Eine gute Tat am Tag
Gestern war ein aufregender und aufwühlender Tag.
Ich kam gegen 13.30h vom Einkaufen heim und bemerkte bereits im Hinterhof eine Taube, die mein Interesse erregte.
Die Taube (es gibt einige davon bei uns) lief irgendwie orientierungslos herum, so wirkte es zumindest auf mich, und als sie mich sah, war sie auch gar nicht scheu.
Da ich beim Einkaufen auch Brötchen gekauft hatte, nahm ich eins heraus, pfriemelte eins zwei Bröckchen ab und warf sie ihr hin, weil ich dachte, sie sei hungrig.
Das komischerweise machte ihr dann Angst und in einem Anflug von was - Wahnsinn?- hüpfte die Taube zur Seite und quetschte sich ungelogen durch die Speichen des Fahrrads meines Nachbarn.
Das war surreal, weil sie mit ihrem Körper in den Speichen stecken blieb und dann drückte und robbte sie und es flogen Federn

- und sie hatte sich durchgequetscht.
Welche Taube passt denn durch ne Speiche und warum flog sie nicht weg oder lief um dem Reifen und versteckte sich dann hinter dem Rad? Geht´s noch komplizierter?
Das Rad stand nahe an der Hauswand und so suchte das Tier also Schutz zwischen Hinterrad und Hauswand und verkrümelte sich dorthin. Mit schlechtem Gefühl stapfte ich die 53 Stufen rauf in meine Wohnung; am Ende des Tages bin ich diese Stufen insgesamt 318 mal! gelaufen.
Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür. Leider habe ich keine Gegensprechanlage (mittelalterlich, sowas) und so stürmte ich runter, weil ich den Paketdienst vermutete - der es auch war. Ich nahm das Päckchen entgegen und guckte bei der Gelegenheit noch mal nach der Taube.
Diese saß immer noch genau auf dem Fleck, auf dem sie gesessen hatte, als ich zum ersten Mal in meine Wohnung ging und wirkte wie paralysiert / eingefroren.
Ängstlich näherte ich mich dem Tier, das keine Anstalten machte zu wanken oder zu weichen.
Ich wedelte 2cm vor seinem Schnabel mit meiner Hand herum - und nichts geschah.
Ich bekam einen riesen Schreck, weil sich damit meine Angst bewahrheitete, eine kranke Taube vor mir zu haben. das Tier hatte nichts von den Krümeln angerührt und sein Kot sah furchtbar aus (ich erspare euch Details).
Ich habe noch nie eine Taube gesehen, die so krank war, dass sie nicht mal einen Zentimeter gewichen wäre, wenn sich ein Mensch näherte. Dieses Tier wirkte auf mich wie in einer Starre und guckte mich aus großen Kulleraugen an.
Wer mich etwas besser kennt, der weiß, dass ich mit Sicherheit zu den wirklich tierliebsten Menschen überhaupt gehöre und insbesondere alle Arten von Federvieh haben es mir angetan.
Ich bin also panisch in meine Wohnung zurück und überlegte fieberhaft, was ich tun könnte.
Da sitzt eine todkranke Taube bei mir im Hof und krepiert vor unseren Augen? Unvorstellbar.
Bei dem Gedanken habe ich echt Anfälle gekriegt und ich musste mehrere Runden heulen, vor Schock und Schreck. Ich konnte mich gar nicht beruhigen.
Das Tier zur Tierärztin um die Ecke bringen wollte ich nicht, da die vogel
unkundigen Tierärzte kranke Tauben eh sofort einschläfern ohne sie richtig untersucht zu haben und ich zudem nicht das Geld aufbringen kann für eine Tierarztbehandlung. Schlimm
Dann wollte ich die Taube zu unserem vogelkundigen Tierarzt in XYZ bringen, was allerdings 45min Fahrtweg alleine auf der Autobahn bedeutet und ich habe kein Auto! Ich bekniete meine Mutter, mir ihres zu leihen. Ich weiß, dass mein Tierarzt auch Fundtauben / Fundvögel behandelt - und das kostenlos! Aber das Auto hätte ich frühestens ins 3 Stunden haben können und dann nur mit unsäglichem Gegurke, weil meine Mutter zuvor in eine andere Stadt hätte gebracht werden wollen.
Ich hab daraufhin das Tierheim angerufen, nicht besetzt

