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Machen Antidepressiva abhängig? Prof. Voderholzer positioniert sich PRO dieser Aussage

Eine Sammlung von Artikeln, die über wissenschaftliche, politische und wirtschaftliche Hintergründe der Behandlung von seelischen Leiden mit Psychopharmaka berichten.
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Murmeline
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Psychiater Ulrich Voderholzer über Antidepressiva

Beitrag von Murmeline » Mittwoch, 04.01.17, 14:46

Antidepressiva: Wie viel ist zu viel?
Antidepressiva zählen zu den Psychopharmaka, die weltweit am häufigsten verschrieben werden. Warum? Ein Blick auf die Gründe, die Vorteile und ungeahnte Nachteile.

Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck


Den Artikel bewerte ich auch gemischt, aber es sind viele gute Ansätze drin:
Die Betroffenen sind nicht ausreichend aufgeklärt!

Viele Nebenwirkungen der häufig verordneten Antidepressiva, wie zum Beispiel Übelkeit, sind vergleichsweise harmlos und klingen meist nach einigen Wochen ab. Bei längerfristiger Einnahme über Monate und Jahre sind oft Nebenwirkungen relevant. Dazu gehören eine Verminderung des sexuellen Interesses oder sexuelle Funktionsstörungen, häufiges, insbesondere nächtliches Schwitzen und auch Gewichtszunahme, die manchmal auch ein erhebliches Ausmaß annehmen kann. Auch eine Einschränkung des emotionalen Erlebens kann auftreten („emotional blunting“). Die Erfahrung zeigt, dass vielen der betroffenen Patienten der Zusammenhang zwischen der Einnahme des Medikamentes und diesen Wirkungen gar nicht bekannt oder bewusst ist und auch nicht besprochen wurde, als über die Einnahme des Medikamentes entschieden wurde.

Dies ist insofern kritisch, als Antidepressiva nach längerer Einnahme nicht problemlos abgesetzt werden können, sondern Absetzerscheinungen verursachen (3). Nach jahrelanger Einnahme kann es sogar sehr schwierig werden, Antidepressiva wieder abzusetzen. Diese Absetz-Phänomene wurden erst in den letzten Jahren intensiver in das Blickfeld der Forscher genommen. Hier fehlen aber noch wissenschaftliche Untersuchungen. Es ist zu prüfen, inwieweit nach jahrelanger Antidepressivatherapie Anpassungsvorgänge im zentralen Nervensystem erfolgen. Denn diese könnten das Absetzen besonders schwierig gestalten. Und sie könnten eventuell sogar das Risiko erhöhen, erneut zu erkranken. Diese Unsicherheit über eventuell ungünstige Langzeitwirkungen soll auf jeden Fall ermahnen, auch alternative Möglichkeiten der Therapie, insbesondere Psychotherapie, noch stärker in der Erstbehandlung psychischer Erkrankungen anzuwenden.
Kritikpunkt 3: Der Patient entscheidet nicht mit

In der Leitlinie Depression wird auch betont, dass die Entscheidung für ein Therapieverfahren gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden muss. Man spricht von „Partizipativer Entscheidungsfindung“. Dies erscheint im ersten Moment als eine Selbstverständlichkeit. De facto ist es jedoch meist eine Entscheidung des Behandlers, dem der Patient vertrauen wird. Um wirklich gemeinsam eine Entscheidung treffen zu können, bedarf es nämlich ausführlicher Informationen des Patienten, die schon allein aufgrund der begrenzten Gesprächszeit, insbesondere beim Hausarzt, gar nicht möglich ist.

Auf die Bedeutung der gemeinsamen Entscheidungsfindung in der Praxis weist eindrucksvoll eine Befragung unter Ärzten zur Untersuchung zum Verordnungsverhalten von Antidepressiva hin. Die Ärzte wurden befragt, wie sie bei einem typischen Depressionsfall handeln würden und wie sie handeln würden, wenn sie selbst betroffen wären. Während bei einem typischen Depressionsfall 80 Prozent ein Antidepressivum verordnen würden, wollten nur weniger als 40 Prozent selbst ein Antidepressivum einnehmen, wenn sie betroffen wären (2). Dabei ist es ja eine Maxime ärztlichen Handelns darin besteht, dem Patienten die Behandlung zu empfehlen, die man auch bei sich selbst anwenden würde. Hier deutet sich schon an, dass Antidepressiva häufiger verordnet werden, als es der Überzeugung der Behandler entspricht.
https://www.psychosomatik-online.de/wer ... a-gegeben/

PS: Man kann den Artikel kommentieren - wer sich also einbrinen will, kann dort etwas zu seinen Absetzproblematik schreiben! So etwas ist wichtig, damit sowohl Autor als auch Leser sensibilisiert werden.

