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 ! Nachricht von: Oliver

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[OT] Sterberisiko von Schizophreniepatienten steigt stark an

Eine Sammlung von Artikeln, die über wissenschaftliche, politische und wirtschaftliche Hintergründe der Behandlung von seelischen Leiden mit Psychopharmaka berichten.
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PhilRS
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[OT] Sterberisiko von Schizophreniepatienten steigt stark an

Beitrag von PhilRS »

Diese Meldung ist gar nicht so off-topic:

Wie eine heute in den Archives of General Psychiatry publizierte Meta-Analyse zeigt, ist die Lebenserwartung von Schizophreniepatienten in den vergangenen Jahrzehnten weit weniger gestiegen als die der allgemeinen Bevölkerung.

Seit Langem ist bekannt, dass die Diagnose "Schizophrenie" mit einem höheren Sterberisiko einhergeht (Mortalität). Betroffene haben ein mehr als verdoppeltes Sterberisiko (x2,5) als die restliche Bevölkerung - und daher eine deutlich geringere Lebenserwartung. Neu ist jetzt der Nachweis, dass diese Differenz bei der Lebenserwartung in den letzten Jahren eindeutig zugenommen hat. Mit anderen Worten: Schizophreniepatienten sterben immer frueher als ihre Mitmenschen.

Die Autoren der Analyse stellen mehrere Hypothesen auf, um diesen erschreckenden Befund zu erklären: Eine davon ist die Vermutung, dass Schizophreniepatienten weniger von medizinischen Fortschritten profitiert haben.

Der nach Meinung der Forscher wesentlichste Faktor sowohl bei der augenblicklichen als auch bei der kuenftigen Entwicklung sei aber das Aufkommen der atypischen Neuroleptika und deren exzessive Verschreibung. Die Effekte wären noch gar nicht abzusehen - und es könnte zu einer noch drastischeren Entwicklung kommen (relative Abnahme der Lebenserwartung), wenn die derzeitige breite Anwendung der Atypika fortgesetzt wird.

Zeitgleich mit der zunehmenden Verschreibung "moderner", "atypischer" Neuroleptika an Schizophreniepatienten ist deren Sterberisiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung gestiegen.
<hr>
In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass es kaum derartige Daten zur Anwendung neuerer Antidepressiva gibt. Studien in den 1990ern kamen zu dem Ergebnis, dass Patienten durch die Diagnose und Behandlung der Depression insgesamt keine Vorteile haben*. Wie sich die Antidepressiva-Einnahme auf die Lebenserwartung auswirkt, ist weiterhin ungeklärt.

-PhilRS.

*Quelle: CMAJ/a.A.
Marsupilami

Alternativen

Beitrag von Marsupilami »

Hallo Phil,

gibt es eigentlich für Schizophrenie-Patienten überhaulpt Alternativen zum Pillenschlucken in Form anderer Behandlungsmethoden? Es wird ja immer so dargestellt, dass man sonst nix machen kann. Ich habe mal in einer Sonderausgabe der Zeitschrift des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener des Saarlandes, die sich mit alternativen Behandlungsmethoden beschäftigt, einen Bericht einer Psychotikerin gelesen, der es durch Homöopathie sehr viel besser ging. Fand ich sehr interessant, denn bei Psychosen wird es ja auch so dargestellt, dass es außer Chemiepillen gar keine anderen Möglichkeiten gibt.

Gruß,

das Marsu
Problembär
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Beitrag von Problembär »

Studien in den 1990ern kamen zu dem Ergebnis, dass Patienten durch die Diagnose und Behandlung der Depression insgesamt keine Vorteile haben*.
Verstehe ich das richtig, daß sich das auf die gesamte Behandlung (also z.b. auch längere Verhaltenstherapie), nicht nur auf medikamentöse Behandlung, bezieht ? Das wäre ja interessant.
PhilRS
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sorry, missverständlich - aber evtl. gar nicht falsch

Beitrag von PhilRS »

Verstehe ich das richtig, daß sich das auf die gesamte Behandlung (...), nicht nur auf medikamentöse Behandlung, bezieht ? Das wäre ja interessant.
Das wär's wahrhaftig.

