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Pharma-Manager: "Ich habe Menschen bestochen"

Verfasst: 18.10.2008 21:48
von Alladin_ch
Hi zusammen

Ich habe folgenden Artikel in der TAZ gefunden. Zum K... :evil:

http://www.taz.de/index.php?id=archivse ... 1/12/a0259

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"Ich habe Menschen bestochen"
John Rengen hat über dreißig Jahre für die "Globalplayer" in der Pharmabranche gearbeitet. Jetzt packt er aus und gibt einen Einblick in die schmutzige Trickkiste der Pharmaindustrie. Korruption, Bestechung und das Verschwindenlassen von unerwünschten Studienergebnissen gehören zum Geschäft

INTERVIEW ELKE BRÜSER

taz: Haben Sie früher auch schlecht geträumt?
John Rengen: Nein. Ich habe gut gelebt.

Woher kommen jetzt die Albträume?

Ich war über dreißig Jahre korrupt, habe Menschen bestochen und die Manipulation von Daten gedeckt.

Da sind Sie nicht der Einzige.

Klar. Aber es geht hier um kranke Menschen beziehungsweise um Menschen, die durch diese Präparate erst richtig krank werden oder sich umbringen oder andere gefährden.

Wie meinen Sie das?

Es ist kein Geheimnis, dass Arzneimittelstudien, die schlecht ausgehen, oft nicht veröffentlich werden. Sie werden auch nicht den Behörden vorgelegt, die etwa über die Zulassung eines Medikaments entscheiden. Sie verschwinden einfach in den Schubladen der Firmen.

Fluoxetin kann nicht nur Angst, Nervosität und Schlaflosigkeit herbeiführen, es besteht auch das Risiko von aggressivem Verhalten und konkreten Suizidgedanken, weil depressive Patienten durch den selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer aktiviert werden. Wussten Sie das schon damals?

Ja, solche negative Effekte waren bekannt.

Und die alarmierenden Daten wurden unterdrückt?

Ja. Sie wurden jedenfalls nicht weiter verfolgt, um die Zulassung nicht zu gefährden.

Kürzlich hat der medizinische Informationsdienst "arznei-telegramm" geschrieben, dass eine Pharmafirma acht Studien auf den Weg bringen muss, damit sie zwei positive erhält. Die braucht sie, um die Zulassungsbehörden vom Nutzen ihres neuen Mittels zu überzeugen. Stimmt das?

Im Prinzip ja. Nur dass jedes Land sein eigenes Süppchen kocht. Auch innerhalb der EU werden in den einzelnen Staaten unterschiedliche Kriterien angelegt - trotz einer europäischen Arzneimittelbehörde. Und dennoch schielt die eine Zulassungsbehörde auf die andere.

Was heißt das?

Ich war in Schweden acht Jahre lang Geschäftsführer von Eli Lilly und sollte dafür sorgen, dass Fluoxetin dort auf den Markt kommt. Das war wichtig für die Firma, denn damals war das Mittel nur in Belgien zugelassen. Schweden ist schon wegen des Nobelpreises ein renommiertes Land und die Psychiatrie genoss hohes Ansehen. In Deutschland hatte die zuständige Behörde, damals das Bundesgesundheitsamt, Einwände gegen die Zulassung von Fluoxetin. Gar nicht gut für die Firma.

Was war Ihr Job?

Ich kümmerte mich darum, dass es positiv ausgehende Studien gab. In Schweden reichte es nicht, dass irgendwo auf der Welt solche Studien gemacht worden waren, das nationale Zulassungsprozedere verlangte auch lokale Studien. Welche aus Schweden.

Und was lässt Sie heute schlecht schlafen?

Die Methoden, die ich anwandte. Sie waren damals jedenfalls in Schweden neu. Es war schlicht Bestechung. Ich schloss so etwas wie Freundschaft mit sogenannten Meinungsbildnern oder solchen, die es werden wollten. Und ich brachte sie dazu, Nebenwirkungen in ihren Beiträgen zu unterdrücken und ein positives Votum abzugeben.

Ein leichter Job?

Nicht unbedingt. Aber ich habe Pharmakologie und Medizin studiert. War in jungen Jahren Popsänger und meine Lehrjahre bei Lilly hatten mich zum Genießer gemacht. Ich habe die Fachleute, die wir brauchten, geprofiled: Hobbys, Kinder, Vorlieben der Frau. Das ließ sich alles bedienen. Ich arrangierte Gourmetessen in Nobelrestaurants, am Nebentisch die schwedische Königin, exquisite Weinproben, Symposien in den Tropen. Schweden mögen das. Der Winter ist lang und dunkel. Ich fand die richtigen Jazzkeller, sang auch mal selbst und bezahlte die Prostituierten.

Floss auch Geld?

