Hallo,
an diesem vorletzten Tag eines Jahres, das ich gerne rundherum einpacken, verschnüren und in den Tiefen des Ozeans versenken möchte, aufdass so ein grausam anstrengendes Jahr niemals wiederkehren möge.
Ich bedanke mich bei allen netten Menschen hier, die mir freundliche und aufmunternde Worte da gelassen haben, auch wenn ich nicht reagieren könnte.
Ich hatte immer wieder Impulse mal ein "Höllenupdate"

zu geben, aber beim Gedanken daran all das formulieren und niederschreiben zu müssen ist mir jegliche (eh nicht vorhandene Energie) zusätzlich abhanden gekommen und daher habe ich es sein lassen.
Wie ihr bemerkt habt, steige ich kleinen Etappen wieder in die Forenarbeit ein, freiwillig, wenngleich mein Leben immer noch arg danieder liegt.
Ich hätte eigentlich Stoff einen langen Roman zu schreiben, was da in den letzten 3 Wochen bei mir abgegangen ist, aber ich picke mir nur das Relevante heraus.
Es fing damit an, dass ich Mittelohrentzündung bekam, morgen ist das 21 Tage her, und mich nicht schonen konnte, weil mein Vater immer noch schwer krank im Krankenhaus lag.
Ich bin sofort zum HNO Arzt und bekam ein Antibiotikum, das allerdings nur leidlich half. Nach 3 Tagen bekam ich nachts eine massive Verschlimmerung meines Zustands, sodass ich donnerstags morgens wieder beim HNO Arzt saß, der darauf hin das AB wechselte (von Doxycyclin auf Amoxicillin).
Im Laufe des Tages nahm das Krankheitsgefühl massiv zu und Eiter lief aus dem Ohr.
Freitags steigerte sich das Schmerzlevel und die Entzündung so exorbitant, dass ich vor Verzweiflung, Panik und Schmerzen nur noch weinen konnte.
Ich bat meine Mutter am frühen Abend mich zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst zu fahren, weil es nicht mehr auszuhalten war. Der Arzt dort war glücklicherweise Internist und hörte sich alles genau an. Beim Blick aufs Ohr meinte er dann, das sähe übel aus und er habe den Eindruck, das Trommelfell sei möglicherweise perforiert.
In Anbetracht dessen, dass ich mit einem angeborenen Herzfehler vorbelastet sei und bereits beim Zweitlinien-Antibiotikum sei, das anscheinend nicht greife, könne er mir jetzt leider nicht weiterhelfen außer mich in die HNO Notaufnahme der nächsten Uniklinik zu verweisen bzw. mich einzuweisen.
Wir sind dann weiter in die Uniklinik, wo ich glücklicherweise auch nicht länger als 1,5 Stunden warten musste und dann ran kam. Der Arzt inspizierte das Trommelfell und meinte, es sei nicht eingerissen, aber hinter dem Trommelfell sei so ein starker Erguss und solch eine Entzündung, dass es extrem gespannt und vorgewölbt sei und noch reißen könnte. Außerdem sei auch der Gehörgang mit entzündet sowie das umliegende Gewebe angegriffen. Er wechselte erneut das AB (jetzt Cefuroxim), saugte mir Entzündungsflüssigkeit aus dem Gehörgang (jaul), verordnete Ciprofloxacin-Ohrentropfen, schrieb stärkere Schmerzmittel auf (Voltaren / Diclofenac) und kündigte an, ich müsse zurück in die Notaufnahme, wenn der Schmerz binnen 24-36 Stunden nicht massiv besser werden würde, da man dann das Trommelfell aufschneiden müsste.
Ich war erleichtert heim zu dürfen und war am späten Freitag Abend dann daheim, aber ich bemerkte dann, dass die Wirkung der Voltaren nur 2 Stunden anhielt und parallel heizte die Entzündung noch weiter an. Mitten in der Nacht wurde mir klar,
dass hier gerade etwas völlig außer Kontrolle geriet. Nichts wurde besser, alles nur schlimmer. Und ich kann doch nicht alle 2 Stunden eine Voltaren nachlegen, da werde ich am nächsten Tag mit Nieren- und / oder Leberversagen und Medikamentenvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert.
Also rief ich im Morgengrauen wieder heulend meine Mutter an und wir fuhren erneut in die Uniklinik.
Ich kann euch nicht sagen, in welchem Zustand ich war, aber ich war ein Tier und kein Mensch mehr. Die Schmerzen haben mich fast umgebracht; und ich kann Schmerzen normalerweise tolerieren! Ich habe gewinselt, gestöhnt, geheult, gebrüllt und mein Umfeld angefahren.
Ich habe mir den sofortigen Tod herbeigewünscht.
In der Uniklinik war ein neuer Arzt, der mir nun mit dem Skalpell wedelte. Und was soll ich sagen? Es war mir egal. Schei* egal. Ich willigte in die Parazentese ein (Trommelfellschnitt); ich wollte nur noch, dass der Schmerz aufhört.
Er hat es so gut es geht betäubt und ich habe es über mich ergehen lassen. Durch den Schnitt konnte die Wundflüssigkeit hinter dem Trommelfell nach vorne gedrückt werden (über Druckausgleichsübungen) und der Arzt kann es dann absaugen. Dadurch, dass der Druck abnimmt, nehmen normalerweise auch die Schmerzen ab, aber bei mir half es leider nur wenig.
Ich sollte dann sagen, wo auf einer Skala meine Schmerzen seien, und als ich dann sagte vorher 10 von 10, jetzt 9 von 10, bin ich unwirsch angeguckt worden, das könne nicht sein.
War mir aber egal. Warum sollte ich lügen? Ich wär ja selber froh gewesen, die Schmerzen wären bei 5 gewesen.
Langer Rede kurzer Sinn. Ich war am Ende. Mit allem. Mit mir, den Nerven und den Kräften und ich hätte es mir nicht vorstellen können, dass dies je in meinem Leben passieren würde, aber ich habe tatsächlich den Arzt angebettelt mich auf Station zu nehmen.
Wer mich und meine Krankenhausphobie kennt, der weiß, dass ich da einen Verzweiflungsgrad gehabt haben musste, dass sprichwörtlich nichts mehr ging.
Ich konnte mir nicht mehr vorstehen und hätte auch nicht gewusst, wie ich das mit den Schmerzen noch hätte regeln können; es war einfach unerträglich. Und wenn selbst ich mit pharmazeutischem Beruf nicht mehr weiter weiß? Ich meine, das will was heißen.
Ich bin dann auf Station gekommen und die ersten 2 Tage waren ganz ganz schlimm. Da ich das Standardanalgetikum Novalgin (Novaminsulfon) nicht vertrage und infundiert bekommen darf, hing ich - witz komm raus du bist umzingelt - am Paracetamol-Tropf! Und bekam alle 8 Stunden 1,5 Gramm Cefuroxim infundiert! Meine Entzündungswerte waren exorbitant; völlig entglitten, wie bei einer Sepsis. Katastrophe.
Ich hab die ersten 48 Stunden die Minuten rückwärts gezählt, bis ich wieder an den Tropf durfte. Nachts bin ich weinend über den Flur geschlichen, weil die Schmerzen immer noch so stark waren und ich aber nix mehr haben durfte, da ich schon so zugedröhnt war. Ich habe dann mit einem Arzt ausgehandelt, im Notfall wenigstens 10 Tramal Tropfen nehmen zu dürfen, da es weder in meinem noch ärztlichen Sinne ist, wenn ich nachts weinend vor Schmerzen den Flur unsicher mache. Schrecklich