Ich meinte aber die Antidepressiva-Anwendung. Deren Gesamtwirkung wurde tatsächlich nur sehr unzureichend geprüft, wie auch das arznei-telegramm in seinem schon legendären Artikel insinuierte:
Prospektive Langzeitstudien mit adäquater Erfassung von Sicherheitsdaten sind daher dringend zu fordern (...) - Trotz jahrzehntelanger Anwendung sind weder Wirksamkeit noch Sicherheit der verfügbaren Antidepressiva ausreichend belegt.
Ein prospektives Design bringt dann z.B. solche Resultate:
Patients on treatment with antidepressants at the start of the study showed a nonsignificant trend for a lesser degree of clinical improvement, even when clinical severity and compliance were taken into account. Those who were not commenced on treatment until later in the study also fared no better than those who were never prescribed antidepressants. The effect of low doses of antidepressants (almost always a tricyclic) appeared to be less beneficial than either higher doses or clinical management without antidepressant drugs.

Antidepressants may not assist recovery in practice: a naturalistic prospective survey. Acta Psychiatr Scand. 1992 Jul;86(1):5-11.
Dass ein Nicht-Diagnostizieren von Depression i.d.R. kein Problem darstellt und sich die diagnostizierten, behandelten und unbehandelten "Fälle" zumindest nach einigen Monaten nicht mehr unterscheiden, wurde auch gezeigt:

The effects of detection and treatment on the outcome of major depression in primary care: a naturalistic study in 15 cities. Br J Gen Pract. 1998 Dec;48(437):1840-4.

Ich bezog mich also auf den Unterschied zwischen mit AD behandelten (=und zuvor diagnostizierten) und unbehandelten Patienten.

Allerdings las ich kürzlich im Am J Psychiatry, dass sowohl Pharmako- als auch Psychotherapie "unspezifisch" wirken sollen, d.h. nicht über besondere Effekte, die nur dem konkreten Verfahren eigen wären. Das ist dann aber eine ganz andere Sache, und dazu müsste ich nochmals völlig neu recherchieren.

Grüße
-PhilRS.
xonatas

Re: NL-Alternativen - JA - 25-32 Jahre länger leben - ohne NL

Beitrag von xonatas »

Marsupilami hat geschrieben:Hallo Phil,

gibt es eigentlich für Schizophrenie-Patienten überhaulpt Alternativen zum Pillenschlucken in Form anderer Behandlungsmethoden? Es wird ja immer so dargestellt, dass man sonst nix machen kann.
hi Marsu, hi Phil

keine Alternative? das war gestern !
Selbst Anwender und Befürworter der faschistoiden Zwangstherapiemethoden der ZwangsPsychiatrie kommen in Zeiten des (noch) offenen Internets zumindest in den proforma Diskussionen nicht mehr umhin, ein wenig abzurücken, von ihren jahrzehnte lang eingeübten Rechtsbruch-Zwangstherapien (Lug und Trug, Erpressung, fortgesetzter vorsätzliche Körperverletztung bei gleichzeitiger Inkaufnahme des Todesrisikos und erheblicher Verkürzung der Lebenszeit).

Zumindest also in der Diskussion nähert man sich den noch vor 2 bis 3 Jahren von SozialPsychiatrie u. BiologischerPsychiatrie gleichermaßen auf übelste verteufelten, alternativen Ansätzen und Forderungen von Reform-Pionieren wie Breggin u. Co an. Selbst Forderungen der Antipsychiatrie sind nicht mehr restlos tabu.


insgesamt lesenswert: http://tinyurl.com/5z42zu Friedrich Leidinger: "Zwangsbehandlung aus ärztlicher Sicht"
die daraus nachfolgend zitierten Abschnitte gibts ab Seite 5
.. ist festzustellen, dass der Krankheitsverlauf schizophren erkrankter Menschen durch die Behandlung mit Neuroleptika sich gegenüber einer Behandlung ohne Neuroleptika nicht wesentlich verbessert hat.

Bei den mit Neuroleptika behandelten Kranken ist kein Vorteil einer Behandlung mit atypischen Neuroleptika gegenüber klassischen Neuroleptika feststellbar

Die Behandlung mit Neuroleptika erfolgt fast immer ohne eine erkennbare Mitentscheidung der Patienten.

