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Permanente Schädigung durch Entzug? Baylissa antwortet: Nein!

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padma
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Permanente Schädigung durch Entzug? Baylissa antwortet: Nein!

Beitrag von padma »

Edit: Dieser Text wurde von Lena mit freundlicher Genehmigung von Baylissa übersetzt.
Herzlichen Dank dafür,
padma für das ADFD Team


Gibt es permanente Schäden, gibt es permanenten Entzug?

Derzeit dürfte ein Video/eine Videodokumentation im Internet kursieren über einen Betroffenen, der einen angeblich "permanenten Schaden von Psychopharmaka" davongetragen hat.
Ich selbst kenne das Video nicht, und wenn ich es kennen würde, würde ich es hier aus Sicherheitsgründen nicht verlinken (wir müssen uns schließlich schützen).
Aber Baylissa hat viele (panische) Anfragen dazu bekommen, und sie hat darauf mit einer Videobotschaft reagiert, die ich im Folgenden transkribiert und übersetzt habe.
Das Video selber ist in ihrer Facebookgruppe und somit wohl nur für Mitglieder ihrer Betreuung sichtbar, sonst hätte ich es verlinkt.


Kurz zu V. Baylissa Frederick, wer sie nicht kennt: Lizensierte Psychotherapeutin, lebt in Großbritannien, Master in Therapeutic Counselling. Sie war selber von Benzodiazepin-Entzug betroffen und betreut seither unter anderem Menschen im Benzo- und Antidepressiva-Entzug.

______________________

Diese Videobotschaft ist eine Reaktion auf das Video, das im Moment kursiert und in dem behauptet wird, es gäbe permanente Schäden nach Psychopharmaka-Nutzung.
Erstens gibt es einen Unterschied zwischen „langanhaltend“ und „permanent“. Für Prof Heather Ashton und ihre Klinik gelten 6-18 Monate als normaler Zeitraum eines Entzugs. Protrahierter Entzug ist es also, wenn man über diesen Zeitrahmen kommt, ob das 2, 3 oder 5 Jahre sind, egal. Und in diesem Zeitraum wird dann schnell mal gesagt „das ist nun permanent, weil es schon so lange anhält“. Ob man in diesem fraglichen Video jemanden begleitet hat über diesen Zeitraum, um sicherzustellen, dass es wirklich nicht besser wird, weiß ich nicht.

Ich weiß, dass Prof Lader in einem Interview gesagt hat, dass es manchmal Menschen gibt, die nach 4 oder 5 Jahren (nach Beendigung aller Medikamente) kommen und berichten, dass eins der Symptome noch vorhanden ist. Das heißt aber nicht, dass es diesen Menschen nach 3 oder 5 Jahren noch so geht wie euch, die ihr jetzt noch im akuten Entzug seid und furchtbar leidet! Es wird mit der Zeit besser und leichter, auch wenn einzelne Symptome in einzelnen Fällen lange anhalten können.
Ich kenne keinen einzigen Menschen, der im Status des brutalen akuten Entzugs stehen geblieben ist ohne Verbesserungen!

Ich mache diese Arbeit nun seit 2006. Prof Heather Ashton hat mir immer versichert: Baylissa, JEDER heilt, das ist gar keine Frage. Wir müssen dem einfach ZEIT geben.
Manche Leute haben diese Medikamente jahrzehntelang eingenommen, oder ihnen wurden die Substanzen brutal entzogen, und es gibt verschiedene Variablen, die berücksichtigt werden müssen, wenn der Entzug protrahiert ist. Aber das entspricht nicht einem „permanentem Schaden“.
Aus meiner Erfahrung sage ich euch, dass niemand, mit dem ich gearbeitet habe oder den ich unterstützt habe – seit 2006, damals hatte ich auch Leute, die seit 2003, 2004 im Entzug waren – zurückgekommen ist und gesagt hat: Ich bin nicht geheilt. Alle heilten!

Meine Theorie ist: Wenn Menschen permanent geschädigt sein WÜRDEN durch diese Medikamente – diese Art von Medikamenten gibt es nun schon seit 60 Jahren plus – hätten wir definitiv sehr viel mehr Menschen im Internet, die sagen würden: Das ist ein großes Problem, ich bin immer noch im Entzug 20 Jahre nach Null, 25 Jahre oder 15, 10 Jahre nach Null. Das ist aber nicht so.