.
Erst am Ende des dritten Tages hatte ich mal Zustände, wo ich nicht ständig nach dem Paracetamol Tropf schielte. Mein Trommelfellschnitt war zu diesem Zeitpunkt wieder zugeheilt, allerdings waren die Hörtestergebnisse nicht gut; ich habe einen Hörverlust zu 40% bei gewissen Tönen.
Die Entzündungswerte sind Gott sei Dank massiv gesunken und nach vier Tagen konnte man mich entlassen. Ich wär ja noch einen Tag länger geblieben, aber das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Durchgangsstation und man wollte mich da vor Weihnachten raus haben. Verstehe ich auch, wollte auch selbst raus, aber einen Tag länger hätte ich auch gerne noch akzeptiert.
Ich bin dann wieder zum HNO und auch zu meinem Hausarzt. Das Ohr sah wieder normal aus, allerdings hat die Entzündung sehr gewütet und zudem habe ich auch noch einen viralen Infekt obendrauf bekommen. Ich mache seitdem mit Neuralgien an Kopf, Hinterkopf und Gesicht herum; ich habe immer noch einen leichten Erguss, der mein Hörvermögen einschränkt und mein Trigeminusnerv hat was abbekommen.
Durch das bevorzugte Liegen auf dem noch gesunden Ohr hat das gesunde Ohr links nun auch einen Druckschaden; ich habe überall Schmerzen (Nerven) am Ohr und der Schläfe.
Dadurch war ich gezwungen viel auf dem Rücken zu liegen, was allerdings aufgrund meiner kaputten Wirbelsäule auch ein Problem ist und jetzt kämpfe ich mit einem Halswirbelsäulensyndrom, das locker mit meinem Zustand nach meiner Herz OP mithalten kann, laufe wie auf rohen Eiern, mir wird schwindelig bei den einfachsten Bewegungen und so weiter.
Mein HNO Arzt kam dann auf die Idee, es war keine gute Idee

, mir aufgrund meines schlechten Zustands 500mg Prednisolon zu infundieren, da innerlich noch viel angeschwollen war / ist.
Am nächsten Tag dann noch mal 250mg und dann ausschleichend über 10 Tage (aber nur noch Tabletten, Weihnachten stand an und die Praxis war zu). Ich habe das sehr bereut. Aber ich war auch sehr verzweifelt. Das Cortison hat mich abgeschossen. Herzrasen ohne Ende, Flush, Bluthochdruck, Panik, Aggressionen, Unruhe... das ganze schei