Lebenserwartung von Patienten, die mit Neuroleptika behandelt werden, um etwa 25 bis 32 Jahre kürzer ist als die Lebenserwartung von Schizophreniekranken ohne Neuroleptika

Das Mortalitätsrisiko steigt mit der Anzahl der verordneten Neuroleptika

schon mit nur einem Neuroleptikum ist das Mortalitätsrisikos etwa dreimal höher als in der Allgemeinbevölkerung
und ungefähr doppelt so hoch wie bei einem Schizophreniekranken ohne Behandlung,


bei drei Neuroleptika ist das Mortalitätsrisiko fast siebenmal höher als in der Allgemeinbevölkerung


seit den 70er Jahren ... steigende Suizidrate unter Schizophreniekranken

Schizophreniekranke, die frühzeitig medikamentös behandelt werden und entsprechend frühzeitig für sich eine Krankheit akzeptieren müssen, haben ein deutliches höheres Suizidrisiko als solche, die eine längere Zeit nach Diagnosestellung
ohne medikamentöse Behandlung bleiben.



Die von Aderhold angestoßene Diskussion verweist aber auf die Notwendigkeit, die Haltung
gegenüber Neuroleptika und ihre Anwendungspraxis deutlich zu ändern.

...gibt es eine Reihe von erprobten Behandlungsmöglichkeiten,
bei denen Medikamente nur ein Element unter vielen anderen darstellen.

Fokussierung der Behandlung auf die rein medikamentöse Ebene ist fachlich nicht begründbar.

Die Gabe von Medikamenten in Ermangelung von Alternativen lässt sich in der Regel nicht rechtfertigen.


Die Behandlung mit Neuroleptika stellt einen Eingriff in den Organismus, d. h. in die
Funktionsweise des Gehirns und vieler weiterer Organsysteme mit weit reichenden
Folgen dar. Nur ein geringer Teil dieser Wirkungen ist wissenschaftlich aufgeklärt. Ziel
muss daher in jedem Fall die Minimierung der Anwendung von Neuroleptika und ihrer
Dosierung sein.

Alternativen suchen und realisieren!
Schließlich stellt das Dilemma der neuroleptischen Behandlung die Psychiatrie vor die
Herausforderung, alternative Behandlungsmöglichkeiten, wie sie z. B. im Soteria-
Konzept und in anderen Modellen vorliegen, zu suchen und zu realisieren.

so, aufwachen Marsu, der schöne Traum ist jetzt vorbei. ;-)
die Letzten Jahre haben gezeigt dass die Zwangspsychiatrie überhaupt nicht daran denkt, auch nur im Ansatz humaner zu werden. Das Gegenteil ist der Fall.
Tomcat
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Registriert: 01.04.2006 04:37
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Re: [OT] Sterberisiko von Schizophreniepatienten steigt stark an

Beitrag von Tomcat »

Nun ja, Schizophrenie-Patienten sind bei Diagnosestellung im Schnitt (Männer) 21 bzw. (Frauen) 26 Jahre alt. Sie landen dann in der Regel in der Psychiatrie, wo man sie behandelt wie den letzten Dreck, mit allen offenen und subtilen Formen von Gewalt und Zwang. Vor allem zerstört man dort jedwedes Selbstwertgefühl, das sie noch haben (und ihnen mehr helfen würde, als alles andere), indem man ihnen weismacht, sie seien unheilbar geisteskrank und könnten nie mehr ein normales Leben führen. Man pumpt sie voll mit Neuroleptika, heutzutage fast nur noch 'atypischen'. Diese bringen das Hormonsystem komplett durcheinander, v.a. auch den Insulin-Stoffwechsel, führen dadurch zu z.T. gigantischer, völlig entstellender Gewichtszunahme, langfristig zu Diabetes und metabolischem Syndrom. Außerdem schädigen sie Herz und Kreislauf. Man redet den Betroffenen ein, sie müssten diese Pillen, mit denen sie sich schrecklich fühlen, ein Leben lang nehmen. Dann entlässt man sie und erklärt sie für erwerbsunfähig. Da die meisten zu jung sind, um jemals in die Rentenversicherung einbezahlt zu haben, heißt das dann entweder Abhängigkeit von den Eltern - als Erwachsener - oder Leben in absoluter Armut = Hartz IV. Zusammen mit der stigmatisierten Diagnose und dem unattraktiv korpulenten Äußeren führt diese Armut dann in völlige soziale Isolation. Schließlich versuchen 20% der Betroffenen, sich umzubringen, der Hälfte davon gelingt es irgendwann. Die, die überleben, sterben dann z.B. irgendwann an plötzlichem Herztod (typische Folgeerscheinung von Atypika) oder anderen medikamenteninduzierten Schädigungen.

Dabei gehen unbehandelte Psychosen in der Regel genauso vorüber wie behandelte, eine Psychose dauert ja nicht ewig, sondern ist ein akuter "Schub".
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