Murmeline
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Re: Psychiater Ulrich Voderholzer über Antidepressiva

Beitrag von Murmeline » Donnerstag, 05.01.17, 9:18

Therapie oder Tablette?
Psychotherapie oder Antidepressiva - bei der Wahl der Behandlungsart stellt sich immer wieder diese Frage. Auf der Suche nach einer befriedigenden Antwort.
Ulrich Voderholzer
Quelle: https://www.psychosomatik-online.de/psy ... epressiva/
Antidepressiva: keine Langzeitwirkungen über das Ende der Therapie hinaus

Betrachtet man die Wirksamkeit von pharmakologischer Behandlung, so zeigt sich beispielsweise bei Antidepressiva ein rascherer Wirkeintritt nach Einnahmebeginn im Vergleich zur Psychotherapie. Dieser Vorteil gleicht sich im Zeitverlauf an. Auch muss beachtet werden, dass die Wirkung von Antidepressiva nicht über die Einnahmezeit hinaus anhält. Vielmehr gibt es aktuelle Befunde, die darauf hinweisen, dass nach Absetzen von Antidepressiva Reboundeffekte eintreten können, die das Absetzen erschweren. Die Vulnerabilität für depressive Rückfälle nach Absetzen der medikamentösen Behandlung ist möglicherweise sogar erhöht. Psychotherapeutische Verfahren haben im Vergleich einen etwas verzögerten Wirkeintritt, dafür aber einen nachhaltigeren Effekt (carry-over-Effekt).

Psychotherapie braucht Zeit

Ziele und Inhalte von Psychotherapie sind neben der reinen Symptomreduktion auch eine Ressourcenaktivierung des Patienten. Patienten erlernen mit Hilfe einer Psychotherapie Strategien und Fertigkeiten, die sie über Beendigung der Therapie hinaus anwendbar sind. Dazu gehören funktionale Konflikt- und Problemlösefähigkeiten, Bewältigungsstrategien für schwierige Lebenssituationen und Möglichkeiten der Emotionsregulation. Patienten machen während einer Psychotherapie nachhaltige Selbstwirksamkeitserfahrungen. Diese wirken sich positiv auf die Bewältigung zukünftiger Situationen aus. Selbst nach Beendigung einer Psychotherapie können Patienten somit in der Lage sein, auf Belastungen funktional zu reagieren. Diese im Rahmen einer Psychotherapie erfolgten Lernprozesse benötigen Zeit. Danach weisen sie im Vergleich zu pharmakologischer Behandlung eine längere Wirklatenz auf (siehe Abbildung 1). Sie schlagen sich nachhaltig messbar auch neurobiologisch in verstärkter Aktivierung bestimmter Hirnareale nieder.
Abbildung1-Psychotherapie-oder-Antidepressiva.jpg

Murmeline
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Re: Psychiater Ulrich Voderholzer über Antidepressiva