Nur vormittags besetzt.
Als nächstes das Ordnungsamt. Nicht besetzt, nur ... ja genau... vormittags...
Dann hieß es auf einem Anrufbeantworter, dass man bei Fundtieren wie Katzen und Hunde, wenn das Tierheim nicht besetzt ist, die Feuerwehr anrufen soll.
Gilt das auch für kranke und verletzte Tauben?
Also das habe ich mich dann nicht getraut, stattdessen war ich einfach nur völlig desillusioniert und hab geheult wie ein Schlosshund
Wer in Deutschland fühlt sich verdammt noch mal für kranke Stadttauben zuständig?
Ich fing an im Internet zu recherchieren und stieß dann, dem Himmel sei Dank, auf ein Taubenschutzprojekt der nächsten Großstadt.
Samt Angabe einer Handy-Notfallnummer, wenn man irgendwo verletzte und kranke Tauben auffindet.
Ich habe mir gedacht - ich habe nix zu verlieren, probiere es da mal, vielleicht können sie dir einen Tipp geben.
Und dann habe ich die Dame gefragt, ob sie nicht vielleicht - bitte bitte - auch zu mir in die Nachbarstadt kommen würde (die beiden Städte liegen sehr nahe beieinander) und dem Himmel, der Dame, dem Tierschutz und dem Projekt sei dank - sie hat ja gesagt

.
Sie gab mir Instruktionen und sagte, es werde jemand kommen, es würde aber dauern, da es ehrenamtlich ist.
Ich jubilierte. Suchte Schälchen, Haferflocken, Wasserflasche zusammen, Zettel, Tesa, Stift und zerschnitt eine große Einkaufskiste / machte Lustschlitze rein.
Wieder ab nach unten, ganz vorsichtig das Fahrrad des Nachbarn zur Seite gehievt, Tierchen rührte sich immer noch keinen Millimeter, guckte mich als nur mit großen Kulleraugen an. Da sah ich dann auch, dass das Arme gar keine Schwanzfedern hat. Und immer noch nix vom Brötchenkrümel gefressen hat.
Ich also Schälchen mit Wasser und Haferflocken vor ihm positioniert und Karton drüber gestülpt, damit sie nicht wegfliegt, ehe die Taubenhilfe da ist.
Dann überall im und am Haus Zettel an meine Nachbarn und für den Tierschutz hinterlassen (dass die Dame, die kommen will, uns schnell finden kann) und die Nachbarn gebeten das Tier in Ruhe zu lassen und alles abgesichert.
Leute, ich war fix und fertig danach.
Um 18.30, nach der Arbeit, und das war eine laaaange laaange Zeit des Wartens für mich, wenn man da so ein siechendes Tier vor der Nase hat, kam die Dame des Taubenschutzprojekts endlich.
30 Sekunden vorher, ich hockte bei dem Tier und sittete die Taube sozusagen, hatte ich mehr als komische Geräusche aus der Kiste gehört. Ich konnte es überhaupt nicht zuordnen, nach Taube hörte es sich nicht an. Doch dann hörte ich dieses laute wehleidige Fiepen von der Kiste und mir wurde klar: passt durch eine Speiche, große Kulleraugen, Fiepen und kein Schwanz - ein krankes Jungtier!
Ich hatte gerade diese Info verdaut, da kam wie gesagt die Dame und ich erzählte ihr, was passiert war. Sie griff beherzt zu und inspizierte das Tier. Ein Jungtier, in der Tat. Und aus dem Nest gefallen

. Ein Nestling. Und hilflos. Zwar nicht krank, aber hilflos. Nicht in der Lage selbständig zu fressen; es wäre ohne mich verhungert. Erst habe ich mich geschämt, weil es nicht krank war, sondern geschockt und ich es missinterpretiert habe (sog. Schockstarre), aber die Dame sagte, ich hätte genau richtig gehandelt, denn das Tier sei nicht in der Lage zum Nest zurückzufinden und würde ohne die Eltern verhungern.
Sie hat die Taube dann an sich genommen, wird sie füttern und päppeln und dieser schrecklich aussehnde Kot ist Hungerkot. Wenn das Tier älter ist und selbständig fressen kann, wird es auf einem Gnadenhof vergesellschaftet mit anderen Jungtauben und dann darf selbständig entscheiden, ob es bleiben will oder wegfliegt / flattert.
Leute, das war ein aufregender Tag.
Alle Menschen wollen Happy Ends bei kranken oder verletzten oder verunfallten Tieren... aber sowas geht nur, wenn die Leute nicht weggucken! Hilfe allerdings hab ich nicht viel bekommen

Ich kann nicht weggucken, wenn andere leiden. Bei Menschen nicht, und bei Tieren auch nicht.
Ich bin traurig, wie wenig Menschen sich um Tauben scheren.
Und dass sich niemand für diese Tiere verantwortlich fühlt.
Aber ich bin dem ehrenamtlichen Verein unendlich dankbar, dass sie mir geholfen und mich nicht haben hängen lassen. Meine Mutter und Schwester waren am Ende so froh über mein Engagement, dass sie beschlossen haben in meinem Namen etwas an den Tierschutzverein zu spenden.
Das gibt jetzt bestimmt drei extra Sternchen beim lieben Gott.
Namaste
Jamie