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Robert Whitaker: Psychopharmaka

Verfasst: 13.06.2006 19:24
von Tomcat
Vollständiger Artikel unter:

http://www.mut-zum-anderssein.de/PDF/Ps ... itaker.pdf

Das Ganze ist eine große profitable Veranstaltung

Auszüge aus einem Interview (erschienen im August 2005) von Terry Messmann mit Robert Whitaker. Amerikanisches Original: http://www.thestreetspirit.org/August2005/interview.htm (Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Urheber)

Wenn es um ein Buch ginge, dann wäre es „Mad in Amerika“, geschrieben von dem amerikanischen Journalisten Robert Whitaker. Es geht aber „nur“ um ein Interview mit dem Autor, das auch in Deutschland viele Leser findet. Das Original wurde in Street Spirit veröffentlicht, einer den Quäkern verbundenen Monatsschrift, die sich für die Belange benachteiligter Menschen und Gruppen in den USA engagiert. Psychiatrieerfahrene haben es ins Deutsche übersetzt und verbreiten es mit freundlicher Genehmigung des Autors im Internet. Worum geht es in diesem 13seitigen Interview, das hier nur in Auszügen wiedergegeben werden kann? Whitaker ging dem starken Anstieg von „psychischen Erkrankungen“ in den USA nach, der korreliert ist mit einer Ausweitung des Einsatzes von Psychopharmaka. „Wir haben eine Patientenversorgung, bei der diese Medikamente immer häufiger eingesetzt werden, wir haben angeblich viel bessere Arzneien als früher, die die Grundlage der psychiatrischen Therapie sind. Also sollte man erwarten, dass der Anteil der erwerbsunfähigen Menschen sinkt. Stattdessen ist die Zahl der aus psychischen Gründen Erwerbsunfähigen in den Vereinigten Staaten seit 1987 von 3,3 Millionen auf 5,7 Millionen gestiegen. Im gleichen Zeitraum haben die Ausgaben für Psychopharmaka in gewaltigem Maße zugenommen.

1986 wurden etwa 500 Millionen Dollar für Antidepressiva und Neuroleptika ausgegeben, 2004 waren es fast 20 Milliarden. Da stellt sich also zwangsläufig die Frage: Beeinflusst der Einsatz dieser Medikamente in irgendeiner Weise den Anstieg der Zahl psychisch bedingter Fälle von Erwerbsunfähigkeit?

Das Ergebnis sei vorweg genannt und ist niederschmetternd. Whitaker stellt die These auf, dass die Psychopharmaka-Behandlung selbst Hirnstoffwechselstörungen erzeugt, die Fachleute als angenommene Ursache seelischer Störungen mit Psychopharmaka zu korrigieren glauben/vorgeben. Er beruft sich dabei auf Studien, die eigentlich seit Jahren bekannt sind und in denen die Wirkungsweise (hpts. auf das Dopamin- und Serotoninsystem) und die Reaktion des Körpers darauf beschrieben werden. Er betont, dass sich entgegen der Behauptung, Neuroleptika würden nicht abhängig machen, schon nach Wochen Veränderungen der synaptischen Membranen einstellen, mit denen der Körper die Störung durch die Psychopharmaka auszugleichen versucht. Dadurch entsteht eine erhöhte Sensibilität der gestörten Transmittersysteme, die bei abrupten Absetzen zu Symptomen führt. Nicht selten werden diese als Krankheitssymptome gedeutet und erneut medikamentös behandelt. Die Grenze zwischen ursprünglicher Störung und Behandlungsstörungen verwischt. Ein Teufelskreis der Abhängigkeit ist vorprogrammiert, den Whitaker im Zusammenhang mit dem Einsatz von Antidepressiva so beschreibt:

Ein bestimmter Prozentsatz von Patienten, die wegen irgendeiner Form von Depression mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern behandelt werden, bekommt eine Manie oder eine Psychose – hervorgerufen durch das Medikament. Dies ist weithin bekannt. Behandelte man anfänglich eine Depression, behandelt man nun manische oder psychotische Symptome. Was geschieht dann, wenn jemand eine Arzneimittel-induzierte manische Episode hat? Er landet in der Notaufnahme und erhält eine neue Diagnose. Nun ist derjenige bipolar und bekommt zu dem Antidepressivum noch ein Neuroleptikum dazu. Spätestens diesem Punkt hat der soziale Abstieg zur chronischen Erwerbsunfähigkeit begonnen....
Mit unseriösen Medikamentenstudien und massivem Einfluss der Hersteller auf die Zulassungsbehörde FDA) wird die Marktzulassung für Produkte durchgesetzt, die kurzfristig oft kaum wirksamer sind als Placebos, aber mittel- und langfristig erhebliche körperliche Schäden verursachen können. Whitaker beschreibt das am Beispiel der Zulassung von Prozac, das in Amerika einen riesigen Marktanteil hat. Liegt die Zulassung vor, wird so ein Mittel mit gewaltigem Werbeaufwand als wahres Wundermittel angepriesen. Meldungen an Medwatch (die Behörde, die Meldungen über Nebenwirkungen sammelt) zeigten aber: Die Realität sah so aus: Über welches Medikament in Amerika gingen nach seiner Marktzulassung die meisten Meldungen über Nebenwirkungen ein? Prozac! Innerhalb eines Jahrzehnts kam es bei Prozac zu 39.000 Hinweisen auf Nebenwirkungen, die bei Medwatch eingingen.
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Irgendwann wird es vom Markt genommen werden und durch ein neues Wundermittel ersetzt, das dann andere Nebenwirkungen hat. Whitaker spricht von einer Art Wanderzirkus, der nach einem festen Drehbuch arbeitet. Whitaker kritisiert ganz besonders die Tatsache, das zunehmend Kinder zur Zielgruppe der Hersteller geworden sind: „Seit 1990 hat sich die Zahl der Kinder, die mit Antidepressiva behandelt werden, versiebenfacht. In allen an Kindern durchgeführten Studien über Antidepressiva hatte man jedoch festgestellt, dass diese Mittel bei der Behandlung des Zielsymptoms Depression nicht wirksamer sind als Placebos. Bei Antidepressiva-Tests an Kindern wurde immer wieder der gleiche Befund erzielt. Das bedeutet, dass es keine vernünftigen therapeutischen Gründe gibt, Kinder mit Medikamenten zu behandeln, die die Zielsymptome nicht besser lindern als Placebos, aber alle möglichen unerwünschten Nebenwirkungen nach sich ziehen. In einer Testreihe z. B. litten 75 Prozent der mit Antidepressiva behandelten Jugendlichen an irgendeiner unerwünschten Nebenwirkung. In einer Studie der Universität Pittsburgh entwickelten 23 Prozent der SSRI-behandelten Kinder eine Manie oder manie-ähnliche Symptome, bei weiteren 10 Prozent kam es zu arzneimittelinduziertem aggressivem Verhalten. Diese klinischen Befunde besagten also ganz eindeutig, dass diese Medikamente Kindern mit Depressionen nicht helfen, dass sie aber zu allen möglichen schweren Problemen führen – Manien, Aggressivität, Psychosen und sogar Selbstmord. Man hätte diese Mittel bei Kindern also nie einsetzen dürfen, nicht wahr? Stattdessen wurde dies alles vertuscht. Es gab Psychiater – einige von ihnen hatten offenbar Geld von den Pharmafirmen erhalten –, die behaupteten, Kinder seien psychiatrisch unterversorgt und darum häufig selbstmordgefährdet. Man könne diese Kinder nicht ohne Medikamente lassen, es führe zu einer Tragödie, wenn man die neuen Antidepressiva hier nicht einsetze.

