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Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken eines Antidepressiva-Entzugs gewarnt werden sollten

Eine Sammlung von Artikeln, die über wissenschaftliche, politische und wirtschaftliche Hintergründe der Behandlung von seelischen Leiden mit Psychopharmaka berichten.
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LenaLena
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Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken eines Antidepressiva-Entzugs gewarnt werden sollten

Beitrag von LenaLena »

Im Folgenden habe ich einen Artikel aus dem schottischen "Herald" übersetzt, der vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde.


Kleiner Disclaimer/Triggerwarnung:
Im Text werden eventuelle "permamente Schäden" erwähnt. Natürlich wissen wir von PSSD (SSRI-bedingte sexuelle Dysfunktion), was in manchen Fällen permament sein kann, aber führende Experten wie Baylissa sagen sehr deutlich, dass es kaum permanente Schäden gibt, auch wenn einige Schäden sehr lange brauchen, um zu heilen
(Wenn nun jemand z.B. nach 3 Jahren denkt, der Schaden sei permanent, der Schaden aber eben erst nach 5 oder sogar mehr Jahren heilt, entstehen solche Annahmen).
Also bitte nicht ausflippen ;-)




Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken eines Antidepressiva-Entzugs gewarnt werden sollten


30. Mai 2019

Patienten, denen Antidepressiva verschrieben wurden, sollten vor der Möglichkeit von „schweren und lang anhaltenden Entzugssymptomen“ gewarnt werden, sagen Psychiater nun.

Die überarbeitete Anleitung, die heute vom Royal College of Psychiatrists (Medizinischer Verband, der Psychiater unterstützt und Standards in der Psychiatrie festlegt, Anm. d. Ü.) herausgegeben wurde, markiert einen wichtigen Wendepunkt in der offiziellen Beratung in Bezug auf Antidepressiva.

Hinweis Murmeline: das positionspapier ist hier:
https://www.rcpsych.ac.uk/docs/default- ... ddea9473_5

Zuvor bestand das College darauf, dass die Nebenwirkungen des Absetzens von Antidepressiva "normalerweise mild und selbstlimitierend" seien und etwa eine Woche andauerten.

Dies wurde jedoch zunehmend von Aktivisten, Forschern, Patientengruppen und parlamentarischen Untersuchungen in Holyrood, Westminster und der walisischen Versammlung in Frage gestellt, die Beweise von Tausenden von Antidepressiva-Konsumenten gesammelt haben, die lang anhaltende oder sogar dauerhafte Schäden erlitten haben, nachdem sie Antidepressiva abgesetzt hatten.

Viele Patienten gaben an, es so schwierig zu finden, mit den Nebenwirkungen des Absetzens umzugehen - wie Halluzinationen, Brain Zaps (elektrische Stromschläge im Kopf), Schwindel, Übelkeit und Schlaflosigkeit - dass sie die Antidepressiva wieder einnehmen mussten – auf unbestimmte Zeit.

Heute sagte das Royal College, es sei "immer offensichtlicher", dass einige Patienten unter schwereren Symptomen leiden können.

Ein veröffentlichter Bericht des Royal Colleges besagt, dass der Einsatz der Medikamente "durch ein Gespräch mit dem Patienten gestützt werden müsse ... über das potenzielle Ausmaß von Nutzen und Schaden, einschließlich Entzug".

Des Weiteren hieß es: „In den Leitlinien und Patienteninformationen des NICE (National Institute of Clinical Excellence [sic!]*; Einrichtung des britischen Gesundheitsamtes, Anm. d. Ü.) sollte das Potenzial für schwere und lang anhaltende Entzugssymptome bei einigen Menschen auf Antidepressiva sowie nach dem Absetzen stärker anerkannt werden.“

Die Präsidentin von RCPsych, Professor Wendy Burn, sagte, sie hoffe, dass sich ihre Position in den neuen Richtlinien von NICE widerspiegeln würde, die zuletzt im Jahr 2009 herausgegeben worden sind.

Änderungen der offiziellen Leitlinien würden auch in Schottland verabschiedet werden.