Als ich meine Arbeit begonnen habe, hat Prof Heather Ashton mich gecoacht. Ich konnte sie jederzeit anrufen, wir haben oft zwei Mal die Woche telefoniert, ich habe sie wegen allem gefragt, was mir untergekommen ist, und wir haben uns auch privat gut verstanden. Wir waren sehr gute Freunde [Prof Ashton ist am 15. September 2019 im Alter von 90 Jahren verstorben, Anm. von Lena].
Ich habe sie so oft gefragt, ob ich Leute nicht täusche oder in die Irre führe, wenn ich ihnen versichere, dass sie wieder gesund werden, aber sie hat mir immer bestätigt: Nein, Baylissa, Entzug ist zeitlich begrenzt, jeder heilt. Ich fragte immer wieder: Bist du dir wirklich sicher? Und sie sagte: Ja, ich mache diese Arbeit schon eine so lange Zeit, schon viele Jahrzehnte, ich bin mir sicher: jeder wird gesund.
Darum glaube ich nicht an diese Sache mit dem permanenten Schaden.
Es könnte höchstens sein, dass es Leute gibt mit einem speziellen Symptom wie Tinnitus oder Spasmen zum Beispiel, was nicht mehr verschwindet [es könnte sein, dass Baylissa hier von Symptomen spricht, die schon vor dem Entzug vorhanden waren wie ihre eigene Muskelerkrankung mit den Spasmen, Anm. von Lena].

Aber auch wenn ich kein Arzt bin und keinen „wissenschaftlichen“ Hintergrund habe, mich selbst nicht mal als Expertin beschreiben würde, kann ich nicht zustimmen, dass es permanenten Schaden gibt.
Denn was ich habe, sind anekdotische Beweise [= Fallberichte]. Ich habe vermutlich mehr anekdotische Beweise als die meisten anderen Leute, da ich von jeher eine große Internetpräsenz hatte.
Bevor ich meine gesammelten Hilfsangebote entwickelt habe, habe ich meine ersten Klienten den gesamten Tag persönlich betreut, per Telefon oder E-Mail, teils sogar nachts. Wenn meine damalige „Benzowise“-Webseite nicht gehackt worden und viel Information verloren gegangen wäre, hätte ich noch sehr viel mehr großartige Beweise in Form von Fallberichten, dass die Menschen alle heilen. Aber viele von ihnen haben wieder Kontakt zu mir aufgenommen, viele kenne ich heute noch. Ihnen geht es nach wie vor wunderbar, sie haben ihr Leben wieder aufgenommen, haben geheiratet, Kinder bekommen, Urlaube gemacht, genießen das Leben.

Ich weiß also nichts von permanentem Schaden. Ich weiß nur, dass ich mit dem Herrn, der dieses Video gemacht hat, auch einmal Kontakt hatte (ich habe zum Glück nach Ende meines eigenen Entzugs wieder das Gedächtnis eines Elefanten :D ), und ich dachte nun, oh, was er im Video vergessen hat zu erwähnen, ist, dass er noch auf Pregabalin oder Gabapentin (eins von beiden) ist.
Ich will nicht sagen, dass er unehrlich ist oder absichtlich täuschen will, aber die Menschen denken manchmal, dass es nur das EINE Medikament ist, das Schaden oder Nebenwirkungen anrichtet oder Symptome hervorbringt, wie bei ihm das Benzo oder bei anderen das Antidepressivum.
Sie denken einfach nicht daran, dass das auch die anderen Medikamente verursachen können.
Ich erinnere mich lebhaft, dass ich ihm eine Nachricht geschrieben habe, wo ich gesagt habe:
Bitte denk daran, du wirst dich vermutlich nicht 100% geheilt fühlen, bis du nicht von allen Medikamenten völlig weg bist.
Er war nie ein Klient von mir, ich breche hier also nicht meine Geheimhaltungspflicht, aber das ist es, woran ich mich erinnere.