Programm. Ich leide auch heute noch darunter; ein ganz schlimmeds Gefühl, nicht man selbst zu sein.
Erst war ich nicht ich selbst wegen der Schmerzen und jetzt wegen der Unmengen Stresshormone, die immer noch durch meinen Körper wabern.
Zwischen den Jahren hatte mein Hausarzt Notfallsprechstunde und war schockiert über meinen schlechten Zustand. Ich hatte (jetzt etwas weniger, Gott sei dank) auch massive Herzstolperer ausgelöst durch das Cortison. Er hat mir verboten es weiterzunehmen und konnte mir nur anbieten mich wieder in die Klinik einzuweisen. Aber ich wollte / will natürlich nicht

.
Dennoch steht seit Heilig Abend eine gepackte Tasche hier, falls ich wieder muss.
Ich bin an einem Grad der Zermürbtheit angelangt, wo ich mich nur noch in mein Schicksal füge.
Cortison schwemmt Kalium vermehrt aus; Kaliummangel (als auch Überschuss) verursachen Herzrhythmusstörungen. Ich behelfe mir mit kleinen Krümelchen Kaliumtabletten und hoffe, dass es sich wieder einrenkt.
Parallel bin ich unsäglich geschwächt von diesen Unmengen an Medikamenten und auch der ganzen Entzündung. Ich bin aus dem Krankenhaus entlassen worden und war besser beisammen als jetzt. Zudem noch der Virus, der mir zu schaffen macht. Nachts schwitze ich mein Bett durch; ich bin bettlägerig und muss Familie und Freunde kommen lassen, um nach mir zu gucken. Selbst aufstehen und aufs Klo gehen ist anstrengend, Duschen gleicht einer Mount Everest Besteigung. Mein Herz rast sogar, wenn ich rede!

Schrecklich.
Das kommt vermutlich hauptrangig von dem Cortison, nachrangig ist es die schwere Erschöpfung und die Strapaze der letzten Wochen, die mich umhauen.
Vor zwei Nächten bekam ich nachts dann noch Darmkoliken und bin auf der Toilette ohnmächtig geworden, konnte mich dann aber ans Bett zum Handy retten und meine Mutter anrufen und die Beine hochlagern. Ich war sowas von kurz davor die 112 zu wählen

. Das ist so schrecklich, wenn man so fertig ist und dann immer noch was oben drauf kommt. Man besteht irgendwann nur noch aus Angst. das Herz rast und stolpert, man fühlt sich beklemmt in der Brust, es ist einem schwindelig und man hat brain fog, der Körper ist so übermüdet und gleichzeitig so aufgeputscht usw.
Insgesamt muss ich sagen, komme ich einfach nicht mehr richtig auf die Beine.
Ich habe mich dieses Jahr so aufgeopfert für meinen Vater, dass ich selber erst so krank werden musste. Und das habe ich jetzt davon. Völlig erledigt und mit den Nerven runter.
Das kann nicht gesund sein und den Preis zahle ich jetzt.
Ich spüre, es wird eine lange Rekonvaleszenz. Momentan bin ich froh, wenn ich einfach nur liegen kann und das Herz nicht so dolle rast. Ich brauche es warm, muckelig und kuschelig. Ich will einfach nur noch meine Ruhe. Und ich esse wie ein Scheunendrescher. Ich esse esse esse.
Ich kann überhaupt nicht aufhören zu essen. Ich bin so schwach, ich glaube mein Körper braucht alle Energie, die er kriegen kann.
Natürlich habe ich viele NEM und unterstützende Präparate hier, aber es geht alles nicht so richtig an mich. Ich brauche vor allem Butterbrote, tierisches Fett (stürze mich geradezu auf Hühnerbrühe, weichgekochte Eier und Markklöschen und so Sachen) und Süßes. Weiches Süßes. zB weicher Schokokuchen. Lauter ungesundes Zeug, aber mir egal. Ich futtere wie eine Verhungernde.
Tja, also das ist alles ziemlich heftig gewesen und nach wie vor heftig.
Die Medikamente waren nötig, aber ich habe sie extrem schlecht vertragen und gemerkt, dass sie mir schaden. Der Schaden wird vermutlich viele Monate anhalten, aber es ist nicht zu ändern. Ich muss 2018 langsam mit dem Wiederaufbau beginnen.
Meinen Magen hat dieser Horrortrip an Medikamenten auch gänzlich zerschossen; ich habe 2 ganze Jahre des PPI Ausschleichens verloren

. Bin auf Dosierungen zwischen 20-28mg.
Keine Chance gehabt, muss wieder von vorne beginnen.
Was bleibt denn jetzt als Fazit?
Dankbar zu sein zu leben. Dankbar zu sein Hilfe bekommen zu haben. Dankbar sein Weihnachten nicht im Krankenhaus liegen zu müssen.
Und sehr sehr viel Zeit haben und genau nachdenken, dass sich sowas nicht wiederholen darf und wo ich die Grenze zum eigenen Überlebensschutz ziehen muss.
Viele Grüße
Jamie