Prof. Burn sagte: „Wir wissen, dass das NICE an der Aktualisierung seiner Leitlinien arbeitet und möchten, dass diese besser mit dem übereinstimmen, was wir von einigen Patienten – und Allgemeinärzten – über die Erfahrungen mit dem Absetzen von Antidepressiva hören.
Als Psychiater sind wir verpflichtet, die Bedenken von Patienten zu berücksichtigen, bei denen schwerwiegende und lang anhaltende Nebenwirkungen dieser Medikamente aufgetreten sind.“

Sie fügte hinzu: „Antidepressiva können bei der Behandlung mittelschwerer bis schwerer Depressionen sehr wirksam sein, insbesondere in Kombination mit Gesprächstherapien. Wir möchten Richtlinien haben, die ihre Anwendung am besten unterstützen.“

Dr. James Davies vom Rat für evidenzbasierte Psychiatrie (CEP) sagte: „Wir begrüßen diese Änderungen in den Richtlinien, die, wenn sie umgesetzt werden, dazu beitragen werden, den Schaden zu verringern, der bei einer großen Anzahl von Patienten durch Überverschreibung, unzureichende Ausbildung von Ärzten und den oftmals katastrophalen Umgang mit Entzug verursacht worden ist.
Der CEP fordert das Royal College auf, diese Forderungen umzusetzen und sicherzustellen, dass insbesondere die Leitlinien des NICE auf den neuesten Stand gebracht werden, um den neuesten Erkenntnissen Rechnung zu tragen.“

Dr. Davies sagte, er hoffe, dass die Regierung auch auf die "dringende Notwendigkeit von Entzugsunterstützungs-Diensten, einschließlich einer nationalen 24-Stunden-Hotline" für Patienten, die mit der Abhängigkeit von verschreibungspflichtigen Medikamenten kämpfen, reagieren werde.

Die BMA (British Medical Association; Britischer Medizinerverband, Anm. d. Ü.) - einschließlich der BMA Schottland - drängt ebenfalls darauf, eine nationale Hotline einzurichten.

Professor John Read, ein Experte für klinische Psychologie an der University of East London, der den Entzug erforscht hat, begrüßte die Erklärung des Colleges.

Er sagte: „Es scheint, dass die Bagatellisierung dieses Themas endlich vorbei ist. [Royal College-] Mitglieder, die die Forschung über ihre persönlichen Meinungen stellen und das Gemeinwohl vor die Interessen der Pharmaindustrie, haben sich anscheinend durchgesetzt.
Diese dramatische Kehrtwende des Royal Colleges könnte einen ersten Schritt auf dem Weg zur Wiedererlangung des Respekts der Wissenschaftler auf diesem Gebiet darstellen, der durch die Entfernung von Personen, die von einem Pharmaunternehmen gesponsert werden, aus ihren leitenden Verantwortungspositionen noch beschleunigt werden würde.“

*)Vermutlich eher korrekt: National Institute for Health and Care Excellence

Original-Quelle: https://www.heraldscotland.com/news/176 ... FwEHUPN8w
Zuletzt geändert von Murmeline am 14.06.2019 10:11, insgesamt 3-mal geändert.
Grund: Positionspapier eingefügt
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Smilla
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Re: Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken von Antidepressiva-Entzug gewarnt werden sollen

Beitrag von Smilla »

Hallo.

Das ist super! Ein wirklicher Fortschritt.

Für Benzos sollten die Warnungen noch intensiviert werden, mit dem deutlichen Hinweis darauf, dass eine eintretende Abhängigkeit bei längerem Gebrauch praktisch unausweichlich ist. Und ein Überarbeiten der Abgaberegeln wäre auch notwendig.

Grüße, Smilla
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LenaLena
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Re: Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken von Antidepressiva-Entzug gewarnt werden sollen

Beitrag von LenaLena »

Hallo Smilla,

ja, unzweifelhaft sind bei Benzos sowie bei NL auch Nachbesserungen notwendig! Gar keine Frage.
Nicht nur im Beipackzettel (wo es bei Benzos immerhin schon Zugeständnisse gibt), sondern im Bewusstsein der Ärzte und somit im Patientengespräch!!

Ich denke allerdings, das wird dann nachkommen, wenn sich diese neuen Leitlinien durchsetzen (der Himmel weiß allerdings, wie lange es dauert, bis es das von Großbritannien zu uns herüber schafft).