Ja, auch. Aber in Schweden war die Vermögenssteuer extrem hoch. Da muss man sich auch andere Sachen einfallen lassen. Eine Studie mit guten Resultaten, die hat uns damals etwa 10.000 Dollar gekostet. Das war vor mehr als zwanzig Jahren eine Menge Geld. Und eigentlich nur das Taschengeld, denn der Herr Professor bekam von Lilly auch noch die Zusage für eine Langzeitstudie. Das bringt Geld in die Klinik und nützt dem Renommee.

Kennen Sie das Ergebnis der Studie?

Nein, ich gehe davon aus, dass es keine gibt.

Wurde Fluoxetin in Schweden zugelassen?

Nie.

Dann waren Sie also erfolglos?

Nein, denn ich habe für einen guten Preis gesorgt. Der war dann maßgeblich für andere Länder. Das läuft in Schweden nämlich so: Bereits vor der endgültigen Zulassung verhandelt die Pharmafirma mit der Wirtschaftsbehörde über den zukünftigen Preis des Präparats. Mit 1,20 US-Dollar pro Tagesdosis von 20 Milligramm in der Achtzigerjahren, fiel der ansehnlich aus. Eine gute Verhandlungsbasis für den Konzern auf dem Weltmarkt.

Es hat aber lange gedauert, bis sich Ihr schlechtes Gewissen gemeldet hat.

Leider, sage ich heute. Allerdings habe ich schon früher einiges versucht.

Oder wollen Sie sich rächen, weil Lilly Sie gefeuert hat. Ohne Anerkennung Ihrer Dienste, ohne Rentenansprüche?

Nein, das ist nicht der Grund, obwohl sie mich gelinkt haben. Ich wurde nach Puerto Rico befördert und einen Monat später fristlos entlassen. Das hätte man in Schweden nicht so machen können. Es hätte die Firma sehr viel Geld gekostet.

Warum prangern Sie erst jetzt die Pharmaindustrie an. Sie wussten doch schon früher, dass Gesetze umgangen und gebrochen werden. Auf Kosten von Patienten.

Ich steckte mein halbes Leben in diesem Betrieb. Ich habe auch für Novo Nordisk gearbeitet und von Florida aus europäische Arzneimittelfirmen vertreten. Ich war skrupellos und egozentrisch. Es ging mir nur um meinen Erfolg.

Und jetzt packen Sie aus.

Ich habe angefangen.

Warum?

Mein kleiner Sohn. Ich sehe ihn aufwachsen und sehe die Welt mit anderen Augen.

Also späte Reue? Durch die Unschuld eines Kindes? Oder eine Beichte am Lebensende? Sie haben einen Herzschrittmacher, haben Diabetes und Ihr Sohn könnte Ihr Enkel sein.

Wissen Sie, mir geht es nicht mehr um die Vergangenheit. Ich bin auch kein Nestbeschmutzer. Mir geht es um die Gegenwart und die Zukunft.

Wie das?

Kürzlich stieß ich auf diese Werbung von Lilly in Eltern. Lilly vermarktet auch ein sogenanntes ADHS-Medikament. Gedacht für Kinder, die überaktiv sind und extrem unaufmerksam. Aber so wie Lilly die Anzeigen macht, da werden Eltern erst auf die Idee gebracht, dass ihr Kind - zappelig in der Schule, nicht so erfolgreich wie erwartet, mit den Gedanken oft woanders - ADHS hat. Eli Lilly rückt mit einer Art Fragebogen Verhaltensauffälligkeiten in die Nähe einer Krankheit, für die die Firma eine Pille hat - eine Krankheit, die ich übrigens für eine Erfindung halte. Direkt werben darf sie in Deutschland nicht für ihr Präparat. Das ist hier zum Glück verboten, da das Mittel verschreibungspflichtig ist.

Worauf wollen Sie hinaus?

Da ich weiß, wie Studien zu Psychopharmaka zustande kommen, kann ich nur sagen Vorsicht. Geht mit euren Kindern Fußball spielen oder Schlittschuh laufen, lasst den Fernseher aus und macht bitte nicht den Taxifahrer für sie. Etwa morgens direkt vor der Schule absetzen.

Gibt es Studien, die zeigen, dass sogenannte ADHS-Kinder dann besser klar kommen?

Schön wär's. Aber wer soll die bezahlen? Pharmafirmen?

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Toll, nicht!! :frust:
Jetzt wissen wir es erneut..
Gruss Markus

Re: Pharma-Manager: "Ich habe Menschen bestochen"

Verfasst: 19.10.2008 10:09
von Oliver
Solche Leute ekeln mich an ... und da gibt's leider sehr viele von :(

Re: Pharma-Manager: "Ich habe Menschen bestochen"

Verfasst: 30.10.2008 12:41
von Blancanieves

Re: Pharma-Manager: "Ich habe Menschen bestochen"

Verfasst: 29.11.2008 20:17
von Xandir
Oliver hat geschrieben:Solche Leute ekeln mich an ... und da glbt's leider sehr viele von :(
Mich ekelt er nicht an. Im Gegenteil: Er hat meinen Respekt. Er hat eine schlimmen Fehler gemacht, aber er steht heute dazu. Er hat damit aufgehört ujn d er redet darüber, obwohl er sich damit selbst anschuldigt. Solche Leute gibt es leider viel zu wenige.

