungskräfte verfügt. Vielen ist dies jedoch nicht bewusst. Ist der Prozess der seelischen Heilung erst einmal in Gang gesetzt, so beginnt sich der Fluss des Lebens wieder seine natürliche Bahn zu brechen. In der Krise liegt das größte Entwicklungspotential, wenn man diese als Chance erkennt.

Des Weiteren spielt nicht selten eine hohe Sensibilität eine entscheidende Rolle. Diese muss unbedingt als positives Persönlichkeitsmerkmal geschätzt werden und z.B. bei der Berufswahl und der Freizeitgestaltung eine entscheidende Rolle spielen.
Quelle: http://my-free-mind.at/es-ist-nie-zu-sp ... berwinden/

Weitere Ergänzungen von Monika zu ihrem Verlauf in den Blogkommentaren:

Januar 2016:
Auch ich habe leider schleichend nach dem Absetzen der Medikamente einen Rückfall in eine leichtere Depression mit einhergehenden Angstzuständen, nachlassendem Appetit und Antrieb erlebt und war vor allen Dingen eins: enttäuscht!
Nahrungsergänzungsmittel wie Omega-3-Kapseln, Magnesium, Vitamin B12, generelle gesunde, ausgewogene (vegetarische) Ernährung, gesunde Lebensweise mit regelmäßigem Yoga und Walken – und dennoch trotz positiver Lebensumstände, Familie, Freunde, wieder dieses Abrutschen.
Erst die Einnahme der geringsten Dosis des einen Medikamentes brachte relativ rasch den positiven Zustand zurück. Es treten keine Nebenwirkungen bei mir auf. Nun bin ich vorläufig zufrieden mit dem Erfolg, dass ich die Psychopharmaka insgesamt immerhin um zwei Drittel (!) der Menge reduzieren konnte. Ich möchte vor allem nun erst einmal wieder eine dauerhafte stabile Phase, mit den „normalen“ Auf und Ab, erleben. Dabei hilft mir sowohl Meditation und kreatives Schreiben auch sehr, als auch der Kontakt und Austausch mit anderen Betroffenen.
Ich habe mir die Unterstützung eines einfühlsamen Facharztes gesucht. Zusätzlich teile ich mir meine verbleibenden genehmigten Therapiesitzungen noch großräumig ein. Evtl. nehme ich eine Rehabilitationsmaßnahme in Anspruch. Auch der Besuch einer Ärztin für ganzheitliche Verfahren steht noch an.
Ich glaube, dass ich einfach zu lange Zeit meines Lebens depressiv war, unsicher, zu hart zu mir selbst. Deshalb ist es ein längerer Prozess, um meine neu gewonnene Lebensweise mit Anerkennung und Respektieren der hohen Sensitivität nun fest zu verankern. Es gehört für mich nun auch dazu, das endgültige Ausschleichen des Medikaments sanft und behutsam und vor allem äußerst langwierig im Hinterkopf zu behalten. Selbst mit der Vorstellung eine geringe Erhaltdosis beizubehalten, wenn es mir damit rundum besser geht, kann ich mich anfreunden. Ich übe mich einfach in Geduld, bleibe kritisch und hinterfrage zwar sehr viel. Aber ich muss letztlich auch den Helfern vertrauen! Kann ich dies nicht, muss ich mich auf die Suche nach den Richtigen machen!
Ich bin mir nach allem Erfahrensaustausch mit anderen Betroffenen sicher, dass jeder Einzelne seinen ganz persönlichen, individuellen Weg finden muss. Nur eines darf nicht passieren: dass man in der Hoffnungslosigkeit verharrt! Denn man kann so viel tun! Schritt für Schritt!
Quelle

März 2016:
Die olle Minidosis ist wiederum um die Hälfte reduziert! Meine Hormonspirale wurde entfernt. Meine Eigentherapie-Maßnahmen ziehe ich ziemlich konsequent durch. Es geht mir besser und immer besser!
Quelle

Ebenfalls März:
Es ist geschafft! 0,0 mg Psychopharmaka und ich fühle mich so gut wie seit langem nicht mehr mit dem Wissen, dass ich diese „Heilung“ mir selbst zuschreiben kann. Fazit: – Geduld und Ausdauer sind unerlässlich beim Ausschleichen der Medikamente. – Auf vorübergehende Rückschritte im Genesungsprozess sollte man gefasst und gut vorbereitet sein. Sie waren meine größte Hürde.
Quelle
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Murmeline für den Beitrag (Insgesamt 8):
TeaTimeAnnanasArianrhodalbertineLinLinapadmaMockingjaylive-slow
Erfahrung mit Psychopharmaka (Citalopram, langjährig Venlafaxin und kurzzeitig Quetiapin), seit Sommer 2012 abgesetzt
Hinweis: Das Team sorgt für die Rahmenbedingungen im Forum und organisiert den Austausch. Ansonsten sind wir selbst Betroffene und geben vor allem Erfahrungswerte weiter, die sich aus unserer eigenen Geschichte und aus Erfahrungen anderer ergeben haben.

Dein Behandler nimmt Absetzproblematik nicht ernst? Das geht anderen auch so, siehe hier
Einer Deiner Ärzte erkennt Probleme mit Psychopharmaka an? Dann berichte doch hier

Arianrhod
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Registriert: Sonntag, 15.11.15, 15:16

Re: Monika: Es ist nie zu spät, eine psychische Erkrankung dauerhaft zu überwinden

Beitrag von Arianrhod » Dienstag, 29.11.16, 13:12

Hallo , auch hier wieder ein Fall, dass die Patienmtin Antidepressiva bekommt, obwohl eine Traumatherapie ( ich selbst finde EMDR gut/ hilft mir , ich weiß aber, dass hier einige kritisch gegenüber eingestellt sind) , viel angebrachter wäre.

liebe Grüße Arian
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paragon

Re: Monika: Es ist nie zu spät, eine psychische Erkrankung dauerhaft zu überwinden

Beitrag von paragon » Dienstag, 29.11.16, 17:02

Es ist für mich ein wunderbarer Bericht und gibt etwas Hoffnung..

LG

paragon

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