Erstmal ist das ein guter Schritt und ein wirklicher Fortschritt ... aber es ist noch Luft nach oben. Denn die an mehreren Stellen eingebrachten Hinweise, dass diese starken und schweren Entzüge (sprich: länger als eine milde Woche...) nur bei MANCHEN/EINIGEN Personen auftreten, wage ich ganz ganz stark zu bezweifeln 8-)

LG :)
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Quietscheentchen
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Re: Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken eines Antidepressiva-Entzugs gewarnt werden sollten

Beitrag von Quietscheentchen »

Wenn ich mir anschauen, wie sich Wendy Burn auf twitter verhält, glaube ich nicht, dass diese Kehrtwende von Dauer sein wird. Sie war wohl für die Verantwortlichen ein notwendiges Übel, um die Menschen bei der Stange zu halten.
So einige Psychiater sind schon wieder schnell dabei, die offizielle Stellungnahme abzumildern. Entzug sei aber zum Glück selten und nicht allzu schlimm...
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Smilla
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Re: Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken eines Antidepressiva-Entzugs gewarnt werden sollten

Beitrag von Smilla »

Hallo, Entchen.
Quietscheentchen hat geschrieben: 03.06.2019 17:58 Wenn ich mir anschauen, wie sich Wendy Burn auf twitter verhält, glaube ich nicht, dass diese Kehrtwende von Dauer sein wird. Sie war wohl für die Verantwortlichen ein notwendiges Übel, um die Menschen bei der Stange zu halten.
So einige Psychiater sind schon wieder schnell dabei, die offizielle Stellungnahme abzumildern. Entzug sei aber zum Glück selten und nicht allzu schlimm...
Das überrascht nicht. Dennoch ist es ein erster Schritt hin zum Besseren; alle noch so langen Wege beginnen ja damit.

LG Smilla
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Re: Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken eines Antidepressiva-Entzugs gewarnt werden sollten

Beitrag von Quietscheentchen »

Hallo Smilla,

ich würde mir sehr wünschen, dass es ein Schritt ist. Sehe es aber derzeit nicht.

Das Royal College retweetete bereits einen Artikel, der sagt, ja, man müsse den Entzug kontrollieren - und die Panikmache(!) ebenso.
Damit meinen sie die Aussagen von Betroffenen und die Medien.

Da wird einfach null begriffen, wie groß das Leid ist.
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Arianrhod
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Re: Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken eines Antidepressiva-Entzugs gewarnt werden sollten

Beitrag von Arianrhod »

Quietscheentchen hat geschrieben: 03.06.2019 22:07 Hallo Smilla,

ich würde mir sehr wünschen, dass es ein Schritt ist. Sehe es aber derzeit nicht.

Das Royal College retweetete bereits einen Artikel, der sagt, ja, man müsse den Entzug kontrollieren - und die Panikmache(!) ebenso.
Damit meinen sie die Aussagen von Betroffenen und die Medien.

Da wird einfach null begriffen, wie groß das Leid ist.
Wir sind gerade mitten im Wandel. 2007 hat man mir gesagt , alles wäre völliger Blödsinn und meine (Absetz)symptome nur ein weiterer Beweis dafür, dass ich PP noch länger, in noch stärkerer Dosis benötige. .
Noch ist die Diskussion ein Hin- und ein Her zwischen "progressiven " und " konservativen" Kräften , und es wird noch dauern, aber es geht doch voran.
:party2:

liebe Grüße Arian
[spoil]2005 mit Burnout und Depression in eine Tagesklinik gekommen.

Zuerst einmonatige Behandlung mit diversen Antidepressiva: Doxepin, Mirtazipin, Sulprid,
hypomane Reaktion
wobei die AD sofort und ohne Ausschleichen von den Ärzten abgesetzt wurden.


Verschiedene Diagnosen: schizoaffektive Psychose, Depression, bipolare Störung, Schizophrenie, dissoziative Identitätsstörung


Erst 2 Jahre Behandlung mit Amisulprid . Zu schnell auf eigene Faust abgesetzt.
Schwere Supersensitivitätspsychose .