Ich nehme Fluoxetin, habe bis jetzt noch keine dieser Nebenwirkungen... aber es ist gut Bescheid zu wissen, falls sie Mal auftreten sollten.

Re: Pharma-Manager: "Ich habe Menschen bestochen"

Verfasst: 30.11.2008 11:12
von Marsupilami
Das fällt dem Typen früh ein. Leute wie er tragen schließlich dazu bei, dass Menchen mit Mitteln gefüttert werden, für deren Verwendung es keinerlei wissenschaftliche Grundlage gibt und die massiven Schaden anrichten, der sich -wie wir jetzt wissen- noch nichtmal damit relativieren lässt, dass ein entsprechnder Nutzen gegenübersteht. Außerdem unterbindet diese Lüge, dass hilfreiche psychotherapeutische Verfahren erforscht werden, der Grundsatz, dass die Medizin dafür sorgen muss, dass alle möglichen Hilfen erforscht und zur Verfügung gestellt werden, wird völlig konterkariert. Jeder wird genötigt, diese Pillen zu schlucken, die 3 Psychotherapien, die man mal alle 2 Jahre kriegt, kann man auch vergessen, es ist doch ein einziger Skandal, wie wir belogen und kaltgestellt werden und dass solche Menschenversuche an uns gemacht werden, als ob wir Laborratten sind. Es müsste endlich mal so sein, dass diese Pillen die letzte Wahl wären in einer Reihe anderer Therapien (die es aber eben auch geben müsste) und dass man den Leuten sagen würde, dass sie Versuchskarnickel sind und mit wenig Wirkung aber vielen Gefahren zu rechnen haben. Diese Meinungsmache hat ja dazu geführt, dass alle anderen therapeutischen Optionen nahezu gegen null runtergefahren sind. Die Leute, denen das Zeug nicht hilft, die dürfen ihr Leben in der Hölle verbringen (und ein Leben mit chronischer Depression, da ist jeder einzelne Tag die Hölle auf Erden). Für solche Leute wünsche ich mir, dass es ein Fegefeuer gibt...

Re: Pharma-Manager: "Ich habe Menschen bestochen"

Verfasst: 30.11.2008 14:02
von Oliver
Moin.
Er hat eine schlimmen Fehler gemacht, aber er steht heute dazu.
Wenn man sich dreißig Jahre lang mit einer solchen Tätigkeit (quasi über Leichen und zerstörte Leben gehend) bereichert, dann ist das kein schlimmer Fehler, sondern ein schlimmes Leben. Ein Fehler wäre es gewesen, wenn er es ein paar Monate mitgemacht hätte, der Sache dann den Rücken gekehrt hätte und an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Dann hätte er meinen Respekt! dann hätte er seine Karriere auf's Spiel gesetzt. So hatte er eine Karriere als Drogenpuscher und jetzt will er eine neue Karriere als geläuterter, reuesuchender Sünder anfangen und damit wahrscheinlich Bücher verkaufen oder bei Talkshows absahnen. Das ekelt mich sogar noch mehr an. Ich hoffe er erhält seine gerechte Strafe - auf was für einem Weg auch immer.

Grüße
Oliver

Re: Pharma-Manager: "Ich habe Menschen bestochen"

Verfasst: 02.04.2015 16:38
von Oliver
Ich find's immer noch krass, dass es 35 Jahre und den Tod seiner eigenen Tochter gebraucht hat, bis er die Seiten gewechselt hat, aber jetzt kämpft er halt gegen Big Pharma - vielleicht sollte man das dann doch unter der Rubrik, besser spät als nie ablegen? Die Aussagen eines solchen Insiders sollten ja eigentlich auch großes Gewicht haben, aber gegen eine der best finanzierten Marketingabteilungen des Planeten kommt man halt nicht so leicht an.

Er ist heute hier aktiv und hat natürlich auch ein Buch zum Thema geschrieben http://pharmainsider.de/

@John Virapen - möchten Sie uns vielleicht ein paar kostenlose Kopien Ihres Buches überlassen, um unsere Arbeit hier zu unterstützen?

Alles Gute
Oliver

Re: Pharma-Manager: "Ich habe Menschen bestochen"

Verfasst: 14.07.2015 18:53
von haschel
Außerdem....er sagt doch NICHTS Neues. Sich jetzt über dieses Thema erneut zu profilieren....unmöglich, zum K :censored: .

Haschel grüßt