Man erkennt das Muster, nach dem die Märkte vorbereitet werden. Whitaker beschreibt ausführlich, wie die Hersteller Einfluss auf die FDA und Medizinische Fachjournale und die Öffentlichkeit allgemein nehmen und fasst seine Beobachtungen wie folgt zusammen: „Wir haben so eine Arzneimittelzulassungsbehörde, die das Schoßhündchen spielt und eine medizinische Fachliteratur, der man nicht trauen kann. Dies alles zeigt, dass die amerikanische Öffentlichkeit belogen wurde, nichts über die Probleme mit diesen Medikamenten erfuhr und nichts darüber, warum diese Probleme geheim gehalten wurden. Dies hat mit Geld zu tun, mit Prestige und mit Beziehungen zu beiderseitigem Nutzen...
Man biegt sich die wissenschaftliche Forschung so hin, wie man sie haben will. Man beugt das Recht... Überall geht man so vor, und am Ende haben wir eine Gesellschaft, die an diese Psychopharmaka glaubt.


Wie Antipsychotika (Neuroleptika) auf den Menschen wirken, beschreibt Whitaker anschaulich in dem folgenden Bild: „Als Ergebnis (der Medikation, Anm. d .Verf.) haben Sie ein Ungleichgewicht des Dopaminsystems im Gehirn. Das ist etwa so, als ob Sie aufs Gaspedal treten – so wirken sich die zusätzlichen Dopamin-Rezeptoren aus (die sich spontan neu bilden wenn Dopamin medikamentös geblockt wird, Anm. des Verf. ) - und gleichzeitig auf die Bremse, was der blockenden Wirkung der Medikamente entspricht. Wenn man die Bremse nun loslässt, indem man die Medikamente abrupt absetzt, so hat man ein überaktives Dopaminsystem, man hat zu viele Dopamin-Rezeptoren. Und was passiert? Menschen, die die Medikamente plötzlich absetzen, bekommen ernste Rückfälle.
Beiläufig entdeckte man dabei noch, dass man psychotische Symptome auch mit Amphetaminen auslösen kann. Wenn Sie also jemandem genug Amphetamine geben, so steigern Sie sein Psychoserisiko. Das ist allgemein bekannt. Und was machen Amphetamine? Sie setzen Dopamin frei. Es gibt also eine biologische Erklärung dafür, dass das Psychoserisiko ansteigt, wenn man am Dopaminsystem herumpfuscht. Das ist die Quintessenz dessen, was Antipsychotika machen: Sie stören das Dopaminsystem.


Gefragt, ob die neueren Antipsychotika wirklich besser seien als die ältere Generation: „Nein, das ist völliger Unsinn. Ich glaube sogar, dass die neueren Mittel im Vergleich mit den alten vielleicht als noch gefährlicher angesehen werden müssen, wenn das überhaupt möglich ist. Man wusste seit 1979, dass man damit tatsächlich die zugrundeliegende biologische Vulnerabilität für Psychosen vergrößerte... Wenn wir die neuen Atypika bekämen, so sei das bedeutend sicherer, hieß es. Mit den neuen Atypika bekommt man nun aber alle möglichen anderen Stoffwechselstörungen.

Er belegt seine Einschätzung am Beispiel von Zyprexa. Kürzlich wurde übrigens bekannt, dass der Hersteller Eli Lilly 690 Millionen Dollar) in einen Topf zur Entschädigung für Menschen einzahlte, die unter Zyprexa an Diabetes erkrankten (zum Vergleich: Allein 2004 gaben Patienten in den USA 1,04 Milliarden Dollar für Zyprexa aus, weltweit über 2 Milliarden Dollar). Das Diabetes-Risiko war im Beipackzettel nicht erwähnt worden. Jetzt wird es erwähnt. Ist deshalb nun alles in Ordnung? Auch die Wirkungsweise und Vermarktung von Amphetaminen, insbesondere über die überall stark ansteigende Verschreibung von Ritalin an Kinder, wurde von Whitaker untersucht. Er stellt fest, dass kindliches Verhalten zunehmend pathologisiert und mit Psychopharmaka behandelt und kommentiert:

Wir rauben den Kindern ihr Recht Kinder zu sein, ihr Recht zu wachsen, ihr Recht Erfahrungen mit ihrem ganzen Spektrum von Gefühlen zu machen, ihr Recht, die Welt in der Fülle ihrer Farbtöne zu erfahren. Nichts anderes bedeutet es heranzuwachsen, lebendig zu sein! Wir rauben Kindern ihr Existenzrecht.... Wir sprechen über Millionen von Kindern, mit denen man in dieser Weise verfährt. Es gibt Schulen, in denen 40-50 Prozent der Kinder mit einer psychiatrischen Verschreibung ankommen.

Besonders dramatisch stellt sich ihm das Schicksal von Kindern dar, die in Heimen untergebracht sind. Er sagt dazu: „Nehmen wir mal ein Pflegekind, das vielleicht ein schlechtes Los in der Lotterie des Lebens gezogen hat. Es wird in ungünstige Familienverhältnisse hineingeboren und wächst nun in einem Pflegeheim auf. Haben Sie eine Vorstellung davon, was das heutzutage bedeutet? Es kann sehr schnell darauf hinauslaufen, dass es eine psychische Krankheit diagnostiziert bekommt, und es wird dann auf ein psychiatrisches Medikament gesetzt. 60-70 Prozent der Heimkinder in Massachusetts sind auf psychiatrische Medikamente gesetzt. Diese Kinder sind nicht psychisch krank! Sie wurden schlecht behandelt, landen in einem Fürsorgeheim, was nichts anderes bedeutet, als dass sie in schwierigen familiären Verhältnissen lebten... ...und was macht unsere Gesellschaft? Sie sagt: „Ihr habt einen Hirnschaden. Es liegt nicht daran, dass die Gesellschaft schlecht ist und du keine faire Chance bekommst. Nein, nein, das Kind hat ein defektes Gehirn und muss auf Medikamente gesetzt werden. Das ist absolut kriminell.

Die Ökonomische Bilanz und ihre Perspektiven sehen auch nicht gerade ermutigend aus: „Wir geben inzwischen mehr Geld für Antidepressiva aus als es dem Gros des Nationaleinkommens mittelgroßer Staaten wie z.B. Jordanien entspricht. Das sind ganz hübsche Summen. Der Betrag, den wir für psychiatrische Medikamente in diesem Land ausgeben, ist höher als das Nationaleinkommen von zwei Dritteln der Staaten dieser Welt. Es ist dieses unglaublich lukrative Paradigma, dass man mit diesen Stoffen ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn ausgleichen könne. Aus geschäftlicher Sicht funktioniert das sehr gut für Eli Lilly. Als Prozac auf den Markt kam, lag der Wert von Eli Lilly an der Wall Street, die Kapitalisierung, bei 2 Milliarden Dollar. Im Jahre 2000, als Prozac ihre neue Nummer 1 am Markt wurde, erreichte die Kapitalisierung 80 Milliarden Dollar, ein Anstieg auf das Vierzigfache. Das muss man im Blick haben, wenn man verstehen will, warum Pharmaunternehmen ihre Visionen mit solcher Bestimmtheit vertreten. Sie bringen Milliardenzuwächse beim Stammkapital für Manager und Eigentümer dieser Firmen. Auch für das psychiatrische Establishment, das hinter diesen Produkten steht, rentiert sich das. Es profitiert davon. Es fließt sehr viel Geld zu Leuten, die sich mit diese Art von Versorgung arrangieren. Man macht große Werbekampagnen in den Medien. Das Ganze ist eine große profitable Veranstaltung.

Ein teures Gesundheitswesen, das krank macht - nur ein Wahngebilde? Kalle Pehe