Einstellen auf verschiedene Neuroleptika: Haloperidol, Quetiapin, Olanzapin, Risperidon, Paliperidon, Aripiprazol
Außerdem Lorazepam, Promethazin, Chlorprothixen, Melperon, Pipamperon

jahrelang , vieles gleichzeitig und in höchster Dosierung.
u.a. Berentung, 60 kg Gewichtszunahme
seit 2012 Ausschleichen von 800 mg Quetiapin retard innerhalb von 2 Jahren.
Meinen Absetzbericht findet man hier:
http://adfd.org/austausch/viewtopic.php ... 47#p120447
Seit Januar 2014 keine Neuroleptika mehr.

Ich leide seit 3 Jahren unter Nervenschmerzen, Kribbeln und Lähmungen. Bei mir wurde eine Polyneuropathie diagnostiziert und ein Zusammenhang mit NL vermutet - leider nicht beweisbar.

Außer Neuroleptika habe ich zwischenzeitlich auch Oxycodon ( ein Opioid) und Trimipramin nach zweijähriger Einnahme abgesetzt , die ich wegen chronischer Schmerzen verschrieben bekommen habe.
Pregabalin habe ich am 7.9.2016 endgültig ausgeschlichen.

Die Anzahl meiner Dauermedikamente beträgt gerade "0". :)

Ich weiß mittlerweile 2019 , dass ich Asperger- Autistin bin .
Quietscheentchen
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Re: Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken eines Antidepressiva-Entzugs gewarnt werden sollten

Beitrag von Quietscheentchen »

Arianrhod hat geschrieben: 04.06.2019 18:55
Quietscheentchen hat geschrieben: 03.06.2019 22:07 Hallo Smilla,

ich würde mir sehr wünschen, dass es ein Schritt ist. Sehe es aber derzeit nicht.

Das Royal College retweetete bereits einen Artikel, der sagt, ja, man müsse den Entzug kontrollieren - und die Panikmache(!) ebenso.
Damit meinen sie die Aussagen von Betroffenen und die Medien.

Da wird einfach null begriffen, wie groß das Leid ist.
Wir sind gerade mitten im Wandel. 2007 hat man mir gesagt , alles wäre völliger Blödsinn und meine (Absetz)symptome nur ein weiterer Beweis dafür, dass ich PP noch länger, in noch stärkerer Dosis benötige. .
Noch ist die Diskussion ein Hin- und ein Her zwischen "progressiven " und " konservativen" Kräften , und es wird noch dauern, aber es geht doch voran.
:party2:

liebe Grüße Arian
Ja vermutlich... Und ich sehe es durch die Entzugs-Negativität nicht. Entschuldigt.

Alles was ich derzeit sehe ist das Leid, das noch viele erfahren werden, weil es sich ewig in die Länge zieht, bis den Verantwortlichen ein Licht aufgeht.

Möchte euch hier aber nicht eure Hoffnung kaputtmachen, tut mir leid.

Liebe Grüße
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Murmeline
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Re: Kehrtwende: Psychiater sagen nun, dass Patienten vor den Risiken eines Antidepressiva-Entzugs gewarnt werden sollten

Beitrag von Murmeline »

Hallo ihr,

ich bin positiv gestimmt, dass der Diskurs insgesamt etwas in Bewegung kommt. Ich hab das Positionspapier mit Hinweis auf die Anerkennung der möglichen schwerwiegenden und langandauernden Symptome an einen Psychiater geschickt, der es wichtig fand und an seine Kollegen weiterleitet.

Mühsam nährt sich das Eichhörnchen, aber das ist schon eine Veränderung zu der Anfangszeit meiner Aktivitäten in diese Richtung! Es gibt Leute, die das interessiert.

Grüße, Murmeline
Erfahrung mit Psychopharmaka (Citalopram, langjährig Venlafaxin und kurzzeitig Quetiapin), seit 2012 abgesetzt
Hinweis: Das Team sorgt für die Rahmenbedingungen im Forum und organisiert den Austausch. Ansonsten sind wir selbst Betroffene und geben vor allem Erfahrungswerte weiter, die sich aus unserer eigenen Geschichte und aus Erfahrungen anderer ergeben haben.

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