Beitrag von Murmeline » Freitag, 13.01.17, 10:46

Erfreuliche Statement aus den Kommentaren von Prof. Voderholzer unter dem Artikel.
Wie Sie richtig schreiben, muss zu recht diskutiert werden, anstelle des etwas beschönigenden Begriffs „Absetzerscheinungen“ den Begriff „Entzugserscheinungen“ zu verwenden, wie es Herr Fava in seinem Artikel Ende 2015 auch vorgeschlagen hat. Allerdings gibt es noch zu wenig Forschung auf diesem Gebiet.
(...) dennoch gebe ich Ihnen absolut recht, dass die Absetzphänomene aufgrund körperlicher Gewöhnungsprozesse hervorgerufen werden, d.h., dass sich der Körper, insbesondere das ZNS an die Substanzen anpasst und gegenreguliert und diese Gegenregulation nach Wegfall der Wirkung der Antidepressiva vermutlich die Symptome verursacht.
Ich gebe Ihnen auch völlig recht, dass Menschen die Antidepressiva – vor allem nach jahrelanger Anwendung – nur sehr schwer absetzen können und oft nicht das Verständnis und die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Auf die Problematik ist bisher zu wenig Aufmerksamkeit gerichtet worden, aber derzeit ändert sich das ganz rapide und ich sichere Ihnen zu, in meinen Vorträgen die Zuhörer für das Thema zu sensibilisieren!
Ich gebe Ihnen recht, dass mit dem Thema differenzierter und ehrlicher umgegangen werden muss. Es ist aus heutiger Sicht in Frage zu stellen, dass Antidepressiva keine Abhängigkeit erzeugen, da es eben Adaptationsprozesse im ZNS gibt, die Absetzerscheinungen hervorrufen und evtl. sogar das Risiko, wieder an einer Depression zu erkranken, erhöhen könnten. Aber es gibt noch zu wenig Forschung dazu.
Es ist dringend erforderlich, dass dazu künftig mehr geforscht wird. Ich gebe Ihnen aber absolut recht, dass es nach den neuesten Erkenntnissen nicht gerechtfertigt ist, einfach zu sagen: Antidepressiva machen nicht abhängig.
https://www.psychosomatik-online.de/wer ... a-gegeben/
Erfahrung mit Psychopharmaka (Citalopram, langjährig Venlafaxin und kurzzeitig Quetiapin), seit Sommer 2012 abgesetzt
Hinweis: Das Team sorgt für die Rahmenbedingungen im Forum und organisiert den Austausch. Ansonsten sind wir selbst Betroffene und geben vor allem Erfahrungswerte weiter, die sich aus unserer eigenen Geschichte und aus Erfahrungen anderer ergeben haben.

Dein Behandler nimmt Absetzproblematik nicht ernst? Das geht anderen auch so, siehe hier
Einer Deiner Ärzte erkennt Probleme mit Psychopharmaka an? Dann berichte doch hier

Murmeline
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Machen Antidepressiva abhängig? Prof. Voderholzer positioniert sich PRO dieser Aussage

Beitrag von Murmeline » Freitag, 23.11.18, 10:16

Hier ein Ausschnitt des Artikels (Psychiatrische Praxis, Ausgabe 07 · Volume 45 · Oktober 2018)
https://www.thieme-connect.de/media/psy ... 4241-1.jpg
hier kann man den Volltext erwerben: https://www.thieme-connect.de/products/ ... -008-41629
bzw. findet er sich hier:
https://www.thieme-connect.de/products/ ... -0723-4241

Auszug:
„Die Fragestellung, ob Antidepressiva abhängig machen, ist von großer Bedeutung, da eine Abhängigkeit von einem Medikament die weitere Einnahme auch ohne entsprechende Indikation oder Nutzen für den Betroffenen zur Folge haben kann.“

„Metaanalysen zu Absetzphänomenen nach verschiedenen neueren Antidepressiva zeigten, dass Absetzphänomene sehr häufig auftreten und nicht nur auf einen 14-tägigen Zeitraum nach dem Absetzen beschränkt sind, sondern bis zu einem Jahr persistieren können.“

„Was mich als Wissenschaftler und Kliniker persönlich am meisten erstaunt, ist, dass es nach meiner Kenntnis trotz 60- jähriger Historie mit Antidepressiva, einer Vielzahl unterschiedlicher Substanzen und einer immensen Zahl von Studien über kurze Zeiträume keine einzige größere randomisierte, kontrollierte Studie gibt, die den Versuch unternommen hat, mögliche Absetz- und Rebound-Effekte an einer klinischen Population über einen längeren Zeitraum zu untersuchen.“

"Persönlich vermute ich, dass die meisten Psychiater eine gewisse Ahnung eines potenziellen Abhängigkeitsrisikos haben, denn anders wäre nicht erklärbar, warum Psychiater nach einer Untersuchung von Mendel und Kollegen [7] zwar einen Patienten mit schwerer depressiver Episode in der Regel ein Antidepressivum empfehlen würden, aber nur 40% der Kollegen es selbst einnehmen würden, wenn sie von der identischen Symptomatik betroffen wären."
Erfahrung mit Psychopharmaka (Citalopram, langjährig Venlafaxin und kurzzeitig Quetiapin), seit Sommer 2012 abgesetzt
Hinweis: Das Team sorgt für die Rahmenbedingungen im Forum und organisiert den Austausch. Ansonsten sind wir selbst Betroffene und geben vor allem Erfahrungswerte weiter, die sich aus unserer eigenen Geschichte und aus Erfahrungen anderer ergeben haben.

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