Artikel von 2008, Badische Zeitung
Sind Antidepressiva tatsächlich wirkungslos?
Nein, aber auch keineswegs so harmlos, wie behauptet
Der Tag, an dem Monika starb, war Tag zwei nachdem sie ihr Antidepressivum Zoloft abgesetzt hatte. Der 21. April 2005 war der Tag, an dem EU-Fachleute zum ersten Mal empfahlen, zumindest Kinder und Jugendliche vor einem solchen Selbstmordrisiko durch Anti-Depressions-Pillen zu warnen. Und: "Es war ein sonniger Tag, als sich meine Frau 200 Meter von unserem Haus entfernt auf die Gleise legte und von einem Güterzug überrollt wurde." Wenn man Lothar Schröder heute diese Dinge referieren hört, dann lassen vor allem die ungewöhnlich genaue Erinnerung an die Details und das kurze Stolpern in den Sätzen den unvergessenen Schrecken dieses Maitages erahnen. Details, die noch einmal eine große Rolle spielen könnten, wenn der 45-Jährige sein Ziel erreicht: Die Leute vor Gericht zu bringen, die in seinen Augen für Monikas Tod verantwortlich sind. Zweimal hat der Mathematiker die Firma Pfizer bereits auf fahrlässige Tötung verklagt — vergeblich. "
Dem Konzern waren die Risiken des Medikaments seit Jahren bekannt. Trotzdem hat er sie heruntergespielt und vertuscht" , schimpft er. "Es gab keine Fachinformation, keinen Beipackzettel, der uns vor der Suizidgefahr gewarnt hätte. Und jetzt heißt es sogar, dass dieses Mittel wirkungslos war." Denn erst vor kurzem ist in dem Fachmagazin Plos Medicine eine Studie erschienen, in der der Brite Irving Kirsch eben dies behauptet: Zumindest bei leichteren Depression, so der Psychologe, mache es im Prinzip keinen Unterschied, ob man eine Pille wie Prozac oder ähnliche sogenannte SSRI-Medikamente nimmt oder ob man eine wirkungslose Zucker-Pille schluckt. Nur bei schwereren Depressionen, so Kirschs Fazit nach der Sichtung von 35 Untersuchungen, scheint ein sogenannter Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer tatsächlich besser zu helfen.
Spricht man den klinischen Pharmakologen und ehemaligen Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Bruno Müller-Oerlinghausen, auf die SSRI an, weiß er eine lange Geschichte zu erzählen. Sie handelt von Konzernen, die Ende der 80er Jahre mit Psycho-Medikamenten wie Prozac und Zyprexa neue Standbeine im Weltmarkt suchten. Und mit sagenhaftem Werbeaufwand probierten, auch Ärzte und Patienten für die neuen Mittel zu begeistern.
"Fragwürdige Konsensus-Konferenzen wurden gegründet, Selbsthilfegruppen initiiert" , erzählt der Mediziner. Mit der Serotonin-Hypothese wurde sogar einem Erklärungsmechanismus für die Depression zum Durchbruch verholfen, der ideal zur Wirkungsweise der neuen Mittel passte. Ein Mangel an dem Botenstoff Serotonin im Hirn sollte nun vornehmlich für die niedergeschlagene Stimmung verantwortlich sein. Und die SSRI diesen Mangel abstellen. Die Kampagne war ein Erfolg. In den USA wurde Prozac zur Party- und Szenedroge. Auch der Weltgesundheitsorganisation fiel plötzlich auf, dass Depressionen noch viel stärker die Lebensqualität beeinträchtigen als Diabetes, Herzkrankheiten und Krebs. Besonders verführerisch machte die neuen Pillen, dass sie laut den Firmen kaum noch unangenehme Nebenwirkungen besitzen sollten. "Die Werbung war so massiv, dass die Ärzte oft dachten, sie würden unverantwortlich handeln, wenn sie nicht die angeblich besseren SSRI verschreiben würden" , erzählt Mathias Berger, ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychotherapie und Psychiatrie der Freiburger Uniklinik.
Ein Irrtum: "Wenn man sich einmal alle wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Thema vornimmt" , sagt der Psychiater Berger, "dann schneiden die älteren trizyklischen Antidepressiva in Sachen Wirksamkeit mindestens genauso gut, teilweise sogar besser ab." Ein Unterschied existiere eigentlich nur bei den Nebenwirkungen. Diese seien bei den bewährten Mitteln aber keineswegs schwerer, wie von den SSRI-Herstellern behauptet, — "nur anders" . Klagen Patienten, die trizyklische Antidepressiva nehmen, manchmal über Verstopfungen, einen trockenen Mund oder zusätzliche Kilos,
müssen bei den Konkurrenzprodukten viele mit Nebenwirkungen wie Schlafproblemen, Unruhegefühlen, sexuellen Funktionsstörungen oder Zittern rechnen. "Für mich bleiben die bewährten Antidepressiva Mittel der ersten Wahl. Wenn der Patient sie nicht verträgt, kommt auch ein SSRI in Frage."