Die andere Sache, an die ich euch erinnern wollte: Die Betroffenen verbreiten oft absichtlich solche Worst-Case-Horror-Szenarien. Sie wollen damit Aufmerksamkeit erwecken, auch mit dem Wunsch dahinter, dass endlich die Ärzte, Einrichtungen, Beratungsstellen anerkennen, dass es Entzug gibt und dass Menschen angemessene Hilfe erhalten.
Sie wollen diesen Schockmoment erzeugen mit ihren Storys, ob das Filme, Interneteinträge, Artikel oder Bücher sind.
Und auch wenn ihr Ziel ein anderes ist, nämlich die Dringlichkeit dieser Situation zu zeigen, flippen die Betroffenen, die sich gerade in der Heilung befinden, natürlich aus, wenn sie so etwas hören.
Aber das hat nichts damit zu tun, dass ihr nicht heilen werdet – ihr werdet heilen :) Ihr heilt sogar gerade jetzt. Du bist nicht permanent geschädigt!
Wie bei jedem anderen werden die Veränderungen in deinem Gehirn, die die Medikamente verursacht haben, wieder rückgängig gemacht werden. Deine Rezeptoren werden sich wieder hinaufregulieren, und alles wird wieder normal werden.

Es ist nicht so, wie wenn man Krebs hat und die Chance besteht, dass man es nicht schafft. Im Entzug schafft es JEDER. Die Einzigen, die es nicht schaffen, sind traurigerweise die Menschen, die denken, sie könnten das nicht bewältigen und sich vorzeitig entscheiden, zu „gehen“.
Wenn du atmest, wirst du heilen!
Du musst den Prozess nicht verstehen! Du musst die ganze Sache nicht in der Hand haben und leiten oder manipulieren! Alles, was du tun musst, ist, auf dich selbst aufzupassen. Okay? Du bist gut zu dir, und das ist ALLES.
Tue nicht die Dinge, wo man weiß, dass sie den Prozess beeinflussen können! Du weißt schon, Marihuana, Alkohol, Kaffee – pass gut auf deinen heilenden Körper auf!
Pass aber auch auf deinen Geist auf, womit du ihn fütterst. Nimm dir also Auszeiten vom Internet, lenke dich ab, halte dir die Erfolgsgeschichten vor Augen und nicht die Horrorstorys, die kursieren.

Manche Leute fragen, warum sehen wir nicht, dass Menschen wirklich heilen? Wo sind die vielen Storys? Menschen heilen! Ich habe ein anderes Video darüber gemacht, wo ich erzähle, dass viele Leute Angst haben, zu schnell zu sagen, dass sie nun wirklich gesund sind, weil sie Angst haben, es kommt doch noch eine Welle. Wenn sie dann letztgültig realisieren, dass sie geheilt sind, sind sie schon längst weg aus diesen Communities, sie sind sehr beschäftigt mit ihrem Leben, genießen ihr Leben und wollen Wörter wie „Benzodiazepine“ oder „Antidepressiva“ gar nicht mehr hören.
Das passiert so in den meisten Fällen, die ich kenne. Selbst wenn ich nach einer Erfolgsgeschichte frage, können sich viele nicht mehr überwinden, diese zu Papier zu bringen, weil sie sich damit in diese schreckliche Zeit zurückversetzen müssten.*

Was permanenten Entzug angeht – ich warte immer noch. Keiner ist je zurückgekommen, um mir zu sagen, dass er permanent geschädigt ist ;-) Ich habe oft gescherzt, wenn das so wäre, würde ich mich in Trinidad in einem Hinterzimmer bei meinen Verwandten verstecken müssen, weil es bestimmt jemanden gäbe, der mir an die Gurgel will :D

Bitte, bitte, flippt nicht aus. Ihr werdet sehen, dass es euch besser gehen wird und dass ihr heilt.
Deine Heilung wird weitergehen bis zu dem Tag, wenn die Symptome verschwinden. Sie werden nicht alle auf einmal und sofort gehen, aber mit der Zeit. Und das Leben wird wieder wundervoll sein, du wirst dich unbesiegbar fühlen, und es wird so vieles zu feiern geben!
Also denkt bitte an Heilung, nicht an permanente Schädigung :-)


* Diesen Satz habe ich aus dem von ihr angesprochenen anderen Video, ich habe ihn aber zwecks Information für euch hier passend eingefügt!
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