Aber schon die älteren Medikamente hatten mit dem aktuellen Problem, der schlechten Wirksamkeit zu kämpfen. "Setzt man Antidepressiva gegen leichtere Depressionen ein, schneiden sie in der Regel in Studien nur wenig besser ab als Scheinmedikamente" sagt Berger. "Das Gleiche gilt auch für die Psychotherapie." Sind also alle Heilversuche wirkungslos? "Nein. Die Nagelprobe sind die schweren Depressionen — und hier sind sowohl Medikamente als auch Psychotherapie in der Behandlung erfolgreich, vor allem in der Kombination."
Vorzeigbar sind auch die Erfolge bei der Rückfallprophylaxe. Denn ein Patient, der aus dem Schwersten raus ist, ist noch lange nicht darüber hinweg. Bis zu 40 Prozent der Kranken fallen nach der Genesung in den ersten drei bis vier Monaten bei Belastungen wieder zurück in ihr schwarzes Loch. Unterstützt man sie mit Medikamenten, Psychotherapie oder auch SSRI sind es nur etwa 15 Prozent.
Wie aber erklärt sich der Widerspruch, dass ein Mittel gegen eine leichte Erkrankung kaum, gegen die schwere Form aber gut hilft? Fachleute wie Müller-Oerlinghausen verweisen darauf, dass sich die Mehrzahl der Betroffenen in den ersten drei, vier Monaten von selbst erholt — mit oder ohne Therapie. "Bei leichteren Depressionen lässt sich so ein schwacher Effekt nur mit sehr großen Studien aufspüren. Nur daran mangelt es" , meint Berger. "Watchful waiting" nennt sich deshalb das Therapie-Konzept der Arzneimittelkommission, das Berger bei Patienten mit leichteren Depressionen empfiehlt — vorausgesetzt sie sind nicht suizidgefährdet. Nimmt man dem Kranken Stress und Belastung, verschreibt ihm vielleicht hier und da ein Beruhigungsmittel, kann man mit gutem Gewissen auf die Selbstheilungskräfte vertrauen. Wenn man ihn regelmäßig sieht. "Hilft das innerhalb der nächsten Wochen nicht, bleibt immer noch die Option, ihm eine Arznei oder Psychotherapie anzubieten" , so Berger.
Bei Monika Schröder war der Hausarzt leider weniger vorsichtig. Als die arbeitslose Frau nach der Entfernung ihrer Gebärmutter über ihre Sorge klagte, depressiv zu werden, verschrieb er ihr zunächst ein Beruhigungsmittel. Später wegen der Müdigkeit einen Stimmungsaufheller. Beim ersten Mal vertrug die Hobbymusikerin das SSRI-Präparat nicht, der Arzt setzte es ab. Zwei Monate später gab ihr eine Neurologin erneut Zoloft. Weil sie wieder unter Unruhe, Schlaflosigkeit und Schweißausbrüchen litt, empfahl ihr die Ärztin zwei Wochen später, die Einnahme zu stoppen — auf einen Schlag. Zwei Tage danach war Monika Schröder tot. Die Ursache könnte gewesen sein, was der Psychiater Berger ein Reboundphänomen nennt. "Wenn man die Mittel plötzlich nicht mehr nimmt, ohne langsam die Dosis zu senken, kann das bei dem Patienten massivste Unruhegefühle oder Panikattacken auslösen." Hatte die Ärztin das nicht gewusst?
Schröder gibt hieran auch dem Zoloft-Hersteller Pfizer die Schuld. "Lange hieß es, man könne das Medikament ohne Probleme absetzen. Abhängigkeiten, Nebenwirkungen — all das gäbe es nicht." Auf diese Weise habe man Ärzte und Patienten jahrelang in einer falschen Sicherheit gewogen. Tatsächlich wissen Müller-Oerlinghausen und Berger ganze Kataloge von Studien zu zitieren, die inzwischen den Nimbus der "unkomplizierten Stimmungsaufheller" zerstört haben und über ernste Nebenwirkungen wie bedrohliche Probleme beim plötzlichen Absetzen und sogar Suizidgedanken berichten. Studien, die oft jahrzehntelang verschwunden waren — weil Konzerne wie Elly-Lilly, GlaxoSmithKline und Pfizer unerwünschte Ergebnisse unter Verschluss hielten.
Die Medizinerzeitung New England Journal hat vor kurzem errechnet, dass fast ein Drittel der SSRI-Studien nie in Fachjournalen auftauchten und damit für die Ärzte nicht einsehbar waren. 22 von 36 Studien mit negativem Ergebnis wurden nicht veröffentlicht. Viele Resultate geschönt. Kurz zuvor hatte die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA festgestellt, dass Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen, die jünger als 25 Jahre sind, die Gefahr von Selbstmordversuchen verdoppeln. Zwei bis drei Prozent der jungen Patienten bringen die Medikamente laut FDA dazu, zumindest mit dem Gedanken an Suizid zu spielen. Bei Erwachsenen ist diese Risikozunahme nicht festzustellen. Im Rentenalter scheint die Gefahr sogar abzunehmen. Für die Schröders kommt diese Erkenntnis zu spät. Sorglos war Lothar zur Arbeit gegangen, um dann nach Feierabend seine Frau tot aufzufinden. "Nur weil ich Angst habe depressiv zu werden, bringe ich mich doch nicht um" , sagt er heute noch ungläubig. Er hätte vielleicht gewarnt sein können — und das ist es, was er Pfizer nie verzeihen wird.
Michael Brendler, 10.3.2008
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